Colitis ulcerosa Alarm im Darm

Die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Colitis ulcerosa ist schmerzhaft und raubt den Betroffenen Lebensqualität. Doch die Therapie macht Fortschritte.

Querschnitt durch einen gesunden Dickdarm
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Querschnitt durch einen gesunden Dickdarm


"Ich kenne jede Rasthaustoilette auf dem Weg zu Ihnen" - ein Satz, den Colitis-ulcerosa-Experte Andreas Stallmach vom Universitätsklinikum Jena immer wieder hört. "Für die Betroffenen können sozial stigmatisierende Situationen entstehen. Aus Angst davor ziehen sie sich zurück", sagt der Jenaer Gastroenterologe.

Colitis ulcerosa trifft in Deutschland etwa 225.000 bis 250.000 Patienten, Männer genauso wie Frauen, Kleinkinder ebenso wie 80-Jährige. Wer an der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung leidet, hat nicht nur zehn bis zwanzig Mal täglich schmerzhafte Stuhlgänge, sondern zumeist auch extrem starken Toilettendrang.

Der menschliche Darm ist etwa 7,5 Meter lang. Colitis ulcerosa betrifft nur den bakterienreichen, etwa 1,5 Meter langen Dickdarm, der auf den deutlich längeren Dünndarm folgt. "Bei der Erkrankung kommt es zur oberflächlichen chronischen Entzündung der Darmschleimhaut", erklärt Markus Neurath, Direktor der Medizinischen Klinik I des Universitätsklinikums Erlangen.

Es bilden sich Geschwüre, bei rund 90 Prozent der Betroffenen führt die Erkrankung zu blutigen Durchfällen. "Das kann eine Blutarmut verursachen, die die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt", so Neurath. Ebenfalls typisch sind krampfartige Bauchschmerzen. Bei manchen Betroffenen können die Beschwerden allerdings auch nur mild ausfallen.

Krankheit in Schüben

Am häufigsten betroffen von der Erkrankung ist das 20 Zentimeter lange Endstück des Dickdarms, der sogenannten Enddarm. Der größere Teil der Colitis-ulcerosa-Patienten hat dort eine leichte bis mittelgradige Entzündung, bei etwa 20 bis 30 Prozent der Patienten wandert die Entzündung sogar den ganzen Dickdarm entlang.

Typisch ist ein schubweiser Verlauf: Akute Schübe wechseln sich mit Ruhephasen ab, die Monate bis Jahre anhalten können. Wer an Colitis ulcerosa leidet, muss wissen, dass er entzündungsbedingt nicht nur Beschwerden an den Augen, in den Gelenken, der Galle und an der Haut bekommen kann, sondern auch ein erhöhtes Risiko für Darmkrebs hat.

"Die Entzündung treibt das Wachstum flach auf der Schleimhaut wachsender Tumoren an. Sie erschwert trotz Anfärbung der Schleimhaut während der Endoskopie das Erkennen von Krebsvorstufen", sagt Neurath. Wenn die Entzündung frühzeitig therapiert werden, sei es möglich, das Darmkrebsrisiko klein zu halten.

Moderner Lebensstil als Ursache

Colitis ulcerosa tritt familiär gehäuft auf, die Gene machen aber nur einen Teil der höchst komplexen Entstehungsgeschichte aus. Hauptverursacher sind offenbar der westliche Lebensstil und Umweltfaktoren. "Diskutiert werden bei den Umweltfaktoren zum Beispiel Ernährung, Medikamente, hohe Hygiene und geringe Konfrontation mit Umwelteinflüssen im Kindesalter", sagt der Gastroenterologe und klinische Pharmakologe Jan Wehkamp vom Universitätsklinikum Tübingen. Richtig gesichert sei jedoch nichts davon.

Eine Schwachstelle bei Colitis ulcerosa ist eine Schleimschicht auf den Darmschleimhautzellen, die bei der Erkrankung dünner ist als normal. Eigentlich soll die Schicht den direkten Kontakt der Darmzellen mit Giftstoffen aus der Nahrung verhindern und Bakterien fernhalten, die nicht weiter in den Körper gelangen sollten.

"Der Schleim, den wir als Mukus bezeichnen, ist Reservoir körpereigener Antibiotika, der sogenannten Defensine", sagt Wehkamp. "Ist die Defensinmenge zu klein, dann ist kein ausreichender Schutz gegen Bakterien am Übergang der Außenwelt zum Dickdarm vorhanden." Der Experte glaubt, dass die Einnahme der Stoffe in Zukunft eine weitere Möglichkeit bieten könnte, die Krankheit zu therapieren.

Ein aktuellerer Hoffnungsträger ist Phosphatidylcholin (PC) - ein wichtiger Bestandteil des Schleims, der bei Patienten mit Colitis ulcerosa ebenfalls deutlich vermindert ist. "Die Ergänzung des fehlenden Phosphatidylcholins müsste den Schleimhautschutz im Dickdarm verstärken, sodass Bakterien und Schadstoffe nicht in Kontakt mit der Darmwand kommen können und Gegenreaktionen des Immunsystems ausbleiben", erklärt Wehkamp.

Aktuell wird der Stoff in einer Phase-III-Studie mit Patienten erforscht - der letzten Studienphase vor der Zulassung eines Medikaments.

