Abstand halten, lüften, leise sein: All das senkt das Corona-Risiko
Abstand halten, lüften, leise sein: All das senkt das Corona-Risiko
Foto: Klaus Vedfelt / Getty Images

Corona-Übertragung Ist Singen wirklich gefährlicher als Sprechen?

Mit dem Coronavirus verbreitete sich die Annahme, Singen sei gefährlicher als das Sprechen. Tatsächlich aber kommt es auf einen bestimmten Faktor an, zeigt jetzt ein Experiment britischer Forscher.

Singen ist gefährlich, diese Annahme manifestierte sich zu Beginn der Corona-Pandemie. Auslöser waren mehrere alarmierende Ereignisse: In den USA etwa infizierte ein Mensch bei einer zweieinhalbstündigen Chorprobe mit 61 Personen 32 seiner Mitsänger. Diese wiederum steckten wahrscheinlich noch 20 weitere Personen an. Drei Menschen mussten im Krankenhaus behandelt werden, zwei starben.

Aus diesem und ähnlichen Vorfällen, zu denen es weltweit kam, lernten Forscher vor allem zwei Dinge : Menschen können das Coronavirus in geschlossenen Räumen auch über eine Entfernung von weit mehr als zwei Metern übertragen. Und Superspreader treiben die Pandemie an. Dabei handelt es sich um einzelne Personen, die in der Regel nichts ahnend viele weitere Menschen infizieren.

Zusätzlich verfestigte sich der Glaube, dass Singen besonders gefährlich sei, weil Menschen dabei besonders viele Tröpfchen und Aerosole ausscheiden. Wissenschaftlich hinterfragt wurde diese Annahme bislang kaum. Eine neue, noch unveröffentlichte Studie  gibt jetzt Aufschluss: Den Ergebnissen zufolge macht es keinen großen Unterschied, ob jemand spricht oder singt. Viel entscheidender ist demnach die Lautstärke.

25 professionelle Sänger in einem klinisch reinen OP-Saal

Für die Untersuchung luden britische Mediziner und Ingenieure 25 professionelle Sänger zu einem Experiment ein, darunter Musicalsänger, Opernsänger und Rocksänger, deren Stimmlagen von Sopran bis Bass reichten. Alle Teilnehmer mussten das Lied "Happy Birthday" in verschiedenen Lautstärken singen oder sprechen.

Währenddessen erfassten die Forscher, wie viele Tröpfchen und Aerosole die Teilnehmer durch Mund und Nase ausschieden. Um sicherzugehen, dass die Ergebnisse nicht verfälscht wurden, fanden die Versuche in einem OP-Saal mit einer besonderen Belüftungstechnik statt, die verhindert, dass Partikel aufgewirbelt werden.

Den Messungen zufolge macht es keinen Unterschied, ob jemand nur atmet oder leise mit 50 bis 60 Dezibel singt oder spricht. Die ausgeschiedenen Mengen an Tröpfchen und Aerosolen waren immer ähnlich. Dabei war es nicht einmal notwendig, dass die Teilnehmer flüstern. 50 bis 60 Dezibel entsprechen ungefähr der Lautstärke eines normalen Gesprächs.

Aerosole - die Winzlinge in unserem Atem

Bei Aerosolen handelt es sich um winzige Tröpfchenkerne, deren Durchmesser kleiner ist als fünf Mikrometer. Dadurch sind sie so leicht, dass sie nach dem Ausatmen nicht direkt zu Boden sinken, sondern sich über größere Distanzen mit der Luft verbreiten können. Trotz ihrer winzigen Größe können Aerosole Coronaviren transportieren und dadurch zu Ansteckungen führen.

Erst bei den lautesten Messungen mit 90 bis 100 Dezibel zeigten sich überhaupt Unterschiede zwischen Singen und Sprechen. Die Lautstärke hatte jedoch einen deutlich größeren Einfluss:

  • Beim lauten Singen oder Sprechen produzierten die Teilnehmer - gemessen an der Masse der Tröpfchen - mindestens 20-mal mehr Aerosole als beim leisen Singen oder Sprechen.

  • Zum Vergleich: Ob jemand laut sprach oder laut sang, sorgte nur für Aerosol-Unterschiede um das 1,5- bis 3,4-Fache.

Keinen nennenswerten Einfluss auf die Messergebnisse hatte es hingegen, ob Männer oder Frauen sangen und ob es sich um Rocksänger oder Opernsänger handelte. Allerdings nahmen an der Untersuchung auch nur fünf Opernsänger und zwei Rocksänger teil. Ob die Ergebnisse wirklich repräsentativ für die gesamte Gruppe sind, muss sich deshalb noch zeigen.

Manche produzieren viel mehr Aerosole als andere

Finanziert wurde die Studie mit öffentlichen Mitteln von Public Health England. Die Ergebnisse seien bedeutend für das Erstellen von Leitfäden, die eine Verbreitung von Sars-CoV-2 reduzieren sollen, schreiben die Forscher. Statt darauf zu achten, ob jemand singt oder spricht, sollten die Lautstärke und andere Faktoren im Vordergrund stehen: Wie viele Menschen treffen sich? Wo treffen sie sich? Wie lange treffen sie sich?

Abgesehen davon machten die Forscher noch eine Randbeobachtung. Einige wenige der Teilnehmer produzierten deutlich mehr Aerosole als der Durchschnitt. Dies war vor allem beim Atmen der Fall. Bei vier Teilnehmern überstieg die Aerosol-Menge beim Atmen sogar die Menge, die sie beim lauten Sprechen ausschieden.

Die Ursachen dafür müssen weitere Studien klären. Wie viele Aerosole jemand ausscheidet, könnte jedoch dazu beitragen, ob er sich zu einem Superspreader entwickelt oder nicht. Allerdings waren die Teilnehmer mit den meisten Partikeln in der Atemluft nicht immer diejenigen, die auch beim Singen oder Sprechen die meisten Aerosole produzierten.

Wer wie viele Tröpfchen ausatmet, schwankt also nicht nur von Mensch zu Mensch. Es hängt auch von der Aktivität ab. Eins aber gilt für die meisten: Je lauter es wird, desto nasser wird es. Egal, ob gesungen oder laut gesprochen wird.

irb
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