Demenz Musik hilft bei Alzheimer

Jeder Mensch hat eine Playlist, die ihn durch sein Leben begleitet. Wie diese Musik Demenzkranke unterstützt, und warum Klänge im Kampf gegen das Vergessen helfen können.
Eine Seniorin hört Musik: ein Moment voller Erinnerungen

Eine Seniorin hört Musik: ein Moment voller Erinnerungen

Foto: Cecilie Arcurs/ Getty Images

"Wir brauchen Musik auf Rezept", fordert Stefan Kölsch. Der Neurowissenschaftler, Psychologe und Soziologe forscht an der norwegischen Universität von Bergen zur Wirkung von Klängen aufs Gehirn. Gerade im Kampf gegen neurologisch bedingte Krankheiten hält er Musik für mindestens genauso wichtig wie Medikamente - vielleicht sogar für wichtiger.

Kölsch, der selbst ausgezeichnet Geige spielt und gezielt interdisziplinär arbeitet, betreut an der norwegischen Universität eine große Langzeitstudie, die speziell den Einfluss von Musik auf den Verlauf von Alzheimer erforscht. Ergebnisse wird es erst in rund zwei Jahren geben. Aber schon jetzt setzt Kölsch aufgrund ähnlicher, wenngleich wesentlich kleinerer Studien aus aller Welt auf die heilende Kraft der Musik. Seine größte Hoffnung: dass Melodien und Rhythmen den Verlauf einer Demenz nicht nur mildern, sondern eventuell auch wie eine Frischzellenkur wirken könnten, die neue, gesunde Gehirnzellen generiert.

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Kölsch, Prof. Stefan

Good Vibrations: Die heilende Kraft der Musik | Der renommierte Autor zeigt, dass Klänge und Töne unserem Körper besser helfen, als Medikamente

Verlag: Ullstein Hardcover
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05.02.2023 03.26 Uhr

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Wie kann Musik konkret helfen?

Dazu müssen Pfleger oder Angehörige sich an das Musikleben der Patienten heranarbeiten. Was weiß man bereits über dessen musikalische Vorlieben? Oper oder Hardrock? Musical oder Country? Denn Patienten mit Musik zu beschallen, die sie noch nie mochten, löst das Gegenteil der gewünschten Wirkung aus: nämlich Abscheu, Abwehr, Stress.

Kölsch empfiehlt, wenn man noch im Dunklen tappt, mit ruhigen Stücken in moderater Lautstärke und möglichst ohne Kopfhörer anzufangen. Erfolgversprechend sei etwa populäre Musik aus der Jugendzeit des Patienten. Dann sollte man den Kranken genau beobachten, bei negativen Reaktionen auf die Musik sofort abschalten und vor dem nächsten Versuch eine lange Pause einlegen.

Bei positiver Reaktion kann man dann mit artverwandten Stücken weitermachen. Die Reaktionen beobachten, eventuell protokollieren und so möglichst einen Plan erstellen: Man möchte anregen? Frank Sinatra. Die Musik soll Ängste nehmen oder beruhigen? Händel. Die Lieder sollen zu Bewegung animieren? West Side Story. Man möchte Erinnerungen wecken? Elvis.

Musikbiografien - so individuell wie das Leben der Menschen

Musik kann so therapeutisch eingesetzt werden, um bestimmte Wirkungen zu erzielen, die den Patienten in seinem Alltag unterstützen. Dabei gilt aber: Die Musikbiografien von Menschen sind so individuell wie ihr Leben. Die allermeisten Menschen verbinden entscheidende Punkte und Wegmarken ihres Werdegangs auch mit Musik. Die erste Liebe, der erste Kuss, die Geburt eines Kindes.

Oft gilt das aber auch für negative Emotionen: Tod, Gewalt, Unfälle, Krankheiten - auch daran kann man durch Musik erinnert werden. Deshalb sei es sehr wichtig, für jeden Patienten dessen individuelle Playlist zu finden, auszuprobieren, herauszufinden, was wie auf den Kranken wirkt.

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Musik als Dauerschleife in Gemeinschaftsräumen oder Aufzügen kann Kölsch zufolge kontraproduktiv sein. Denn was Patient A gerne hört, kann für Patient B Stress bedeuten. Doch individuelles Hören über Kopfhörer ist für viele Demenzkranke eine Herausforderung: Viele empfinden es als übergriffig oder bedrohlich, wenn ihnen Fremde oder vermeintlich Unbekannte etwas auf den Kopf oder in die Ohren stecken wollen. Auch hier gilt laut Kölsch: Geduld. Ausprobieren. Versuch und Irrtum.

"Musik schafft Identität, Gemeinschaft und Emotion"

Besonders gute Ergebnisse beobachtet der Psychologe, wenn die Patienten selbst noch aktiv musizieren und singen. "Musik schafft Identität, Gemeinschaft und Emotion", sagt Kölsch, "vor allem in Gruppen." Das Mitklatschen und Mitsingen altvertrauter Lieder mache die Demenzerkrankung nicht rückgängig, aber es stimme die Menschen glücklich und trainiere das Gehirn.

Gerade im frühen Stadium, wenn Menschen ihren Identitätsverlust noch phasenweise reflektieren und bewusst miterleben, löst Alzheimer oft Depressionen aus. Die eigene "Lebensmusik" zu hören, wirke dabei dieser Niedergeschlagenheit entgegen, nach Überzeugung von Kölsch besser als Tabletten: Selbst wenn keine "intellektuelle" Leistung mehr messbar ist, so Kölsch, "sieht man in den Gesichtern der Menschen, dass sie für diesen Moment wieder glücklich sind".

Im Video: Diagnose Demenz - Der Kampf gegen das Vergessen

BBC
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