Fünf Menschen, die an den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung gestorben sind: Kim Young-sook, Südkorea; Ursula Schank, Deutschland; Conny Nxumalo, Südafrika; Isabelle Odette Hilton Papadimitriou, USA; Nelson Meurer, Brasilien (von oben links im Uhrzeigersinn)
Fünf Menschen, die an den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung gestorben sind: Kim Young-sook, Südkorea; Ursula Schank, Deutschland; Conny Nxumalo, Südafrika; Isabelle Odette Hilton Papadimitriou, USA; Nelson Meurer, Brasilien (von oben links im Uhrzeigersinn)
Foto: Privat

Coronaopfer Fünf von einer Million

Eine Million Corona-Tote wurden seit Jahresbeginn weltweit offiziell registriert. Jeder und jede dieser Toten hat eine Geschichte. Hier erzählen wir fünf von ihnen.

Isabelle Odette Hilton Papadimitriou, 64, Dallas, USA

Die elf Monate, in denen ihre kleine Enkelin Lua ihr Leben begleitete, gehörten wohl zur schönsten Zeit in Isabelle Papadimitrious nicht immer einfachem Leben. Sie war dreimal verheiratet, hatte zwei Kinder. Oft, so erinnert sich ihre Tochter, verspürte sie Sehnsucht nach der Ferne. Sie wurde in Texas geboren, lebte ein paar Jahre auf Hawaii und in Mexiko. Träumte von Griechenland, von Paris.
Papadimitriou arbeitete als Atemtherapeutin, sie legte Patienten an Beatmungsgeräte und unterstützte Genesende dabei, ihre Lungen wieder zu kräftigen. Zuletzt war sie im Reha-Zentrum eines Krankenhauses in Dallas angestellt, bekam direkt die Auswirkungen der Pandemie zu spüren: Es gab nicht genügend Schutzausrüstung. Doch weil sie ihre Tochter und deren Mann, die arbeitslos geworden waren, in New York unterstützen wollte, übernahm sie Extraschichten. Ende Juni fühlte sie sich krank. Ein Test fiel positiv aus.

Ihrer Tochter in New York schrieb sie: "Ich werde das Ding bekämpfen. Ich schaffe es für Prinzessin Lua." Ihre Tochter schickte ihr Dutzende Bilder der Enkelin. Doch ihre Kraft reichte nicht aus. Am 4. Juli starb Isabelle Papadimitriou in einem Krankenhaus in Dallas.

Kurz nach Papadimitrious Beerdigung kam bei ihrer Tochter in New York ein letztes Päckchen an. Darin lagen kleine pinkfarbene Schuhe, für Lua.

Ursula Schank, 79, Potsdam, Deutschland

Als Torsten, der Sohn, nach ihrem Tod die Wohnung in Potsdam auflöste, fand er im Schlafzimmer seiner Mutter unter dem Bett zahlreiche Schuhkartons. Er öffnete sie und entdeckte mindestens tausend Seiten Papier, eng mit der Hand beschrieben, in steiler Schrift. Torsten Schank begann zu lesen, musste heftig weinen und fragt sich seitdem, wie gut er seine Mutter wirklich gekannt hat.

Er wusste natürlich, dass sie am 14. Oktober 1940 in Pommern geboren wurde, in Eichenberge, das seit Ende des Krieges Dąbie heißt und in Polen liegt. Ursula Schank war acht Jahre alt, da wurde die Familie vertrieben. Ihr Vater war im Krieg geblieben, sodass Ursula zusammen mit ihrer Mutter, ihrer anderthalb Jahre jüngeren Schwester, mit der Oma und einer Tante in einem Pferdewagen den Bauernhof verließ, das 200-Seelen-Dorf, die Heimat. Der Treck fuhr mehr als 400 Kilometer nach Westen, nach Kanin in Brandenburg, wo er vor einer Gaststätte stoppte. In den Schuhkartons unter dem Bett fand er die Lebensgeschichte seiner Mutter: lose Notizen, lange Erinnerungen, Gedanken. "Ich hatte davon keine Ahnung", sagt Torsten Schank. Seiner Mutter ist er für die Manuskripte dankbar.

Ein Teil der Aufzeichnungen ist überschrieben mit "Mein erstes Leben", ein Kapitel heißt "Geboren". Ursula Schank schreibt, dass sie zu Hause den Backofen mit Birkenholz heizten, weil dann die Kruste des Sauerteigbrots etwas süßlich schmeckte. Sie schreibt, wie sie auf dem Backsteinflur auf die Knie fiel, laut schrie und weinte und auf Trost vom Vater wartete, der aber nur über die Schulter blickend fragte: Hast du was gefunden? Schreibt, wie sie aufsprang und sich schämte.

