Demenz Jahre vor den ersten Symptomen - Bluttest erkennt Warnzeichen für Alzheimer

Die Trefferquote lag bei 88 Prozent: US-Forscher haben einen Bluttest entwickelt, der Alzheimer im Frühstadium erkennt. Warum sollte jemand Jahre im Voraus wissen, dass er an einer unheilbaren Krankheit leidet?

Bisher lässt sich Alzheimer vor allem durch Gehirnscans frühzeitig erkennen
Andrew Brookes/ Cuktura RF/ Getty Images

Bisher lässt sich Alzheimer vor allem durch Gehirnscans frühzeitig erkennen


Alzheimer schlummert bis zu 20 Jahre lang im Gehirn, bevor sich die Krankheit bemerkbar macht. Ohne dass die Betroffenen etwas davon mitbekommen, bilden sich in ihrem Gehirn häufig Klumpen aus Eiweißen, sogenannte Beta-Amyloide. Diese Eiweiß-Ablagerungen gelten als Hauptursache für Alzheimer, weil sie Nervenzellen zerstören, Entzündungen auslösen und die Signalübertragung im Gehirn stören können.

Nun haben Forscher einen Test entwickelt, der genau diese Eiweiße im Blut aufspüren kann und damit Rückschlüsse auf die Veränderungen im Gehirn zulässt, Jahre bevor die ersten Symptome auftreten, berichten sie im Fachblatt "Neurology".

Für die Studie untersuchten die Wissenschaftler das Blut von 158 Erwachsenen über 50 Jahre. Die Resultate verglichen sie mit Gehirnscans, die bisher für den Nachweis der Eiweiße im Gehirn eingesetzt werden. In 88 Prozent der Fälle stimmten die Testergebnisse überein - ein entscheidender Durchbruch, schreiben die Forscher der Washington University School of Medicine in St. Louis. Für eine sichere Diagnose ist der Wert allerdings zu gering.

"Kein Beweis für Demenz"

In einem weiteren Schritt kombinierten die Forscher den Test deshalb mit zwei weiteren Risikofaktoren: Alter und Genveränderungen. Ab 65 Jahren verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, alle fünf Jahre. Als weiterer großer Risikofaktor gilt die genetische Veränderungen APOE4. Menschen, die diese in sich tragen, erkranken dreimal so häufig an Alzheimer.

Für Probanden über 65 Jahren mit der Genveränderung lag die Genauigkeit des Bluttests bei 94 Prozent. Bevor er jedoch klinisch eingesetzt werden kann, seien weitere Studien mit mehr Versuchsteilnehmern nötig, räumen die Forscher ein.

"Es ist wichtig zu betonen, dass es sich nicht um einen Nachweis für Demenz handelt", sagte auch James Pickett von der Alzheimer's Society der "BBC", der Forscher war nicht an der Studie beteiligt. "Der Test sagt nur aus, dass sich im Gehirn Beta-Amyloide abgelagert haben, die auf eine Alzheimererkrankung hindeuten können, aber auch bei gesunden älteren Menschen vorkommen."

Tatsächlich lieferte der Test bei einigen Probanden ein falsch-positives Ergebnis. Das heißt, der Bluttest wies Beta-Amyloide nach, obwohl die Hirnscans negativ waren. In einigen Fällen zeigten jedoch Hirnscans vier Jahre später Auffälligkeiten. Die Forscher vermuten deshalb, dass der Test sogar früher auf Alzheimer hindeuten könnte als die Hirnscans.

Medizinischer Nutzen des Tests

Doch welcher Patient möchte Jahre im Voraus erfahren, dass er an einer bislang unheilbaren Krankheit leidet? Wohl die wenigsten, glauben auch die Forscher.

Der medizinische Nutzen des Tests liegt woanders: Immer mehr Neurologen sind überzeugt, dass die Therapie von Alzheimer so früh einsetzen muss wie möglich, noch bevor Symptome auftreten. Wenn die Menschen anfangen, vergesslich zu werden, ist ihr Gehirn vermutlich schon so geschädigt, dass sie selbst mit wirksamen Mitteln nicht mehr vollständig geheilt werden können. Das könnte auch ein Grund sein, warum vielversprechende Medikamenten-Studien bisher scheiterten. (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Für klinische Studien suchen Ärzte deshalb nach Patientinnen und Patienten, bei denen sich bereits Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn gebildet haben, aber noch keine Symptome auftreten. Bisher können diese nur mit den aufwendigen und teuren Hirnscans ausfindig gemacht werden, mit den Bluttests ginge das deutlich schneller - und kostengünstiger, argumentieren die Forscher. "Wenn wir die Versuche schneller durchführen können, kommen wir unserem Ziel näher, die Krankheit zu besiegen", sagte Studienautor Randall J. Bateman.

Er und sein Team sind nicht die einzigen, die an solchen Tests forschen. Anfang des Jahres berichteten Wissenschaftler von einem ähnlichen Verfahren. In diesem Fall spürte der Bluttest jedoch nicht Beta-Amyloide auf, sondern andere Eiweiße, die beim Absterben von Nervenzellen entstehen. Laut den Forschern ließ sich mit den Messwerten der Verlust von Hirnmasse und die kognitive Beeinträchtigung vorhersagen.

In Deutschland gelten derzeit 1,7 Millionen Menschen als demenzkrank, Alzheimer ist die häufigste Ursache. Die Erkrankung des Gehirns ist bisher unheilbar. Die derzeit verfügbaren Demenz-Medikamente verlangsamen nur das Fortschreiten der Erkrankung, können sie aber nicht aufhalten.

Im Video: Diagnose Demenz - Der Kampf gegen das Vergessen

koe

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