Lieber draußen frieren als drinnen anstecken: Viele Menschen wollen keine harten Maßnahmen mehr, Respekt vor dem Virus haben sie trotzdem
Lieber draußen frieren als drinnen anstecken: Viele Menschen wollen keine harten Maßnahmen mehr, Respekt vor dem Virus haben sie trotzdem
Foto: NurPhoto / NurPhoto / Getty Images

Stimmung in Deutschland Nur noch eine Minderheit wünscht sich harte Coronamaßnahmen

Wie blicken die Menschen in Deutschland auf die Pandemie? Eine Befragung zeigt: Die Angst vor der Omikron-Welle wächst, gleichzeitig steigt die Impfbereitschaft – aber auch die Sehnsucht nach Lockerungen.
Von Irene Berres

Fast zwei Jahre leben die Menschen in Deutschland mittlerweile mit dem Coronavirus, viele auch mit der Angst vor einer Infektion oder mit den Zweifeln, ob eine Impfung richtig ist. Wie hat sich die Stimmung in der Zeit gewandelt? Und wer befürwortet eine Impfpflicht? Diese Fragen beantworten aktuelle Ergebnisse des European Covid Survey (ECOS).

Für die Untersuchung unter der Leitung des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) werden seit Beginn der Pandemie im Abstand von wenigen Monaten Menschen aus verschiedenen europäischen Ländern zu Corona befragt, darunter rund tausend Erwachsene aus Deutschland. Rund die Hälfte nahm an mehreren Befragungsrunden teil, die letzte fand vom 23. Dezember 2021 bis zum 11. Januar 2022 statt. Sechs Erkenntnisse.

1. Sind die aktuellen Maßnahmen locker oder hart? Ansichtssache

Wie konsequent versucht die Regierung, die Coronapandemie einzudämmen? Bei der Antwort auf diese Frage gehen die Meinungen auseinander. Rund die Hälfte der Befragten in Deutschland erklärte, dass sie die aktuellen Maßnahmen als strikt empfindet. Etwa genauso viele bewerten sie als nicht strikt, also eher locker.

»Wahrscheinlich geht das damit einher, wie die Menschen ihr eigenes Coronarisiko einschätzen«, sagt Jonas Schreyögg, wissenschaftlicher Direktor am HCHE der Universität Hamburg. »Da ist das Meinungsbild ähnlich gespalten. Etwa jeder Zweite sieht ein gewisses Risiko, dass er sich mit dem Virus infiziert. Die anderen wollen sich gar nicht erst damit befassen. Sie empfinden die Maßnahmen deshalb wahrscheinlich auch eher als strikt, während der Rest sie für angemessen hält.«

Größere Einigkeit herrscht zumindest bei der Frage, wie streng die Coronamaßnahmen in Zukunft ausfallen sollten. Nur noch ein Drittel fordert ein hartes Vorgehen, rund zwei Drittel plädieren für einen lockeren Kurs. »Ich denke, dass sich darin der Wunsch vieler widerspiegelt, dass mit der Impfung die Freiheit zurückkommt«, sagt Schreyögg.

2. Respekt vor dem Virus – aber auch weniger Vorsicht

Ein gewisses Sicherheitsgefühl gepaart mit Pandemiemüdigkeit zeigt sich auch im Verhalten der Befragten. Zu Beginn vergangener Coronawellen stieg die Zahl derjenigen, die etwa auf Umarmungen verzichten wollten, noch deutlich an. »Das sehen wir dieses Mal nicht. Da gehen die Werte nur ganz leicht nach oben«, erklärt Schreyögg.

Dennoch haben viele auch in der Omikron-Welle den Respekt vor dem Virus behalten. Ihr Risiko, sich anzustecken, schätzten die Befragten Anfang Januar ähnlich hoch ein wie in vergangenen Wellen. Die Sorge vor einer Erkrankung hingegen ist aktuell etwas geringer als in den vorherigen Wellen.

3. Impfbereitschaft ohne Impfpflicht: Geht da noch was?

Die Impfbereitschaft in Deutschland steigt und steigt. Der Anteil derjenigen, die sich gegen eine Coronaimpfung entschieden haben, liegt der Befragung zufolge nur noch bei zehn Prozent. So niedrig war der Wert zuletzt im April 2020, als die Coronapandemie gerade begonnen hatte.