Therapiefortschritte in den vergangenen Jahren

Schon jetzt können Ärzte bei der Behandlung von Colitis ulcerosa zwischen einer zunehmenden Zahl an Medikamenten wählen. "Die aktuelle Therapie orientiert sich am Schweregrad der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung und am Befallsmuster", sagt Stallmach. Sind die letzten zehn Zentimeter des Dickdarms betroffen, dann eignen sich Zäpfchen, Einläufe und Schäume, die eine gute lokale Wirkung entfalten. Hat sich die Entzündung ausgedehnt, können die Wirkstoffe auch geschluckt werden.

"In nicht zu schweren Fällen wird der Wirkstoff 5-Aminosalicylsäure (5-ASA) bei einem akuten Schub als Basistherapie verwendet", so Stallmach. Bei stärkeren akuten Beschwerden kann im Einzelfall auch Kortison eingesetzt werden. Brauche jemand mehr als zweimal jährlich Kortison, müsse die Therapie allerdings überdacht werden, sagt Stallmach.

Kortison kann langfristig gravierende Nebenwirkungen haben, darunter Veränderungen im Zucker- und Knochenstoffwechsel, grauen Star, erhöhten Blutdruck und negative psychische Auswirkungen wie Kortisonpsychosen sowie eine erhöhte Suizidgefahr. "Kortison sollte man deshalb sparsam verwenden", sagt Neurath.

Das Immunsystem im Sparbetrieb

Eine neuere Möglichkeit der Therapie bieten Mittel, die das Immunsystem herunterregulieren. "Sehr wirkungsvoll und viel entzündungshemmender als 5-ASA sind sogenannte Biologica, also zielgerichtete Antikörper", sagt Neurath. Darunter fallen die Antikörper Infliximab und Adalimumab gegen den Tumornekrosefaktor (TNF alpha), einen an Entzündungen beteiligten Signalstoff des Immunsystems.

Eine weitere Option bietet Vedelizumab, das die Wanderung von Lymphozyten in den Entzündungsbereich behindert. "Die Entzündung wird auf diese Weise langsam ausgehungert", sagt Neurath. Biologica bringen ihm zufolge einen großen Therapiefortschritt für viele Patienten, einige Präparate stecken auch noch in der Entwicklung.

Welche Therapie letztendlich die beste ist, müssen die Ärzte jedoch bei jedem Betroffenen individuell entscheiden, indem sie Nutzen und Risiken abwägen.

"Und trotz der bisherigen Therapiefortschritte gibt es auch Patienten, bei denen wir schließlich den Dickdarm doch entfernen müssen", sagt Wehkamp.

Medikamente für die Ruhephase

Wenn die Krankheitssymptome nachlassen, können schwächer dosierte 5-ASA das Einsetzen eines neuen Schubs hinauszögern. Werden diese nicht vertragen, ist auch die Einnahme spezieller Darmbakterien (Probiotika E.coli Nissel 1917) eine Möglichkeit. "Von Stuhltransplantationen rate ich zum derzeitigen Zeitpunkt ab. Mit dem Stuhl werden zum Beispiel auch Viren übertragen. Wir wissen einfach noch zu wenig über Risiken und Wirkung", warnt Neurath.

Abgesehen von der geeigneten Therapie sei es für die Patienten sehr wichtig, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und gegebenenfalls eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen.

Ernährungsempfehlungen bei Colitis ulcerosa
    "Jeder Patient hat individuelle Unverträglichkeiten. Mal liegt es an den Zitrusfrüchten, mal am Kohl oder den Tomaten", sagt Andreas Stallmach vom Universitätsklinikum Jena. Es sei deshalb hilfreich, ein Ernährungstagebuch zu führen, um individuelle Unverträglichkeiten festzustellen (Was habe ich gegessen? Wie ging es mir am nächsten Tag?).
  • Trotzdem gibt es auch sehr allgemeine Empfehlungen für die Ruhephase (Remission) und die akute Phase. "Wir raten beispielsweise zu 6 bis 8 kleineren Mahlzeiten pro Tag", sagt Markus Neurath vom Universitätsklinikum Erlangen.
  • In der Ruhephase zwischen Schüben, der Remission, ist eine gesunde und ausgewogene mediterrane Kost wichtig. "Der Anteil tierischen Fettes, also Fleisch und Wurst, an der Nahrung sollte begrenzt sein. Dafür mehr Obst und Gemüse essen. Bei den Ballaststoffen gibt es keine Einschränkung", sagt Stallmach.
  • Während eines akuten Schubs ist es dagegen ratsam, sich nicht nur fettarm, sondern auch möglichst ballaststoffarm zu ernähren. "Das Fett wird nicht gut verdaut, was die Bauchschmerzen verstärkt und Blähungen verursacht", erklärt Neurath. Vitamine und Mineralstoffe müssen mitunter mit Nahrungsergänzungsmitteln eingenommen werden.
"Manchmal können die Patienten gar nichts mehr essen, sodass sie mit Infusionen über die Vene unter Umgehung des Darms ernährt werden müssen", erzählt Neurath. Auch hochkalorische Astronautenkost würde mitunter eingesetzt, um zu verhindern, dass die Patienten Muskelmasse abbauen.
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