Umfrage Depressionen im Alter werden gefährlich unterschätzt

Jüngere haben Depressionen - Alte sind verbittert: Das ist ein längst widerlegtes Vorurteil, trotzdem hält es sich beharrlich. Was Betroffene wissen müssen und Angehörige beachten sollten.

Ein Großteil der älteren Menschen würde eine Psychotherapie machen - nur ein kleiner Teil erhält sie tatsächlich
Ale Ventura/ PhotoAlto/ Getty Images

Ein Großteil der älteren Menschen würde eine Psychotherapie machen - nur ein kleiner Teil erhält sie tatsächlich


Depressionen im Alter werden häufig nicht erkannt und falsch behandelt. Dies trage zu den deutlich erhöhten Suizidraten älterer Menschen bei, teilte die Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit.

Eine Umfrage unter mehr als 5300 Bundesbürgern zeigt demnach große Wissenslücken bei dem Thema. So denkt mehr als jeder Fünfte (22 Prozent), dass bei Älteren die Behandlung körperlicher Erkrankungen wichtiger ist.

"Bei Senioren wird die Depression noch häufiger als bei jüngeren Menschen übersehen", erklärte Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. "Depressive Symptome wie Hoffnungs- und Freudlosigkeit, Schlafstörungen oder Erschöpfungsgefühl werden oft nicht als Ausdruck einer eigenständigen schweren Erkrankung gesehen, sondern als nachvollziehbare Reaktion auf die Bitternisse des Alters oder als Folge körperlicher Erkrankungen fehlinterpretiert."

Grundsätzlich unterscheidet sich eine Altersdepression nicht von einer Erkrankung in jüngeren Jahren, es gibt aber einige Besonderheiten. An Depression leidende Menschen neigen dazu, bestehende Probleme als stärker und bedrohlicher wahrzunehmen. Während bei jüngeren Betroffenen unter anderem berufliche Probleme im Vordergrund stehen, sind es bei älteren häufig Gesundheitsprobleme. So werden beispielsweise Rückenschmerzen oder Ohrgeräusche bei einer Depression als zunehmend unerträglich empfunden.

Hauptursachen: Viel mehr als nur Stress auf der Arbeit

Dass Depressionen im Alter unterschätzt werden, hängt auch damit zusammen, dass die übergroße Mehrheit der Deutschen Stress und Belastung am Arbeitsplatz zu den Hauptursachen der Depression zählt. Deshalb wird die Krankheit oft nicht mit Senioren in Verbindung gebracht. Nicht einmal die Hälfte der Befragten (45 Prozent) wussten, dass Depression auch eine Erkrankung des Gehirns ist.

"Depression hängt viel weniger von den aktuellen Lebensumständen ab, als viele glauben", betonte Hegerl. "Es ist eine eigenständige Erkrankung, die jeden treffen kann - auch Senioren."

Solche Irrtümer führen zu großen Behandlungsdefiziten. So gehen 86 Prozent der Deutschen davon aus, dass es älteren Betroffenen schwerer fällt, sich Hilfe zu suchen. Dies gilt insbesondere für die Psychotherapie.

  • Tatsächlich sind gerade einmal zwölf Prozent der über 70-Jährigen in psychotherapeutischer Behandlung,
  • bei den erkrankten Befragten zwischen 30 und 69 Jahren sind dies fast ein Drittel (31 Prozent).

Mit einer mangelnden Offenheit für eine Psychotherapie lassen sich diese Unterschiede nicht erklären: Laut der Umfrage wären fast zwei Drittel (64 Prozent) der Älteren bereit, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. "Älteren Menschen wird viel zu selten eine Psychotherapie angeboten", folgerte Hegerl. Eine Behandlung der Depression sei bei älteren Patienten ebenso wichtig wie bei jüngeren. Sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapie können nachweislich helfen.

Was Angehörige tun können

Entwickeln Verwandte Depressionen, belastet das oft auch die Angehörigen. Viele wissen nicht, wie sie mit dem Erkrankten umgehen sollen. Experten geben in der Regel folgende Ratschläge:

Nehmen Sie die Krankheit ernst: Angehörige sollten depressive Stimmungen keinesfalls verharmlosen. Wie bei allen schweren Krankheiten sollte man umgehend ärztlichen Rat einholen, empfiehlt die Deutsche Depressionshilfe. Weil es für depressive Menschen oft schwer ist, sich zu einem Arztbesuch aufzuraffen, können Angehörige dabei helfen, den Termin auszumachen oder mit in die Praxis kommen.

Bleiben Sie geduldig und geben Sie keine Ratschläge: Zuhören ist wichtig. Auch wenn sich depressive Menschen immer wieder beklagen, sollten Angehörige geduldig sein, positiv bleiben und sich nicht abwenden. Die Deutsche Depressionshilfe empfiehlt zudem, sich mit gut gemeinten Ratschläge zurückzuhalten - beispielsweise dem Tipp, ein paar Tage zu verreisen, oder dem Ratschlag, sich zusammenzunehmen. Beides ist kontraproduktiv. Stattdessen sollten Verwandte die Eigeninitiative des Depressiven unterstützen.

Rufen Sie im Zweifel den Notarzt: Haben Angehörige den Verdacht, dass jemand in Gefahr ist, sich das Leben zu nehmen, sollten sie ihn darauf ansprechen. Das rät die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Keinesfalls sollten Verwandte versuchen, selbst professionelle Hilfe zu leisten, sondern einen Arzt oder Psychotherapeuten zurate ziehen. Wenn ein Mensch unmittelbar suizidgefährdet und in großer Gefahr ist, sich aber keine Hilfe holt, sollten Angehörige sofort den Notarzt unter der Nummer 112 rufen.

irb/AFP/dpa

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