In Brandenburg begann Ursula Schanks zweites Leben. Sie zog nach Werder (Havel), dann flussaufwärts nach Potsdam. Sie arbeitete als Erzieherin in einer Krippe, heiratete, ging mit dem Kinderwagen im Park Sanssouci spazieren, ließ sich scheiden, zog den Sohn allein groß. Ermöglichte ihm Klavierstunden und Judo-Unterricht, und als Torsten mit zehn im Winter, ohne zu fragen, einen Welpen nach Hause brachte, schimpfte sie nicht. Den Mischling nannten sie "Bummi", nach dem gelben Bär aus der DDR-Kinderzeitschrift. Torsten Schank sagt: "So gut, wie es im Osten sein konnte, so gut habe ich es gehabt."

Nach der Wende ging Ursula Schank bald in den Vorruhestand. Nachdem sie auf dem Rad von einem Auto angefahren worden war, war sie auf einen Rollator angewiesen. Sie strickte, ging in die Kirche, traf sich mit ehemaligen Kolleginnen auf einen Milchkaffee oder einen Prosecco im "Extrablatt". Einen Fernseher wollte sie nie. Als Torsten ihr trotzdem mal einen kaufte, packte sie ihn am selben Abend wieder weg. Sie hörte lieber Radio, Deutschlandfunk.

Im März stürzte Ursula Schank mit dem Rollator, womöglich war ein Rad in den Straßenbahngleisen stecken geblieben. Sie musste ins Krankenhaus, die Ärzte diagnostizierten eine Schulterprellung. Nach zwei Tagen kam sie zur Verbesserung ihrer Mobilität in ein Reha-Zentrum. Am 1. April wurde sie entlassen, ein Corona-Test wurde nicht gemacht. Drei Tage später klingelte ein Altenpfleger bei ihr, aber sie öffnete nicht. Durch ein Fenster sah der Pfleger Ursula Schank auf dem Boden liegen und brach die Wohnungstür auf. Sie kam mit Fieber und Atemnot auf die Intensivstation, der Corona-Test war positiv.

Ursula Schank starb am 9. April. Zum 80. Geburtstag hatte ihr Sohn mit ihr in die Sonne fliegen wollen, nach Griechenland. Ursula Schank hatte erwidert, die polnische Ostsee sei auch schön. Torsten Schank will die Aufzeichnungen seiner Mutter abtippen und aufbewahren.

Nelson Meurer, 77, Francisco Beltrão, Brasilien

Als Nelson Meurer im Oktober des vergangenen Jahres seine Zelle im staatlichen Gefängnis von Francisco Beltrao bezog, war er einer der bekanntesten Bewohner der Anstalt. Meurer, ein distinguierter, 77 Jahre alter Herr mit dichtem, schlohweißem Haar, war mal Bürgermeister der kleinen Stadt im Südwesten Brasiliens. Mehr als zwei Jahrzehnte vertrat er sie als Abgeordneter in Brasília, bis ihn das Oberste Gericht wegen Korruption und Geldwäsche zu einer langen Haftstrafe verurteilte.

13 Jahre, neun Monate und zehn Tage hatten ihm die Richter aufgebrummt, und wer sich noch einmal durch die Akten des Prozesses wühlt, vor dem entblättert sich ein Kriminalroman, der in den Hinterzimmerwelten der brasilianischen Hauptstadt spielt. Die Protagonisten: ältere Politiker, die in den Suiten schicker Hotels teure Weine köpfen, während Geldboten im Bad verschwinden und dicke Geldbündel aus ihrer Unterwäsche ziehen. Auch Meurer war einer dieser Männer. 79 monatliche Zahlungen in Höhe von fast 50.000 Euro habe er über die Jahre eingestrichen, so erzählten es diverse Kronzeugen den Ermittlern.

Meurers Verfahren war Teil eines epischen Korruptionsskandals, der Brasilien in eine tiefe, bis heute andauernde Krise stürzte. Ohne diese Ermittlungen, die aufdeckten, wie Hunderte Abgeordnete, Senatoren und ehemalige Minister die Kassen staatlicher Konzerne plünderten, wäre es einem Mann wie dem amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro kaum gelungen, sich einem desillusionierten Volk als saubere Alternative zu empfehlen.

