Aktuelle Studie »Trotz gehört mittlerweile zu den Hauptgründen, sich nicht impfen zu lassen«

Druck aus Gesellschaft und Politik bestärkt viele Menschen in ihrer Entscheidung, eine Coronaimpfung abzulehnen. Das zeigen aktuelle Daten. Um die Betroffenen zu erreichen, ist ein Strategiewechsel nötig.
Eine Frau in Deutschland protestiert gegen die Impfung

Eine Frau in Deutschland protestiert gegen die Impfung

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Christoph Schmidt / picture alliance/dpa

Mit der vierten Welle wird der Groll auf die Ungeimpften steigen, das ist absehbar. Die Mehrheit in Deutschland blickt aktuell auf eine Minderheit. Deren Entscheidung gegen die Impfung, so der Gedanke, blockiert eine Freiheit, die etwa Dänemark erreicht hat. Keine Coronamaßnahmen mehr, keine Angst vor überfüllten Krankenhäusern dank einer hohen Impfquote. Warum ist das nicht auch in Deutschland möglich? Wo, verdammt noch mal, liegt das Problem?

Der Groll mag berechtigt sein, doch zielführend ist er nicht, wie eine aktuelle Studie nahelegt. Für die Untersuchung unter Leitung des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) werden seit Beginn der Pandemie etwa alle zwei Monate Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zu Corona befragt, darunter rund tausend Erwachsene aus Deutschland. Rund die Hälfte nahm an mehreren Befragungsrunden teil, die letzte Befragung fand vom 7. bis zum 21. September statt.

Die Ergebnisse zeigen, wie sich die Einstellungen zum Impfen über die Zeit gewandelt haben, wer sich in den vergangenen Wochen noch hat überzeugen lassen und wer bis heute zweifelt. Fünf Erkenntnisse im Überblick.

1. Viele Skeptiker wurden erreicht, viele sind noch unentschlossen

Die Impfbereitschaft in Deutschland ist in den vergangenen Monaten deutlicher gestiegen, als man es angesichts der Diskussionen über stagnierende Impfquoten vermuten könnte. Vor ziemlich genau einem Jahr, im September 2020, gaben nur 57 Prozent der Erwachsenen an, sich impfen lassen zu wollen. 22 Prozent waren unsicher, 21 Prozent dagegen.

Aktuell fällt das Bild deutlich positiver aus. Nur noch 13 Prozent der Befragten lehnen die Impfung ab. 82 Prozent haben sich dafür entschieden, manche warten jedoch noch auf die Spritze. Damit bildet die Befragung ziemlich genau den Anteil der Geimpften in der erwachsenen Bevölkerung ab.

Was überraschen mag: Fünf Prozent der Befragten sind nach wie vor unentschlossen, wissen also nicht, ob sie sich impfen lassen wollen oder nicht. Das klingt zwar nach wenig, betrifft aber immerhin jeden 20. Erwachsenen in Deutschland.

Jonas Schreyögg, wissenschaftlicher Direktor am HCHE der Universität Hamburg, ist davon überzeugt, dass sich viele Ungeimpfte potenziell noch erreichen ließen. »Es gab zwar von Anfang an eine Gruppe, die alles ablehnt. Ihren Anteil würde ich aber nur auf fünf bis acht Prozent schätzen«, sagt der Gesundheitsökonom. Bei den anderen komme es jetzt darauf an, sie richtig anzusprechen. Dabei sind der Studie zufolge heute andere Mittel nötig als noch vor ein paar Monaten.

2. Impfablehner: Bildungsgrad und Geschlecht spielen kaum noch eine Rolle

»Bei den Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, hat sich in den letzten Befragungswellen viel geändert«, sagt Schreyögg. Zu Beginn der Pandemie etwa berichteten Menschen mit einem niedrigen Ausbildungsniveau deutlich häufiger, sich nicht gegen Corona impfen zu lassen. Mittlerweile haben sich diese Unterschiede aufgehoben.

»Auch in Deutschland leben viele Personen, die keine Zeitung lesen und keine Nachrichten schauen«, sagt Schreyögg zu dem Ergebnis. »Um sie zu überzeugen, reicht es nicht, nur einen Impfstand aufzubauen. Da haben wahrscheinlich die Kampagnen gewirkt, bei denen Sozialarbeiter in die Communitys reingegangen sind und zum Beispiel Informationen in verschiedenen Sprachen angeboten haben.«

Ebenfalls eine Gruppe, in der die Impfbereitschaft in den vergangenen Monaten gestiegen ist, sind Frauen. In der aktuellsten Erhebung gaben zwölf Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer an, die Impfung abzulehnen. Vor einem Jahr, im September 2020, waren es noch 20 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer.

»Frauen waren eigentlich immer skeptischer als Männer«, sagt Schreyögg. »Dieser Unterschied ist stark zusammengeschmolzen. Eine Zeit lang haben auch viele, die sich nicht impfen lassen wollten, ihre Entscheidung mit Impfmythen begründet, zum Beispiel der Angst vor Unfruchtbarkeit.« Mittlerweile sei es gelungen, viele davon zu erreichen und aufzuklären.

Entsprechend verschoben haben sich auch die Hauptgründe, aus denen sich Menschen in Deutschland nicht impfen lassen wollen.