»Es gibt einen gewissen Anteil an Menschen, den man nicht erreichen wird«, sagt Schreyögg. »Ich glaube aber noch immer nicht, dass das wirklich zehn Prozent sein werden, sondern noch mal deutlich weniger. Wahrscheinlich etwa halb so viele.«

Um die noch zugänglichen Ungeimpften umzustimmen, sei jedoch sehr viel Aufwand notwendig, so der Forscher. »Das kann man nur schaffen, indem man direkt in die Communitys geht, zum Beispiel mit Sozialarbeitern, intensiv mit den Leuten spricht und ihnen erklärt, wie effektiv die Impfung ist. Es gibt einen erstaunlich hohen Prozentsatz an Leuten, die sich keine Informationen aus den Medien holen, auch nicht aus den sozialen Medien.«

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Alternativ könnte dem Experten zufolge eine Impfpflicht die Impfquote ähnlich steigern. »Viele der rund fünf Prozent, die sich allem verweigern, wird man auch damit nicht bekommen«, sagt er. »Die anderen aber wahrscheinlich schon. Aktuell wird viel darüber diskutiert, dass die Umsetzung einer Impfpflicht sehr aufwendig wäre. Die Alternative aber, nämlich noch stärker in die Communitys zu gehen und den Rest durch viele Gespräche zu überzeugen, wäre ebenfalls sehr aufwendig. Das sollte bei den Überlegungen berücksichtigt werden.«

4. Die Angst vor der Spaltung der Gesellschaft

Die Umfrage zeigt jedoch auch, dass sich viele Menschen in Deutschland um eine Spaltung der Gesellschaft sorgen. Mehr als jede zweite befragte Person gab im Januar an, dass ihr eine Spaltung in Geimpfte und Ungeimpfte starke oder sogar ziemlich starke Sorgen bereitet.

»Eine Impfpflicht würde diese Sorgen natürlich weiter erhöhen«, sagt Schreyögg. »Umgekehrt muss man sich aber auch fragen, ob eine nicht enden wollende Kaskade von Maßnahmen bei unterschiedlichen Infektionswellen nicht auch zu einer zunehmenden Pandemiemüdigkeit und Spaltung der Gesellschaft führt. Eine Impfpflicht ist vor diesem Hintergrund eventuell das kleinere Übel. Wir wissen schließlich nicht, was uns noch erwartet.«

Sollte die Impfpflicht kommen, hält Schreyögg es für sinnvoll, die Entscheidung so weit wie irgend möglich zu entpolitisieren. »Je stärker jemand der Regierung misstraut, desto eher lehnt er eine Impfung ab«, sagt Schreyögg. »Deshalb sollte auch eine Impfpflicht möglichst wenig gekoppelt sein an bestimmte politische Parteien, Strömungen und Meinungen.«

Dass sich Karl Lauterbach als Gesundheitsminister gegen einen eigenen Antrag zur Corona-Impfpflicht entschieden hat, hält der Experte deshalb für richtig.

5. Je älter, desto größer ist der Wunsch nach einer Impfpflicht

Wie sehr jemand die Impfpflicht befürwortet, ist den Ergebnissen zufolge auch eine Frage des Alters. Je älter jemand ist, desto eher plädiert er für die verbindliche Impfung aller Erwachsener.

Erklären lässt sich die Beobachtung wahrscheinlich mit persönlicher Betroffenheit. Je älter jemand ist, desto größer ist auch sein Risiko für einen schweren Verlauf. Für diesen Zusammenhang sprechen auch weitere Ergebnisse der Studie. »Bei denjenigen, die ein hohes Risiko durch das Coronavirus wahrnehmen, liegt die Zustimmung für eine Impfpflicht bei 72 Prozent. Bei einem mittleren Risiko bei 70 Prozent und bei einem geringen Risiko bei nur 50 Prozent«, sagt Schreyögg. »Die Zustimmung zu einer Impfpflicht korreliert also stark mit der Risikowahrnehmung.«

6. Die Booster-Skepsis

Fast jeder Fünfte, der mindestens eine Impfung erhalten hat, zögert der Umfrage zufolge, sich boostern zu lassen, oder lehnt die dritte Spritze sogar ab. Für Schreyögg kommt dieses Ergebnis nicht überraschend. »Auch unter den zweimal Geimpften sind viele, die sehr, sehr lange gezögert haben. Jetzt sollen sie schon wieder diesen Aufwand betreiben. Sie müssen sich überwinden und eine Impfstelle suchen. Das ist für viele eine große Hürde.«

Der Booster sei aus diesem Grund kein Selbstläufer. Auch hier ist dem Experten zufolge Aufklärung nötig. »Wahnsinnig viele Menschen können gar nicht einschätzen, was so ein Booster bringt. Ihnen fehlen die Informationen dazu, sie beschäftigen sich nicht mit ihrem Antikörperstatus oder ähnlichen Fragen. Dann sehen sie vielleicht noch eine Schlagzeile, laut der die Effektivität der Impfung bei Omikron nicht mehr so gut ist. Und sagen sich: Warum soll ich dann auch noch eine dritte Spritze bekommen? Da besteht noch ein riesiger Informationsbedarf.«

Die Lösung sei dieselbe wie bei den Erst- und Zweitimpfungen: Die Regierung muss sich Gedanken darüber machen, wie sie die Menschen am besten erreicht und die Informationen zu ihnen bringen. Laut Schreyögg wären auch stärkere Kampagnen im Straßenbild, etwa mit einfachen, konkreten Botschaften auf Litfaßsäulen und an Bushaltestellen ein guter Weg. »Diese Erkenntnis ist nicht neu«, sagt er. »Da können wir in Deutschland von anderen Ländern lernen.«