Neuer Bericht Corona erhöht das Sterberisiko für Herzpatienten

Schwerere Verläufe, schlechtere Versorgung: Die Pandemie birgt gleich mehrere Gefahren für Herz-Kreislauf-Patienten. Experten befürchten zudem »erhebliche Langzeitfolgen«.
3D-Illustration eines Herzens (Symbolbild): Insgesamt leiden die Deutschen immer häufiger an Herzkrankheiten, es sterben jedoch weniger daran

3D-Illustration eines Herzens (Symbolbild): Insgesamt leiden die Deutschen immer häufiger an Herzkrankheiten, es sterben jedoch weniger daran

Foto: TUMEGGY / Science Photo Library / Getty Images

Immer mehr Menschen in Deutschland leiden an Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen. Das geht aus dem Deutschen Herzbericht 2020  hervor, der in Frankfurt am Main vorgestellt wurde. Durchblutungsstörungen durch Herzkranzgefäßverengungen, die sogenannte Koronare Herzkrankheit (KHK), verursachten 2019 mit 639.230 vollstationären Fällen die meisten Krankenhausaufnahmen und sind die Hauptursachen für Herzschwäche (Herzinsuffizienz) und plötzlichen Herztod.

Zwischen 2000 und 2019 wuchs die Zahl der in den Krankenhäusern wegen Herzschwäche behandelten Patienten und Patientinnen um 40 Prozent. Die Zahl der Menschen mit stationär behandelten Herzrhythmusstörungen verdoppelte sich zwischen 1995 und 2015 sogar fast. Ursachen des deutlichen Anstiegs sind den Experten zufolge unter anderem eine verbesserte Diagnostik, verbesserte Therapiemöglichkeiten, aber auch die fortschreitende Alterung der Bevölkerung.

Doppelte Coronagefahr für Herzpatienten

Einen gegenläufigen Trend gibt es bei der Sterblichkeit. Dem Herzbericht zufolge gingen die KHK-Sterbefälle um 9,1 Prozent zurück, Sterbefälle wegen Herzschwäche sanken um zwölf Prozent. 2019 starben an der KHK in Deutschland rund 120.000 Menschen, davon knapp 45.000 am Herzinfarkt. Dem Sekunden-Herztod fallen nach Schätzungen jährlich rund 65.000 Menschen zum Opfer.

Die Coronapandemie birgt allerdings ein doppeltes Risiko für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Herzpatienten hätten zum einen ein erhöhtes Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden oder zu sterben, sagte Thomas Voigtländer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. Zum anderen würden zu viele Menschen bei akuten Beschwerden zu lange zögern, den Notarzt zu rufen – unter anderem aus Angst, sich im Krankenhaus mit dem Coronavirus anzustecken oder weil vermeintliche Kapazitätsengpässe in den Kliniken vermutet werden.

»Es ist zu befürchten, dass die verzögerte oder überhaupt nicht durchgeführte Diagnostik erhebliche Langzeitfolgen für die kardiovaskuläre Gesundheit haben wird«, schreiben die Autoren des Herzberichts. Daten hessischer Krankenhäuser im Zeitraum vom 23. März bis 26. April 2020 zeigen den Zusammenhang: Während des strikten Lockdowns starben 7,6 Prozent mehr Menschen als im selben Zeitraum des Vorjahres an einer Herz-Kreislauf-Komplikation. Die Sterblichkeit durch eine Herzerkrankung lag insgesamt um 11,8 Prozent höher. Im selben Zeitraum sank in den 26 Kliniken, die an der Untersuchung teilnahmen, die Zahl der Herzkathetereingriffe um 35 Prozent gegenüber 2019.

Größeres Risiko für Männer

»Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig gerade in Pandemiezeiten eine konsequente Behandlung der Vorerkrankungen, beispielsweise eine Senkung des Blutdrucks bei Hypertonie-Patienten oder die optimale Einstellung des Blutzuckers bei Diabetespatienten ist, um das Risiko eines schweren oder gar kritischen Covid-19-Verlaufs zu minimieren«, so Voigtländer.

Eine Metaanalyse von 77 Studien aus verschiedenen Ländern mit Daten von knapp 39.000 stationär behandelten Covid-19-Patienten bestätigt diese Beobachtungen. Der Arbeit zufolge ist das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken oder zu sterben, 2,6-fach höher, wenn ein Mensch älter als 60 ist. Eine bestehende Niereninsuffizienz steigert das Risiko um das 2,5-Fache, eine Herzerkrankung um das 2,1-Fache. Weitere Risikofaktoren sind der Analyse zufolge Bluthochdruck, das männliche Geschlecht sowie eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung.

Die Auswirkungen der verminderten Diagnostik zeigen sich laut Herzbericht möglicherweise auch in der Häufigkeit eines plötzlichen Herzstillstands außerhalb von Kliniken. Untersuchungen aus Paris, der Lombardei und New York zeigen dem Bericht zufolge, dass es während des ersten Lockdowns deutlich mehr plötzliche Herzstillstände außerhalb von Kliniken gab.

Jenseits der Coronaproblematik bestehen in Deutschland die seit Jahren beobachteten regionalen Unterschiede bei der Sterblichkeit wegen Herzerkrankungen fort. Die höchste Sterblichkeitsrate durch einen Herzinfarkt findet sich laut Herzbericht in Berlin mit 72,3 Verstorbenen pro 100.000 Einwohner, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 67,1 Fällen, Brandenburg mit 67 Fällen, Sachsen mit 60,4 Fällen und Mecklenburg-Vorpommern mit 65,4 Verstorbenen pro 100.000 Einwohner. Mit Ausnahme Berlins habe sich die Sterblichkeitsrate in diesen Bundesländern im Vergleich zum Vorjahr spürbar verbessert.

Auffällig ist demnach, dass die ostdeutschen Bundesländer insgesamt die höchsten Sterblichkeitsraten für Herzinfarkte haben. Die niedrigsten Sterblichkeitsraten gibt es in Schleswig-Holstein (25,5), Nordrhein-Westfalen (36,6) und Hamburg (40,2).

jat/AFP/dpa
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