Leere Gänge (Symbolfoto): "Kein erhöhtes Risiko, sich in der Notaufnahme oder auf einer Station anzustecken"
Leere Gänge (Symbolfoto): "Kein erhöhtes Risiko, sich in der Notaufnahme oder auf einer Station anzustecken"
Foto: upixa/ Getty Images

Weniger Notfallpatienten in Krankenhäusern Gefährliches Zögern

Seit das Coronavirus grassiert, kommen immer weniger Menschen in die Notaufnahmen. Selbst Patienten mit Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Symptomen scheuen die Kliniken. Ein fataler Fehler, sagen Mediziner.
Von Julia Stanek

Deutschlands Kliniken haben endlich eine Sorge weniger. Ihre Notaufnahmen werden offenbar nicht mehr von Patienten mit Übelkeit und anderen Wehwehchen überrannt. "Klar, wenn jemand mit Bauchschmerzen endlich erst mal seinen Hausarzt anruft, dann finden wir das super", sagte Christian Gerloff, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), dem SPIEGEL.

Dafür gibt es nun ein anderes Problem: Wie es aussieht, kommen auch Patienten mit gefährlichen Symptomen nicht mehr zuverlässig in die Notaufnahme - zum Beispiel bei einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt. Die nahe liegende Vermutung: "Falsche Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus", wie Neurologe Gerloff sagt. Die Verunsicherung, die gerade wegen der Pandemie herrscht, ist offenbar groß. "Eine Patientin, die heute mit Schlaganfall zu uns gekommen ist, erzählte mir, sie habe zunächst gezögert", sagt Gerloff. "Allerdings nicht hauptsächlich aus Angst vor einer Infektion, sondern weil sie im Krankenhaus ja gerade keinen Besuch haben darf."

Gerade für Patienten mit leichten Symptomen eines Schlaganfalls wird es laut Gerloff zum großen Problem, wenn sie zu Hause bleiben. "Es ist ja eine Fehlannahme, dass die Leute dort allein mit ihrem Schlaganfall fertig werden." Im Zweifel kämen sie in der folgenden Woche mit einem schweren Schlaganfall wieder - und dann mit dem Risiko für deutlich schwerere Komplikationen.

"Schlaganfall und Herzinfarkt sind akute Notfälle, bei deren Behandlung jede Minute zählt - auch in Zeiten einer Pandemie"

Christian Gerloff, Neurologe

Auch die Ärzte der Hamburger Asklepios Kliniken beobachten "mit Sorge, dass Patienten mit schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen aus Angst vor einer Corona-Infektion immer öfter dringend notwendige Klinikbehandlungen vermeiden", teilte das Unternehmen mit, das in Hamburg sieben Kliniken betreibt.

"Wir sehen in unseren zentralen Notaufnahmen einen starken Patientenrückgang", sagte Franz Schell, medizinischer Pressesprecher der Gruppe, dem SPIEGEL. Zwar fehle noch eine belastbare Statistik. Doch ersten Einschätzungen der Asklepios Klinik Altona zufolge hat sich die Zahl der Patienten mit ernsten Herzproblemen mindestens um die Hälfte reduziert. "In einer anderen Hamburger Klinik haben die Kollegen sogar den Eindruck, dass von diesen Patienten 90 Prozent weniger kommen", sagt Schell. Von einem international gut vernetzten Kardiologen wisse er zudem, dass dieses Phänomen nicht nur in Deutschland auftritt, sondern auch in anderen Ländern. "Wie viele zögernde Patienten es genau sind, werden wir erst später analysieren können. Fest steht aber schon jetzt: Diese Menschen bringen sich in Gefahr."

Dass nun deutlich weniger Menschen als sonst trotz starker Symptome medizinische Hilfe rufen, beunruhigt die Mediziner. "Schlaganfall und Herzinfarkt sind akute Notfälle, bei deren Behandlung jede Minute zählt - auch in Zeiten einer Pandemie", sagt UKE-Chefarzt Christian Gerloff. "Patientinnen und Patienten sollten keinesfalls vor Sorge um eine Ansteckung eine Krankenhausbehandlung vermeiden." Die Versorgung von Menschen mit Schlaganfall und Herzinfarkt erfolge in räumlicher Trennung von Covid-19-Patienten, entsprechende Hygienemaßnahmen würden eingehalten.

