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03. Juli 2014, 18:43 Uhr

Crystal Meth

Extrem leistungssteigernd, extrem gefährlich

Crystal Meth schädigt auf Dauer die Nervenzellen im Gehirn und verursacht Psychosen. Trotzdem wird die extrem aufputschende Droge in Deutschland immer beliebter - auch am Arbeitsplatz.

Die Droge raubt ihren Abhängigen die äußere Erscheinung und den klaren Kopf, den SPD-Politiker Michael Hartmann kostete sie wahrscheinlich den Job. Gegen den Bundestagsabgeordneten wird wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz ermittelt, er ist als innenpolitischer Sprecher zurückgetreten. Der Vorwurf: Kauf von Drogen. Es geht offenbar um Crystal Meth, eine der gefährlichsten Substanzen auf dem Markt.

Was reizt die Menschen an dieser Droge - und welche enormen Gefahren birgt sie? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist Crystal Meth?

Das kristalline N-Methylamphetamin kann aus unter anderem legalen, nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten gegen Husten- und Erkältungsbeschwerden gewonnen werden. Es wirkt stark aufputschend, Soldaten erhielten die Substanz in ähnlicher Form und unter der Bezeichnung Pervitin schon im Zweiten Weltkrieg verabreicht.

Die Droge kann in ihrer kristallinen Form geraucht werden, meist wird sie aber als Pulver geschnupft oder als Tablette geschluckt. Dann ist der Rausch weniger intensiv, hält aber länger an. Aufgelöst lässt sich Crystal Meth auch spritzen, das erhöht die Suchtgefahr im Vergleich zu den anderen Methoden noch einmal drastisch.

Crystal Meth wird hauptsächlich in Laboren in Tschechien produziert, Experten schätzen die dort hergestellte Menge auf sechs Tonnen. Über die Grenze wird die Droge anschließend nach Deutschland geschmuggelt. Konsumenten zahlen für ein Gramm in Tschechien etwa 25 Euro, an der Grenze zu Deutschland 60 Euro und in weiter entfernten Großstädten um die 120 Euro.

Wie verändert Crystal Meth den Körper?

Ob beruflich oder sexuell - Crystal Meth verwandelt seine Konsumenten in Überflieger, allerdings nur für kurze Zeit. Der Körper stellt massenhaft Botenstoffe wie die Glückshormone Serotonin und Dopamin oder das Stresshormon Noradrenalin zur Verfügung. Angstgefühle schwinden, die Leistungsfähigkeit und das sexuelle Bedürfnis steigen.

Die Kristalle putschen ihre Konsumenten dabei noch stärker auf als Speed oder Ecstasy, allerdings sind auch die Nebenwirkungen noch gewaltiger. Auf Bildern lässt sich nachvollziehen, wie die Droge Menschen innerhalb weniger Monate verändert. Die Überflieger verwandeln sich in Zombies. Ihre Haut wird aschfahl, die Wangen fallen ein, Pickel und eitrige Geschwüre übersäen das Gesicht, die Haare stehen struppig vom Kopf, die Zähne fallen aus.

Neben den äußeren hinterlässt der Wirkstoff auch innere Spuren. Auf Dauer schädigt er die Nervenzellen im Gehirn, die Abhängigen leiden unter Paranoia und können tagelang nicht mehr schlafen. Sie verspüren keinen Hunger mehr, keinen Durst und keine Schmerzen. Ihr Gewicht schwindet, sie werden aggressiv. Weitere mögliche Folgen reichen von einem krankhaften sexuellen Verlangen bis hin zu Herzproblemen. Durch die starke sexuelle Stimulanz steigt auch das Risiko, sich mit HIV zu infizieren.

Welche Bedeutung hat die Droge in Deutschland?

Crystal Meth entwickelt sich in Deutschland zu einem immer größer werdenden Problem, vor allem in den beiden an Tschechien angrenzenden Bundesländern Sachsen und Bayern ist die Droge weit verbreitet. 2013 wurden laut BKA in Deutschland 77 Kilogramm des kristallinen Metamphetamin beschlagnahmt, 2009 waren es noch 7,2 Kilogramm. Die Zahl der Menschen in Deutschland, die Crystal Meth zum ersten Mal ausprobiert haben, stieg 2012 um 51 Prozent, auch das geht aus einer Statistik des BKA hervor.

Lange Zeit galt Crystal Meth als Straßen- und Partydroge. Eine aktuelle Untersuchung zeigt jedoch, dass die Substanz zunehmend auch am Arbeitsplatz, an Universitäten oder in Schulen genutzt wird. Ein Drittel der Befragten einer deutschen Studie nennt "Schule und Studium" als Grund, zu Crystal Meth zu greifen. Das geht aus einer vom Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegebenen Studie hervor, auch junge Eltern zählen demnach zu den Risikogruppen.

"Methamphetamine bedienen den Zeitgeist", warnt die Suchttherapeutin Annegret Sievert, die in der Reha-Klinik Hochstadt bei Bayreuth Abhängige behandelt, in einem SPIEGEL-Artikel. "Wir alle müssen immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit erledigen." Nach der aufputschenden Wirkung fallen die Konsumenten der Droge allerdings in eine großes Loch. Die Energie, die der Körper zusätzlich mobilisiert hat, fehlt. Es folgen Erschöpfung, Antriebslosigkeit, ein extremes Schlafbedürfnis - und das erneute Verlangen nach der Substanz.

irb

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