Coronavirus Was bringen Antikörpertests vor Boosterimpfungen?

Vor einer dritten Coronaimpfung fragen sich manche Menschen, wie hoch ihr Immunschutz ist, und überlegen, ihr Antikörperlevel bestimmen lassen. Fachleute halten das nur für bedingt sinnvoll.
Blutprobe für einen Antikörpertest

Blutprobe für einen Antikörpertest

Foto: Marijan Murat / dpa

Mehr Impfungen und schnelle Boosterimpfungen sind von zentraler Bedeutung für das Brechen der vierten Coronawelle. Das haben Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen gerade in einem Strategiepapier  für den kommenden Winter dargelegt. Derzeit empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die dritte Impfung nur für Menschen ab 70 Jahren und einige andere Gruppen, etwa Menschen mit einer Immunschwäche, teilte aber kürzlich mit, sie halte es für sinnvoll, den Booster »mittelfristig« für alle anzubieten.

Wer sich deshalb fragt, wie hoch der eigene Immunschutz eigentlich noch ist, mag vielleicht auch darüber nachdenken, das Antikörperlevel mithilfe eines Tests ermitteln zu lassen. Fachleute halten das aber nur bedingt für sinnvoll.

Die Stiko empfiehlt  bei den COVID-19-Impfungen keine generelle Prüfung des Impferfolgs mit der Antikörpermessung, weder nach der ersten noch nach der zweiten Impfstoffdosis. Eine Ausnahme bilden nur Menschen mit einer Immunschwäche oder einer erwarteten stark verminderten Immunantwort, bei denen der Impferfolg durch eine Blutuntersuchung überprüft werden könne.

»Völlig ungerichtete Antikörperbestimmung zu machen, ist nicht zielführend«, sagt auch Andreas Bobrowski, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Laborärzte. Ein Test könne vor allem Menschen, die generell anfällig für Infekte oder aufgrund von Behandlungen oder Krankheiten immungeschwächt sind, wichtige Informationen liefern. Auch Personen, die nach ihrer Impfung gar nichts »gespürt« haben, also keine Nebenwirkungen hatten, könnte von ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin vielleicht zum Test geraten werden, so Bobrowski.

Bei einem Antikörpertest werden in der Regel die sogenannten Anti-Spike-Antikörper geprüft, die sich durch die Impfung bilden, erklärt Bobrowski. Wer zum Beispiel wissen möchte, ob er eine Infektion durchgemacht hat, sollte das vorher sagen, denn dann muss auch auf sogenannte Nucleocapsid-Antikörper geprüft werden.

Noch keine festgelegten Grenzwerte

Es reicht nicht, wenn man als Ergebnis nur eine Aussage dazu erhält, ob im Blut Anti-Spike-Antikörper vorhanden sind. Wichtig sind die konkreten Werte, für die ein Standard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herangezogen wird. Angegeben wird der Wert in BAU/ml, BAU steht für Binding Antibody Units. Doch es gibt noch keine festgelegten Grenzwerte, ab welchen jemand noch als geschützt gilt.

Mit Blick auf Daten seines Labors und unter anderem aus Israel sagt Bobrowski: Unter einem Wert von 21,8 BAU/ml sei kein messbarer Schutz durch Anti-Spike-Antikörper gegeben. Darüber folge aber ein großer Graubereich, wo man nicht so richtig wisse, wann der Schutz vor Infektion ausreichend gut ist. »Aus meiner Einschätzung ist ein Wert von 500 so hoch, dass man nicht sofort eine Drittimpfung benötigt«, sagt der Laborarzt. Bei allem über 1000 BAU/ml könne man von einem guten Schutz sprechen.

Auch der Immunologe Carsten Watzl äußerte sich auf Twitter zu Boostern und den Antikörpertests. Er schreibt mit Blick auf die Studienlage, dass der Schutz bei unter 50 BAU/ml wahrscheinlich sehr gering sei, bei über 1000 BAU/ml wohl gut. »Aber dazwischen kann keiner eine seriöse Aussage zum Schutz machen.« Er betont, dass es bei Frage um Grenzwerte um einen Schutz vor einer symptomatischen Infektion geht. Der Schutz vor einer schweren Erkrankung könne auch bei niedrigen Antikörperwerten immer noch hoch sein.

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Hinzu kommt, dass neben den Anti-Spike-Antikörpern auch die aktivierten T-Zellen, Gedächtniszellen genannt, bedeutend für den Immunschutz sind. »Das ist die Wachmannschaft, die länger bleibt und für einen zellulären Schutz sorgt, wenn das Virus zurückkommt«, erklärt Bobrowski. Ihre Anwesenheit lässt sich über T-Zell-Tests ermitteln. Das heißt also: Nur weil ein Antikörpertest geringe BAU/ml-Werte ergibt, muss das nicht heißen, dass kein Immunschutz mehr gegen das Virus besteht. Denn das Immunsystem besteht auch noch aus einer zellulären Abwehr.

Booster ist auch bei hohem Antikörperspiegel nicht gefährlich

Wenn ihr Antikörperspiegel hoch ist, würden viele Menschen annehmen, dass sie keine Boosterimpfung erhalten sollten, schreibt das RKI auf seiner Website . Doch das sei falsch. Auch bei noch bestehender Immunität gebe es keine Sicherheitsbedenken mit Blick auf die Auffrischung.

Unsicherheiten gibt es bei den Antikörpertests. So können bei der Abnahme aus der Fingerkuppe Fehler passieren, die das Ergebnis verfälschen. Etwa, wenn auf die Haut gedrückt wird, um ein wenig Blut herauszudrücken, wie Labormediziner Bobrowski sagt. »Dabei kann auch Gewebeflüssigkeit ins Blut gelangen.« Aus seiner Sicht ist eine Abnahme aus einer Armbeugenvene immer die bessere Variante.

Manche Anbieter bieten Antikörpertests an, bei denen die Blutprobe vor Ort in einem kleinen Analysegerät ausgewertet wird. Man bekommt also zeitnah noch am Tag der Blutabnahme seinen Wert übermittelt. Zur Güte dieser Maschinen könne er keine Auskunft geben, sagt Bobrowski. Dazu seien noch nicht genügend Validierungsdaten vorhanden. Er sieht bei der Ergebnisqualität dieser Kleingeräte aber größere Unsicherheiten als bei den Analyseautomaten in einem akkreditierten und ärztlich geleiteten Labor. Bobrowski rät, im Zweifel nachzufragen, wie die Qualität der Analyse sichergestellt wird – darauf sollten Anbieter dann mehr Antworten liefern können, als nur auf den Gerätehersteller zu verweisen. Aber natürlich können Laien selbst dann nur schwer abschätzen, wie verlässlich die Ergebnisse am Ende wirklich sind.

Die Antikörpertests sind in der Regel keine Kassenleistung, sie müssen also selbst bezahlt werden. Ein Labor könne für einen Antikörpertest laut offizieller Gebührenordnung 17,49 Euro abrechnen, sagt Bobrowski. Ärztinnen und Ärzte bekämen für die Blutabnahme darüber hinaus rund vier Euro. Dieser offizielle Preis sei für einen Antikörpertest angemessen, bei dem die Wirkung der schon erfolgten Schutzimpfungen gecheckt wird. Verlangen Anbieter mehr als 40 oder 50 Euro für die Bestimmung der IgG-Antikörper, sei das auf keinen Fall berechtigt.

mar/dpa
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