"Patienten haben kein erhöhtes Risiko, sich in der Notaufnahme oder auf einer Station anzustecken", versichert auch Stephan Willems, Chefarzt der Kardiologie der Asklepios Klinik St. Georg. In den Kliniken würden aufwendige Schutzmaßnahmen zur Infektionsvermeidung vorgenommen.

Lesen Sie in der folgenden Übersicht, warum es problematisch ist, bei Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs zögerlich zu handeln - oder gar auf medizinische Behandlung zu verzichten:

Herzinfarkt - alles andere als aufschiebbar

In Deutschland sterben jedes Jahr fast 345.000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, darunter etwa 47.000 Menschen am Herzinfarkt. Rund 30 Prozent von ihnen sterben laut der Deutschen Herzstiftung außerhalb der Klinik - auch, weil sie zu spät oder gar nicht den Notarzt alarmieren. "Bei Herzinfarkt-Verdacht zögern immer noch viele Betroffene davor, den lebensrettenden Notruf 112 abzusetzen, häufig aus Scheu vor dem Rettungswagen vor der eigenen Haustür oder weil die Symptome nicht richtig zugeordnet werden", schreibt Thomas Voigtländer, Kardiologe und stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, in einer Stellungnahme.

Herzinfarkt - das sind die Symptome

"Generell sollten Betroffene bei den folgenden Warnzeichen umgehend zum Internisten oder Kardiologen", schreibt die Deutsche Herzstiftung.  

  • Schmerzen oder ein unangenehmes Engegefühl im Brustkorb (Angina pectoris) und/oder Luftnot

  • Herzrasen mit Einschränkung der Belastbarkeit

  • Hartnäckiges Herzstolpern

  • Kurze Bewusstlosigkeiten (Synkopen) 

  • Schwindelanfälle, drohende Bewusstlosigkeiten

Fachärzte können untersuchen, ob beispielsweise eine Herzrhythmusstörung als Folge einer koronaren Herzkrankheit (die Grunderkrankung des Herzinfarkts) vorliegt oder ob Probleme mit den Herzklappen oder eine Herzschwäche hinter den Symptomen stecken. "Unbehandelt können diese Erkrankungen zu schwerwiegenden Komplikationen führen", warnen die Experten. Eine genaue Erläuterung der Alarmsignale finden Sie hier . Wie Sie bei Herzinfarkt und Herzstillstand Erste Hilfe leisten können, erfahren Sie hier .

Nun kommt als Hemmschwelle offenbar die Coronavirus-Pandemie hinzu. Doch diese darf den Experten zufolge niemanden davon abhalten, sich bei bedrohlichen Symptomen behandeln zu lassen. "Herzinfarkt, aber auch andere Herznotfälle wie eine akut dekompensierte Herzinsuffizienz oder lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen sind keine aufschiebbaren Krankheitsfälle, sondern unterliegen selbstverständlich weiterhin der Notfallversorgung", sagt Voigtländer. Diese sei auch während der Pandemie gewährleistet.

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie-, Herz- und Kreislaufforschung (DGK) appelliert, in der aktuellen Situation "die leitliniengerechte Versorgung herzkranker Patienten sicherzustellen". Sie seien im Moment besonders gefährdet, schrieb DGK-Präsidenten Andreas Zeiher am Donnerstag in einem Statement . Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählten nicht nur zur Risikogruppe für die Erkrankung selbst, sondern seien bei einer Infektion mit dem Coronavirus "von besonders schweren Krankheitsverläufen und einer dramatisch erhöhten Sterblichkeit bedroht". Sie hätten eine fünffach erhöhte Mortalität, Bereiche des Herzmuskels könnten durch Sauerstoffmangel absterben und es drohten lebensbedrohliche Arrhythmien, also Rhythmusstörungen.

Die gute Nachricht: "Durch eine effektive Akutbehandlung von Patientinnen und Patienten mit Schlaganfall oder Herzinfarkt kann häufig Schlimmeres verhindert werden", sagt Stefan Blankenberg, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie des UKE. Entscheidend seien vor allem die ersten Stunden und Tage. "Eine Überwachung und Behandlung im frühen Erkrankungsstadium können Komplikationen vermeiden."