3. Zu viel Druck schadet: Trotz als Treiber

Alle, die eine Coronaimpfung eigenen Angaben zufolge ablehnten, fragten die Forschenden nach den Gründen. 74 Prozent zweifelten zwar noch an der Sicherheit des Impfstoffs. 67 Prozent erklärten jedoch auch, dass sie sich von Politikern und Politikerinnen oder der Gesellschaft zu sehr unter Druck gesetzt fühlten. 61 Prozent gaben an, das Streben nach Profit der globalen Impfstoffunternehmen nicht unterstützen zu wollen. »Trotz gehört mittlerweile zu den Hauptgründen, sich nicht impfen zu lassen«, sagt Schreyögg.

Härtere Maßnahmen könnten diese Haltung noch verstärken. »Wenn man fragt, ob Maßnahmen die Impfbereitschaft beeinflussen, antworten die meisten mittlerweile mit ›Nein‹«, so Schreyögg.

Zumindest in der Theorie wären die meisten Impfablehnerinnen und Ablehner sogar bereit, ihren Beruf aufzugeben, bevor sie sich impfen ließen. Fraglich ist, ob sie dies auch in die Tat umsetzen würden. »Ich glaube nicht, dass das Bestand haben würde«, sagt Schreyögg. »Wahrscheinlich würde die Ablehnung schon bröckeln, wenn es in der vierten Welle in Restaurants und Geschäften wirklich nur noch 2G geben würde.« Dennoch müsse man sich im Klaren darüber sein, dass einige Betroffene selbst der drohende Verlust des Arbeitsplatzes nicht überzeugen könne.

Wie weit das führen kann, zeigt ein Beispiel aus den USA. Die Fluggesellschaft United Airlines kündigte an, rund 600 Mitarbeitende zu entlassen, die sich nicht impfen lassen wollen. »Ich glaube, das kann wirklich nur die Ultima Ratio sein«, sagt Schreyögg.

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4. Wie es besser geht: mehr Emotionen, mehr Günther Jauch

»Rationale Informationen, etwa in Form von Broschüren, die über die Sicherheit von Impfstoffen aufklären, sind wichtig«, sagt Schreyögg. »Wir gehen aber mittlerweile davon aus, dass etwa die Hälfte der Ungeimpften für solche rationalen Informationen nicht empfänglich ist. Diese Gruppe hat ein anderes Informationssuchverhalten.« Die Erkenntnis basiert auch auf einem Persönlichkeitstest im Rahmen der Befragung.

Um an die Betroffenen trotzdem heranzukommen, rät Schreyögg dazu, auf Emotionen zu setzen – und auf Promis. »Wenn Günther Jauch zum Beispiel sagt: ›Mir macht es Sorgen, dass so viele Leute Long Covid haben. Haben Sie schon mal gesehen, wie es den Betroffenen geht?‹, wäre das eine emotionale Botschaft, die eine Chance hätte, die Leute zu erreichen, die auf dem normalen Informationsweg nicht zugänglich sind«, sagt der Gesundheitsökonom.

Emotionalität ist auch einer der Gründe, aus dem Schreyögg damit rechnet, dass allein die Existenz einer vierten Welle die Impfbereitschaft noch weiter steigern wird. »Wir haben immer gesehen, dass die persönliche Erfahrung eine große Rolle spielt«, sagt der Forscher. »Geben Menschen an, dass sie selbst oder nahe Freunde und Verwandte Covid hatten, beeinflusst das die Entscheidung ganz klar. Eine neue Welle wäre vermeidbar. Ich glaube aber, dass sie einen guten Anteil, vielleicht fünf Prozent, noch überzeugen könnte.«

5. Ein Spezialfall: Die Impfung von Kindern

Die Impfung von Kindern ist ein Spezialfall. Erst seit Mitte August empfiehlt die am Robert Koch-Institut ansässige Ständige Impfkommission (Stiko) überhaupt, Kinder ab einem Alter von zwölf Jahren impfen zu lassen. Für jüngere Kinder steht die Zulassung eines Impfstoffs noch aus. Zwar erklärten nach der Impfempfehlung für die 12- bis 17-Jährigen mehr Eltern, ihre Kinder impfen lassen zu wollen als noch im Juni, also vor der Entscheidung. Ein großer Teil lehnt die Spritzen aber nach wie vor ab.

»Viele Eltern, die sich nicht vorstellen konnten, ihre Kinder impfen zu lassen, haben gesagt, sie wünschen sich mehr wissenschaftliche Evidenz«, sagt Schreyögg. »Deswegen hätte man eigentlich damit rechnen können, dass die Stiko-Empfehlung dieses Vertrauen schafft.«

Die Stiko empfiehlt eine Impfung nur, wenn sie aus wissenschaftlicher Sicht davon überzeugt ist, dass der Nutzen die Risiken übersteigt. Dafür müssen ausreichend Daten vorliegen. Bis sie diese Empfehlung auch für Kinder unter zwölf Jahren aussprechen wird – falls überhaupt –, könnte es deshalb selbst nach der Zulassung eines Impfstoffs für diese Altersgruppe Wochen dauern. »Wir befinden uns noch in einem Prozess«, sagt auch Schreyögg. »Ein Problem ist zum Beispiel, dass gerade bei Kindern noch wenig über Long Covid bekannt ist.«

Möglich ist zudem, dass viele Eltern für ihre Entscheidung noch abwarten, wie sich die Pandemie weiter entwickeln wird. Zumindest 18 Prozent erklärten, ihr Kind impfen zu lassen, wenn das Risiko für Infektionen steigt. Auch in dieser Hinsicht könnte die vierte Welle die Impfbereitschaft beeinflussen.

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