Auf Ketamin-Basis USA lassen Nasenspray gegen Depressionen zu

Es ist das erste innovative Mittel gegen Depressionen seit 30 Jahren: Die USA haben ein Nasenspray zugelassen, das auf dem als Partydroge bekannten Wirkstoff Ketamin basiert. Europa könnte bald folgen.
Nasenspray (Symbolbild)

Nasenspray (Symbolbild)

Foto: imago/photothek

Ketamin ist bekannt als gefährliche Partydroge, verbreitet unter dem Namen Special-K. Jetzt haben die US-Behörden ein Nasenspray mit einem engen Verwandten des Stoffs zugelassen , das Patienten mit schwer behandelbaren Depressionen helfen soll. Das Medikament kann nach der Einnahme unter anderem Halluzinationen hervorrufen.

Ketamin ist das erste innovative Mittel gegen Depressionen seit 30 Jahren, das auf den Markt kommt. Damals waren Prozac und verwandte Antidepressiva zugelassen worden. Das Problem: Die Wirkung aller etablierter Mittel basiert auf dem Serotonin-Haushalt im Gehirn. Versagten sie, gibt es bislang abgesehen von Elektroschocktherapien wenig Alternativen.

Ketamin und die jetzt zugelassene Nasenspray-Variante hingegen nutzen einen anderen Wirkmechanismus. Sie hemmen die Andockstelle für den Nervenbotenstoff Glutamat im Gehirn. Außerdem haben sie den Vorteil, dass die Wirkung - falls das Mittel bei einem Patienten anschlägt - sofort einsetzt. Bei den herkömmlichen Antidepressiva kann es Wochen bis Monate dauern, bis ein Effekt spürbar ist.

Auch in Europa könnte das Ketamin-Nasenspray bald auf den Markt kommen. Pharmahersteller Johnson & Johnson  hat im Oktober die Zulassung bei der zuständigen Behörde, der EMA, beantragt.

Altbewährtes Narkosemittel

Ketamin ist für die Medizin kein neues Medikament, der Wirkstoff wird seit Jahrzehnten als Narkosemittel eingesetzt. Auch in Deutschland sind für diesen Zweck verschiedene Präparate zugelassen, die allerdings alle intravenös verabreicht werden müssen. Vor einiger Zeit hatten Ärzte begonnen, das Mittel auf eigene Verantwortung auch bei Menschen mit Depressionen einzusetzen, wenn andere Therapien versagt hatten.

Auf dieser Basis begann Johnson & Johnson, den Stoff auch als Nasenspray nutzbar zu machen, um ihn besser dosieren und einfacher anwenden zu können. Anschließend startete das Pharmaunternehmen Studien, bei denen Patienten mit Depressionen entweder das Ketamin-Nasenspray oder ein Placebo-Nasenspray erhielten. Das Ketamin wirkte, die Ergebnisse dieser Untersuchungen dienten jetzt als Grundlage für die Zulassung.

Eine der Patienten in der Studie war die 60-jährige Robin Protho. Innerhalb von 20 Jahren probierte die Frau fünf verschiedene Antidepressiva aus, keines half ihr. Erst nachdem sie vor zwei Jahren in die Nasenspray-Studie aufgenommen wurde, verspürte sie eine Wirkung. Ihre depressive Stimmung habe sich gelichtet, sie habe auch alte Hobbys wie das Gärtnern wieder aufgenommen, erzählt Protho.

"Du kannst fühlen, wie es dich übermannt"

Die 60-Jährige nimmt das Medikament alle zwei Wochen unter Aufsicht ihres Arztes. "Du kannst fühlen, wie es dich übermannt, es ist ein starkes Medikament", sagt sie und erzählt von Farben und Formen, die vor ihren Augen schweben. "Ich lasse das Medikament einfach arbeiten, schließe meine Augen und spüre, wie es meinen Verstand unglaublich beruhigt."

Das Ketamin-ähnliche Mittel ist die erste von mehreren psychoaktiven Substanzen, die in den USA das Zulassungsverfahren durchlaufen. Mediziner arbeiten aktuell auch bei zwei weiteren Mitteln an fortgeschrittenen Studien: Psilocybin, dem Wirkstoff von Magic Mushrooms, und MDMA, einer euphorisierenden Partydroge. Beide gelten als mögliche Therapien für Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen.

"Pharmafirmen oder andere Labore erschaffen nur sehr selten neue Mittel, die sich wesentlich von den vorhandenen unterscheiden", sagt Paul Summergrad, Psychiater an der an der Tufts University. "Das treibt die Menschen dazu an, andere Stoffe auszuprobieren." Im Gegensatz zu Ketamin existiert bei Psilocybin und MDMA bislang jedoch keine legale medizinische Anwendung. Die Ketamin-Zulassung könnte diesen Prozess vereinfachen, hoffen Experten.

Aufgrund des hohen Risikos für Missbrauch und Nebenwirkungen ist jedoch auch die Anwendung des Nasensprays mit strengen Bedingungen verknüpft. Das Medikament darf nur von akkreditierten Spezialisten verabreicht werden, die ihre Patienten danach mindestens zwei Stunden lang beobachten müssen. Begründet wird dies mit der berauschenden Wirkung, die auch zu Orientierungslosigkeit führen kann.

Außerdem werden alle Patienten in einem Register festgehalten, um auf lange Sicht die Sicherheit und Effektivität des Mittels zu erforschen. Zwar ist bekannt, dass die Wirkung des Nasensprays rund sieben Tage anhält. Noch jedoch lässt sich nicht sagen, ob die Therapie über die Jahre irgendwann an Wirkung verliert.

irb/AP
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.