Schlaganfall - immer ein medizinischer Notfall

Seit Beginn der Pandemie nehme in Deutschland die Zahl der Patienten ab, die mit einem akuten Schlaganfall in die Klinik kommen, berichtete die Berliner Charité in dieser Woche. "Diese Beobachtung wird auch in anderen deutschen Bundesländern und weiteren europäischen Regionen gemacht", teilte die Universitätsklinik mit. "Es liegt die Vermutung nahe, dass viele Menschen im Moment trotz beunruhigender Schlaganfallsymptome aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus nicht ins Krankenhaus gehen", sagt Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG). Das sei eine fatale Entscheidung, denn im Kontext der Schlaganfallbehandlung gelte die Devise: "Time is brain." Jede Minute des Zögerns erhöhe das Risiko, dass der Patient stirbt oder dauerhafte Beeinträchtigungen wie Lähmungen, Sprach- und Verständnisstörungen, Seh- oder Koordinationsstörungen sowie Depressionen eintreten.

"Ein Schlaganfall ist immer ein medizinischer Notfall", sagt Schäbitz. Jede und jeder sollte daher die Leitsymptome kennen und wissen, was im Notfall zu tun ist.

Schlaganfall - die typischen Symptome

Mögliche Anzeichen für einen Schlaganfall sind:

  • Plötzlich einsetzende Schwäche oder Lähmung auf einer Körperseite (das heißt eines Armes, Beines oder im Gesicht)

  • Plötzliche Sprachschwierigkeiten in Verbindung mit einer Lähmung

  • Sehstörungen wie zum Beispiel Doppelbilder

  • Schwindel mit Gangunsicherheit

  • Plötzliche Bewusstseinstrübung bis zur Bewusstlosigkeit

  • Übelkeit, Erbrechen, Verwirrtheit

  • Plötzlich auftretende sehr starke Kopfschmerzen

Quelle: Charité. Hier finden Sie ein Schaubild zu den typischen Schlaganfall-Symptomen .

Was aber ist zu tun, wenn ich bei jemand anderem diese Symptome bemerkt? Die DSG gibt auf ihrer Website  Tipps für schnelles Handeln. Um die Anzeichen zu prüfen, helfe der sogenannte FAST-Test. Die Buchstaben FAST stehen dabei für die englischen Begriffe face, arm, speech und time - auf Deutsch: Gesicht, Arm, Sprache, Zeit. So geht's:

  • Bitten Sie den Betroffenen zunächst um ein Lächeln. Wenn sich das Gesicht einseitig verzieht, deutet das laut der DSG auf eine Gesichtslähmung hin.

  • Bitten Sie die Person dann, die Arme nach vorne zu strecken und dabei die Handflächen nach oben zu drehen. Bei einer - meist einseitigen – Lähmung kann ein Arm die Hebung oder Drehung nicht mitvollziehen.

  • Testen Sie anschließend, ob der Betroffene noch einen einfachen Satz nachsprechen kann. Gelingt der betroffenen Person dies nicht oder klingt der Satz undeutlich, ist das ebenfalls als Warnsignal zu werten.

  • "Wenn nur eine der drei Reaktionen auffällig ist, muss sofort die 112 gewählt werden", sagt Schäbitz. Time, das vierte Stichwort im Test, erinnere daran, dass jede Minute zählt.

Krebs: "Ohne Behandlung wachsen Tumoren einfach weiter"

Besonders kritisch ist es auch, wenn sich nun Menschen mit Krebserkrankungen vor Therapien scheuen. "Dadurch bringen sie sich mitunter in Lebensgefahr, denn die Grunderkrankung ist oft weit gefährlicher als das Risiko einer Corona-Ansteckung", heißt es in einer Mitteilung der Hamburger Asklepios Kliniken.

"Ohne Behandlung wachsen Tumoren einfach weiter, dehnen sich in Bereiche aus, wo wir nicht mehr operieren können oder bilden Tochtergeschwülste", sagt Dirk Arnold, Ärztlicher Leiter des Asklepios Tumorzentrums Hamburg. Er warnt dringend davor, anstehende Behandlungen einfach bis nach der Pandemie auszusetzen oder begonnene Krebstherapien nicht fortzuführen. "Verzögerungen können viele Krebserkrankungen massiv verschlechtern, so dass eine Behandlung nur noch mit erheblich schlechteren Vorzeichen oder gar nicht mehr möglich ist."

Daher empfiehlt Arnold Betroffenen, sich grundsätzlich untersuchen zu lassen und das Vorgehen mit dem behandelnden Arzt abzusprechen. "Wir müssen versuchen, allen Patienten die sinnvolle Behandlung zu ermöglichen", sagt Arnold, "selbstverständlich auch den Pandemie-Opfern, aber nicht ausschließlich".