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06. Juli 2018, 17:53 Uhr

Studie

Warum in Deutschland so wenige Organe gespendet werden

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In Deutschland ist die Zahl der Organspender gering. Laut einer Studie liegt das nicht an der Bereitschaft der Menschen - sondern an einem Problem in den Krankenhäusern.

Seit Jahren sinken die Zahlen der Organspender in Deutschland. Im Jahr 2010 waren es 1296, im Jahr 2017 dagegen 797. In fast allen Staaten, die sich im Verband Eurotransplant zusammengeschlossen haben, ist die Anzahl der Spender höher als in Deutschland.

Kürzlich forderte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) alle Bürger auf, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. "Das sind wir den mehr als 10.000 Menschen schuldig, die voller Hoffnung auf ein Organ warten." Einige Politiker fordern auch, dass in Deutschland eine Widerspruchsregelung eingeführt wird, laut der jeder als potenzieller Spender gilt, der nicht explizit widersprochen hat.

Doch laut einer aktuellen Studie geht die Debatte wohl in die falsche Richtung. Das Problem liegt demnach nicht bei spendeunwilligen Bürgern, sondern in den Kliniken.

Bislang hat man verschiedene mögliche Gründe für den Rückgang diskutiert:

Was ist tatsächlich der Grund? Ein Team von Ärzten und Forschern hat jetzt Krankenhausdaten aus den Jahren 2010 bis 2015 ausgewertet, um dies herauszufinden. Sie ermittelten,

Zahl der möglichen Organspender sank nicht, sie stieg

Laut der im "Deutschen Ärzteblatt" veröffentlichten Analyse ist die Zahl der möglichen Organspender in dem Zeitraum nicht gesunken, sondern sogar gestiegen, von 23.937 im Jahr 2010 auf 27.258 im Jahr 2015.

Als mögliche Organspender galten jene Verstorbenen mit einer schweren, unumkehrbaren Hirnschädigung, die beatmet wurden und bei denen keine Krankheit vorlag, die eine Organspende ausschloss. Nicht all diese Verstorbenen kamen aus medizinischer Sicht tatsächlich als Organspender infrage. In einem Modellprojekt der DSO, das 2010 bis 2012 an mehreren Kliniken lief, kontaktierten die Krankenhäuser in knapp 32 Prozent dieser Fälle die DSO, um die Möglichkeit einer Spende zu klären. Und etwa jeder zehnte mögliche wurde tatsächlich zum Spender. Das heißt: Wenn es in den Krankenhäusern optimal läuft, sind ähnliche Zahlen zu erwarten.

Die Krankenhäuser melden zu wenige mögliche Spender

Doch im Schnitt kontaktierten die Kliniken in Deutschland nur in 11,5 Prozent der Fälle die DSO - im Jahr 2010. Bis 2015 sank die Quote sogar auf 8,2 Prozent. So gab es 2015 nur 2245 Meldungen an die DSO.

Es wurden nicht nur weniger Fälle gemeldet, sondern auch der Anteil der daraus folgenden tatsächlich umgesetzten Organspenden ging etwas zurück. 2010 folgte auf fast jede zweite Meldung (47 Prozent) eine Organspende, 2015 war dies nur in knapp 40 Prozent der Fälle so. Im Modellprojekt war die Quote allerdings mit 32 Prozent noch niedriger. Dass auf eine Meldung keine Organspende folgt, kann auch medizinische Gründe haben und nicht nur den, dass Angehörige die Spende ablehnen.

Eine aktuelle Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt sogar: Immer mehr Menschen in Deutschland haben einen Organspendeausweis und die Einstellung zum Thema ist so positiv wie nie.

2780 Spenden - statt 877

Das Fazit der Mediziner lautet deshalb: Der zunehmende Mangel an Organspendern lässt sich nicht dadurch erklären, dass es zu wenige mögliche Spender gibt. Stattdessen ist Kern des Problems, dass die Krankenhäuser diese zu selten erkennen und melden.

Würden alle Kliniken so arbeiten wie im Rahmen des DSO-Modellprojekts, hätte es in Deutschland im Jahr 2015 statt 877 etwa 2780 Organspenden gegeben, rechnet das Team um Kevin Schulte von der Uniklinik Kiel vor.

Schulte weist auf ein interessantes Detail hin: Nachdem im Sommer 2012 der Organspendeskandal bekannt wurde, sank die Meldequote deutlich ab. "Der Skandal hat die Ärzte eingeschüchtert", vermutet er.

Auch die Reform der Organspende im Jahr 2012 hat offensichtlich nicht gefruchtet. Demnach müssen alle Entnahmekrankenhäuser einen Transplantationsbeauftragten haben - was die Meldequoten eigentlich hätte verbessern müssen. Doch trotz der Änderung sind die Zahlen an vielen Kliniken nicht gestiegen.

Laut Schulte sind die Unterschiede sowohl zwischen Regionen als auch zwischen einzelnen Kliniken groß. Das deutet darauf hin, dass das Problem nicht in erster Linie bei der Gesetzgebung oder den allgemeinen Rahmenbedingungen in Deutschland liegt, sondern lokal in den jeweiligen Kliniken.

Wie sich die Probleme konkret lösen lassen? Da hält sich Schulte bewusst zurück. In der Studie ging es schließlich darum, erst einmal die genaue Ursache zu ergründen.

Allerdings hält er angesichts des Ergebnisses die Debatte darüber, ob wir in Deutschland eine Widerspruchsregelung einführen müssen, für verfehlt. "Wenn die, die als Spender infrage kommen, nicht von den Kliniken gemeldet werden, dann liegt das Problem woanders - und wir müssen nicht die Freiheit der Bürger einschränken", findet Schulte.

Video: Organtransplantation - Erst Herz, dann Niere

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