Psyche Depression kann mit der Schilddrüse zusammenhängen

Depressionen und Angststörungen sind häufig, Schilddrüsenkrankheiten ebenso. Ärzte zeigen nun: Beides tritt auffällig oft zusammen auf. Die Erkenntnis kann Patienten helfen.

Teja Wolfgang Grömer hat bereits Hunderte Menschen mit Depressionen oder Angstzuständen behandelt. Irgendwann fiel dem Arzt aus Bamberg auf, dass viele der Betroffenen auch an einer chronischen Entzündung der Schilddrüse leiden - ausgelöst durch eine sogenannte Autoimmunthyreoiditis (AIT). Bei der Erkrankung greift das Immunsystem die Schilddrüse an.

"Ich habe deshalb viele Patienten gezielt darauf getestet", sagt Grömer dem SPIEGEL. Gerade Patienten, bei denen sowohl Depressionen als auch Angstzustände diagnostiziert wurden, litten oft auch an AIT. Bei anderen psychischen Krankheiten gab es den Zusammenhang dagegen nicht. Grömer beschloss deshalb, den Effekt näher zu untersuchen.

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern analysierte er mehrere Studien mit mehr als 36.000 Teilnehmern, in denen Patienten mit AIT oder ähnlichen Erkrankungen der Schilddrüse mit Gesunden verglichen wurden. Die Analyse zeigte, dass Menschen mit AIT ein dreieinhalbmal so hohes Risiko haben, an einer Depression zu erkranken. Das Risiko für Angstzustände war um das 2,3-fache erhöht, berichtet Grömer mit Kollegen im Fachblatt "JAMA Psychiatry" .

"Die Untersuchung stellt meiner Meinung nach einen wichtigen Fortschritt in der Psychiatrie dar, mit praktischen Folgen für die Patienten", sagt Grömer. Denn bislang sei der Zusammenhang zwischen Angst, Depressionen und AIT weitgehend unbekannt. Dabei leiden etwa zehn Prozent der Bevölkerung an AIT. Und auch Depressionen und Angstzustände sind weit verbreitet.

Etwa jeder fünfte bis sechste Mensch in Deutschland erkrankt in seinem Leben an Depressionen, schätzen Experten . Grömer berechnete in der Studie, dass etwa 45 Prozent der Depressionen und 30 Prozent der Angsterkrankungen mit AIT einhergehen.

Wie hilft das Patienten?

Meist erkranken Menschen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr an AIT, vor allem Frauen sind betroffen. Die Patienten leiden häufig unter innerer Unruhe, Anspannung und Erschöpfung. Da AIT oft zeitgleich mit den Wechseljahren auftritt und keine Schmerzen verursacht, wird die Krankheit leicht übersehen oder als Wechseljahresbeschwerden, Depression oder Angst fehlgedeutet.

"Die meisten Patienten fühlen sich befreit, wenn sie erfahren, dass sie an AIT leiden", sagt Grömer, "denn oft hatten sie vorher keine Erklärung für ihr Krankheitsbild." Das Wissen, dass ihre psychischen Probleme eine organische Ursache haben, helfe vielen, die Krankheit zu akzeptieren.

Ärzte vermuten bereits seit Längerem, dass Entzündungen Depressionen auslösen können. So beeinflussen auch Zahnwurzelentzündungen, Harnwegsinfekte oder chronische Darmerkrankungen die Psyche teilweise so stark, dass die Betroffenen depressiv werden. Auch Rheumapatienten erkranken deutlich häufiger als Gesunde an einer Depression, ebenso geht es Menschen mit Multipler Sklerose.

Deshalb sei es umso wichtiger, Mediziner auf das Problem aufmerksam zu machen, sagt Grömer. Er empfiehlt Ärzten, Patienten mit Depressionen und Angststörungen auf AIT zu testen und die Therapie entsprechend anzupassen. "AIT-Patienten mit psychischen Problemen können beispielsweise gewichtsneutrale Antidepressiva und das Spurenelement Selen helfen", sagt Grömer. Außerdem kämen eine Hormontherapie und Entspannungsverfahren infrage.

Andere Antidepressiva bringen tendenziell eine Gewichtszunahme mit sich. Das ist teilweise gewollt, weil Patienten mit Depressionen häufig an Appetitlosigkeit leiden. "Für AIT-Patienten wäre das jedoch kontraproduktiv, da sie häufig an einer Schilddrüsenunterfunktion leiden und dadurch bereits an Gewicht zunehmen", sagt Grömer.

Der Psychiater hofft, dass seine Forschungsergebnisse auch helfen, Patienten mit AIT besser aufzuklären. So könnten Ärzte sie vorwarnen, dass die Erkrankung zu psychischen Verstimmungen führen könnte.

Im Video: Eine App gegen Depressionen?

frnd.tv
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