Studie Wie Arbeit das Demenzrisiko senken könnte

Kann man das Risiko, im Alter dement zu werden, selbst mindern? Eine aktuelle Studie legt das nahe.
Der Lebensstil kann dazu beitragen, Demenz zu verhindern oder das Auftreten zumindest zu verzögern

Der Lebensstil kann dazu beitragen, Demenz zu verhindern oder das Auftreten zumindest zu verzögern

Foto: Hinterhaus Productions / Getty Images

Als die Krankenkasse DAK im Winter 2020 wie jedes Jahr Menschen in Deutschland fragte , vor welchen Krankheiten sie sich fürchteten, stand Covid-19 auf der Liste lediglich auf Platz sieben. Am meisten Angst hatten die Befragten vor Krebs, gefolgt von Demenz und einem Unfall mit schweren Verletzungen. Die Furcht vor Krebs und Demenz nahm mit dem Alter zu.

Dass diese Krankheiten große Sorgen auslösen, ist verständlich, denn gerade mit zunehmendem Alter treten sie gar nicht selten auf. Schätzungen zufolge lebten im Jahr 2018 in Deutschland 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenz, Tendenz steigend.

Zwar haben die Gene einen großen Einfluss darauf, ob jemand an Demenz erkrankt. Doch der Lebensstil kann dazu beitragen, die Krankheit zu verhindern oder ihr Auftreten zumindest zu verzögern. Laut einer aktuellen Studie im Fachblatt »The BMJ«  könnte auch die Jobwahl dazu beitragen.

Daten von mehr als 100.000 Menschen

Das Team um Mika Kivimäki vom University College London wollte wissen, ob geistig fordernde Arbeit das Demenzrisiko mindert. Die Forschenden griffen auf Daten mehrerer großer europäischer und US-Studien zurück. So konnten sie Daten von mehr als 100.000 Menschen auswerten, die im Schnitt rund 17 Jahre begleitet wurden.

Was wurde in der Studie als geistig fordernde Arbeit – oder eben nicht-fordernde Arbeit – definiert? Alle Teilnehmenden beantworteten mehrere Fragen dazu, welche Ansprüche ihr Job stellt und wie viel Kontrolle oder Eigenverantwortung sie haben, also unter anderem, ob sie sehr schnell oder sehr intensiv arbeiten müssen und ob sie kreativ sein können oder Neues in ihrem Job lernen.

Lagen Anspruch und Eigenverantwortung über dem Durchschnitt, wurde der Job als stark geistig fordernd eingestuft, lagen beide unter dem Durchschnitt wurden sie als wenig geistig fordernd eingestuft. War eins über- und das andere unterdurchschnittlich, wurde der Job in der Mitte eingestuft.

Tatsächlich entwickelten Menschen mit forderndem Job etwas seltener innerhalb der Studiendauer eine Demenz. Demnach gab es in der Gruppe mit den stark fordernden Jobs 4,8 Demenzfälle pro 10.000 Personenjahre. In der Gruppe mit den wenig fordernden Jobs waren es 7,3 Fälle. Die Forschergruppe schreibt, auch nach Berücksichtigung bekannter Risikofaktoren wie etwa Alter, Bildungsgrad und Herz-Kreislauf-Krankheiten, blieb das Ergebnis bestehen, dass fordernde Jobs mit einem geringeren Demenzrisiko im Alter einhergingen. Die relativ geringe Zahl der Demenzfälle geht darauf zurück, dass sehr viele Teilnehmende zum Studienende noch nicht hochbetagt waren.

In einer kleineren Studiengruppe untersuchte das Team die Mengen bestimmter Proteine im Blut je nach Forderung im Job – und in einer weiteren den Zusammenhang dieser Proteine mit dem Auftreten von Demenz. Wer im Job geistig gefordert wurde, hatte im Schnitt geringere Mengen von bestimmten Proteinen im Blut, die möglicherweise das Wachstum von Nervenzellen stören und damit das Demenzrisiko erhöhen könnten.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, kann sie aber keine klare Aussage darüber treffen, ob die Eigenheiten des jeweiligen Jobs tatsächlich die Ursache für das geringere Demenzrisiko waren. Das schreiben die Forschenden auch selbst, so könnte zum Beispiel der Intelligenzquotient in der Kindheit sowohl die spätere Berufswahl als auch das Demenzrisiko beeinflussen.

Neun Empfehlungen, die jetzt schon gelten

Unabhängig vom Beruf können einige Verhaltensweisen und Umstände dazu beitragen, das Demenzrisiko zu senken: Vor gut einem Jahr sprach ein Forscherteam im Fachblatt »The Lancet« neun Empfehlungen aus, die sich sowohl an die Politik als auch an die Menschen richteten.

  • Ab einem Alter 40 Jahren sollte der Blutdruck den Wert von 130 nicht übersteigen.

  • Wer schlecht hört, sollte sich ein Hörgerät anschaffen.

  • Den Kopf schützen, um das Verletzungsrisiko zu senken. Das gilt vor allem für Hochrisiko-Umgebungen wie den Straßenverkehr, aber auch für Sportarten wie Boxen oder Reiten.

  • Alkohol nur in Maßen. Exzessives Trinken provoziert Veränderungen im Gehirn, die wiederum das Demenzrisiko erhöhen.

  • Spätestens ab der Lebensmitte sollten Menschen körperlich aktiv sein, falls möglich bis ins Alter hinein.

  • Übergewicht reduzieren, dann sinkt auch das Risiko für Diabetes-Erkrankungen.

  • Menschen sollten gar nicht erst anfangen zu rauchen oder, falls es dafür zu spät ist, mit dem Rauchen aufhören.

  • Auch wichtig: Menschen sollten weniger Passivrauchen (müssen). Auch Luftverschmutzung steigert das Demenzrisiko.

  • Alle Kinder sollten eine Schulbildung erhalten. Bildung scheint zwar die Krankheit nicht abhalten zu können, hilft dem Gehirn aber, mit ihr umzugehen.

Vielleicht findet sich ja künftig auch der Hinweis, dass Menschen bei der Arbeit nicht nur geistig gefordert werden, sondern auch möglichst viel Eigenverantwortung erhalten sollten.

wbr/irb
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