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11. Juli 2012, 10:59 Uhr

Blasenentzündung

Ärzte rätseln über Schutzwirkung der Cranberry

Von Cinthia Briseño

Viele Frauen schwören auf Cranberrysaft als Schutz vor einer unangenehmen Blasenentzündung. Mediziner haben jetzt untersucht, ob die Beere wirklich Harnwegsinfektionen verhindern kann.

Das Übel beginnt mit einem leichten Ziehen im Unterleib. Was kurz darauf folgt, sind die äußerst unangenehmen Begleiterscheinungen einer typischen Blasenentzündung: Beim Wasserlassen brennt es wie Feuer, der Bauch schmerzt, ständig hat man das Gefühl, auf die Toilette zu müssen, und manchmal ist sogar Blut im Urin.

Mediziner nennen das, was etwa die Hälfte aller Frauen Statistiken zufolge mindestens einmal in ihrem Leben erfahren muss, eine Zystitis, also eine untere Harnwegsinfektion. Gemeinhin gilt sie als "unkompliziert". Nämlich dann, wenn "im Harntrakt keine relevanten funktionellen oder anatomischen Anomalien, keine relevanten Nierenfunktionsstörungen und keine relevanten Begleiterkrankungen vorliegen". So ist es in den offiziellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) zu Harnwegsinfektionen nachzulesen.

Blasenentzündungen kehren häufig wieder

Betroffene empfinden eine Zystitis aber häufig alles andere als unkompliziert. Viele von ihnen plagt eine Blasenentzündung gleich mehrmals im Jahr. Sie erproben jedes erdenkliche Hausmittelchen, um eine Zystitis zu vermeiden. Besonders beliebt ist die Großfrüchtige Moosbeere, Vaccinium macrocapron, besser bekannt unter ihrer englischen Bezeichnung: Cranberry.

Doch vermag die Heilpflanze wirklich vor einem Harnwegsinfekt zu schützen?

Ärzte haben sich jetzt des Themas angenommen und die meisten der verfügbaren Studien über die schützende Kraft der Beere ausgewertet. Dabei kommen Chih-Hung Wang von der National Taiwan University in Taipeh und Kollegen von der Harvard School of Public Health in Boston zu einem Ergebnis, das Ärzte wie auch Patienten ziemlich ernüchtern dürfte.

Ja, heißt es im Fazit dieser Metaanalyse, die in den "Archives of Internal Medicine" veröffentlicht wurde, die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die Cranberry möglicherweise vor Harnwegsinfektionen schützen könne. Der Effekt, den die Mediziner bei der Analyse von insgesamt mehr als 400 Studien dabei ausmachen, ist statistisch aber nur schwer zu belegen.

"Methodisch gesehen ist die Qualität dieser Arbeit sehr gut", sagt Christian Gratzke im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Doch die Schlussfolgerung ist bewusst schwammig formuliert." Das sei aber ein grundsätzliches Problem bei der Untersuchung von pflanzlichen Produkten, erklärt der Urologe und Oberarzt am Klinikum der Universität München (LMU). "Wir kennen meist die genaue Dosierung der verschiedenen Extrakte nicht, die für den gewünschten Effekt notwendig wäre", sagt Gratzke.

Die Fahndung nach dem wichtigsten Cranberry-Wirkstoff

Auch nach Analyse der Cranberry-Studien ist nicht klar, wie hoch die Konzentration des pflanzlichen Wirkstoffs im Blut jener Probandinnen war, bei denen ein positiver Effekt messbar war. Die Beere enthält mehr als 200 aktive Substanzen. Als für die Gesundheit wirksame Bestandteile kommen einige davon in Frage: Einer alten Theorie zufolge sollen Vitamin C, Zitronensäure und eine Reihe anderer Säureverbindungen aus der Cranberry den Urin ansäuern und so vor Bakterienwachstum schützen. Diese Idee ist aber überholt. Selbst wenn eine Person mehrere Liter Cranberrysaft in sich hineinschüttet, verändert das den Säurewert im Urin (pH-Wert) nicht ausreichend, um Bakterien den Garaus zu machen.

Gleichwohl haben Forscher inzwischen zeigen können, dass Cranberrysaft einige Bakterienarten daran hindert, sich an die Zellwände der Harnwege zu heften. Verantwortlich für diese Wirkung ist demnach eine Substanz namens Proanthocyanidin. Sie gehört zu einer großen Gruppe von pflanzlichen Wirkstoffen, den Flavonoiden. Auch Blaubeeren enthalten Proanthocyanidin.

Als erste Studien zeigten, dass Kapseln mit Cranberry-Extrakten bei Frauen, die unter wiederkehrenden Blasenentzündungen litten, scheinbar ähnlich wirkungsvoll wie eine tägliche Antibiotika-Pille vor erneuten Harnwegsinfektionen schützen, war die Euphorie groß. Sogleich sponserte der Cranberrysaft-Hersteller Ocean Spray eine große Studie, um die Wirkung von Cranberrysaft gegen einen Placebo-Saft antreten zu lassen. Aber der Saft versagte: Im Vergleich zum Placebo konnten die Wissenschaftler keinen deutlichen Unterschied ausmachen.

Placebo-Saft wirkt auch

Doch das Risiko für das erneute Auftreten einer Entzündung schien insgesamt bei allen Probandinnen zu sinken. Als sie die Studie letztes Jahr veröffentlichten, schrieben die Forscher um Betsy Foxman von der University of Michigan dazu: Es sei möglich, dass in dem Placebo-Saft irrtümlicherweise die aktiven Substanzen aus dem Cranberrysaft enthalten waren. Dieser sei zwar frei von der vermeintlichen Schlüsselkomponente Proanthocyanidin gewesen, aber nicht etwa von Vitamin C.

Cranberry-Produkte, so ein Fazit der aktuellen Übersichtsanalyse aus Taiwan, scheinen insbesondere einen Nutzen für Frauen mit wiederkehrenden Blasenentzündungen zu haben. "Man sollte auch keinesfalls den Placebo-Effekt vernachlässigen", sagt der Urologe Christian Gratzke. Und so findet sich auch in den Leitlinien des Europäischen Urologen-Verbands ein kleiner Absatz, der die Prophylaxe mit Hilfe von Cranberrysaft empfiehlt. Er schade keinesfalls, sagt Gratzke. Patienten, die ihm erklären, sie würden Cranberrysaft trinken, hält er jedenfalls nicht davon ab.

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