"Von Anfang an hatte mein Vater Angst, dass er die Haft nicht überleben würde", sagt der Anwalt Nelson Meurer Junior. Meurer war Diabetiker, er litt unter Herzproblemen, Bluthochdruck und einer chronischen Niereninsuffizienz. 22 Tabletten, sagt sein Sohn, habe er jeden Tag geschluckt. Dazu spritzte er sich Insulin. Weil die Krankenstation der Anstalt nicht durchgehend besetzt war, bat er darum, ihn aus humanitären Gründen in den Hausarrest zu verlegen, aber der zuständige Haftrichter lehnte ab. Das war vor der Pandemie. Als die Corona-Zahlen stiegen, versuchten die Anwälte es wieder, mehrmals, aber jedes Mal wurde der Antrag abgelehnt.

Auch wenn er niedergeschlagen wirkte, stand er weiter jeden Tag in der Küche, um durch die Arbeit die Dauer seiner Haftstrafe zu reduzieren.

"Es kann einfach nicht sein, dass sie mich hier sterben lassen", sagte Meurer, als ihn sein Sohn im März zum letzten Mal besuchte. Er starb am 12. Juli in Folge von Covid-19. Die Tage und Wochen zuvor nennt sein Sohn "die Chronik eines angekündigten Todes".

Kim Young-sook, 79, Daegu, Südkorea

Zum Abschied umarmte die Oma ihre Enkel immer besonders fest. "Kommt bitte bald wieder", sagte sie. Sie sang mit ihnen und lachte viel. Ordentlich essen sollten ihre neun Enkel, wenn sie zu Besuch kamen. Wer länger bei ihr, der "Halmeoni" (Großmutter) und dem "Halabeoji" (Großvater) war, kam bisweilen etwas rundlicher zurück.

Ihr Leben als Ehepaar hatten Kim Young-sook und ihr Mann Lee Sang-man in den Sechzigerjahren im Süden des Landes in der Stadt Daegu begonnen. Lee war Handwerker und Bauarbeiter. Seine Frau nähte ihre Kleidung selbst. Sie war begabt, ihre zweitälteste Tochter Jung-mi erinnert sich an den hübschen rosa Beutel für das Mittagessen, den sie nähte. Viele ihrer Freundinnen waren neidisch.

Dass sie nicht mehr lebe, sagt Jung-mi, fühle sich irreal an. Kim hatte Ende Februar schwere Magenprobleme. Als eine ihrer Töchter ihr Suppe brachte, brach sie zusammen. Noch im Krankenwagen starb sie, das war am 2. März.

Man sagte den Kindern, dass Kim an Covid-19 gestorben war. Sie war posthum positiv getestet worden. Die fünf Kinder kämpften darum, sie noch einmal sehen zu dürfen. Ihre Mutter lag hinter einer Glasscheibe. Sie sah friedlich aus und trug noch das gestreifte Oberteil, das sie immer anhatte.

Conny Nxumalo, 53, Pretoria, Südafrika

Für manche war sie einfach Sesi Conny, Schwester Conny, dabei galt sie als die oberste Sozialarbeiterin Südafrikas: Conny Nxumalo hatte ihr Leben denen gewidmet, die wenig haben und Schutz brauchen. Sie verbrachte, noch während des Apartheidregimes Anfang der Neunzigerjahre, viel Zeit in den Townships der Schwarzen, besonders bei den Kindern.

Als Nelson Mandela 1994 Südafrikas erster schwarzer Präsident wurde, übernahm Nxumalo eine Schlüsselrolle in der Sozialpolitik des Landes. Sie kämpfte für Gesetze, die alle schützen, vor allem Kinder, ältere Menschen und Frauen, die unter Gewalt litten. Über die tiefe Spaltung, die es in der südafrikanischen Gesellschaft weiterhin gibt, sagte Nxumalo einmal: "Man kann sehen, wie diese sozialen Übel unsere Gemeinschaften zersetzen."

Dann, im März dieses Jahres, als Südafrika seine Landesgrenzen schloss und die Regierung zu Social Distancing mahnte, war es an Nxumalo, diese Krise zu managen. Sie organisierte Rückholflüge für Landsleute. Sie war Teil des Corona-Krisenstabs. In einer der Sitzungen, glaubte Nxumalo hinterher, habe sie sich mit dem Coronavirus angesteckt. Conny Nxumalo starb am 22. August in einem Krankenhaus in Pretoria.

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