Diabetes-Atlas Im Osten leben mehr Diabetiker

Sechs Millionen Deutsche sind zuckerkrank. Der aktuelle Atlas der Barmer GEK offenbart, dass die Bewohner sozial schwacher Regionen besonders häufig von der Volkskrankheit betroffen sind. In Sachsen ist der Anteil der Diabetiker am höchsten.
Diabetes-Atlas 2012: Häufigkeit von Diabetes in den einzelnen Bundesländern (zur Großansicht klicken)

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Berlin - Die Volkskrankheit Diabetes breitet sich in Industriestaaten wie den USA oder in Schwellenländern wie Mexiko geradezu epidemieartig aus. Schon jetzt leben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der internationalen Diabetesvereinigung (IDF) mehr als 350 Millionen Menschen weltweit mit Diabetes mellitus. 2030, so die Schätzungen der IDF, sollen mehr als 550 Millionen Menschen davon betroffen sein.

Auch hierzulande wächst das Problem mit der Volkskrankheit massiv, wie der aktuelle Diabetes-Atlas 2012   zeigt: Gemeinsam mit diabetesDE , der Deutschen Diabetes-Hilfe, hat die Barmer GEK anlässlich des Weltdiabetestags am Freitag neue Zahlen zur regionalen Verteilung von Diabetes Typ 1 und Typ 2 vorgestellt.

Demnach ist die Zahl der Erkrankten zwischen 2008 und 2012 um 14 Prozent gestiegen. Bundesweit sind mittlerweile etwa acht Prozent aller gesetzlich Versicherten von der Krankheit betroffen - das sind mehr als sechs Millionen Deutsche.

Beachtliche Schwankungen zwischen den Regionen

Der Diabetes-Atlas offenbart auch regionale Unterschiede: Während zum Beispiel in Teilen Hamburgs nur 4,3 Prozent der Bürger mit Diabetes mellitus leben, sind es im brandenburgischen Bad Belzig 13,5 Prozent. "Die Daten zeigen regional beachtliche Schwankungen", sagt Christian Graf, Leiter Versorgungsmanagement und Prävention bei der Barmer, in einer Mitteilung.

Diabetes mellitus

Laut den Daten der Barmer schneidet der Postleitzahlenbereich 148 im brandenburgischen Bad Belzig am schlechtesten ab. Dort lebten etwa dreimal so viele Menschen mit Diabetes (13,5 Prozent) wie rund um die Hamburger Elbchaussee (4,3 Prozent). Beim Vergleich der Bundesländer zeigt sich, dass in Sachsen (10,4 Prozent), Sachsen-Anhalt (10,1 Prozent) und Brandenburg (9,9 Prozent) die Häufigkeit von Diabetes in der Bevölkerung am höchsten ist. Das Saarland ist das Bundesland mit der höchsten Diabetes-Häufigkeit im Westen Deutschlands (8,6 Prozent); Schleswig-Holstein hat bundesweit die niedrigste Rate (6,8 Prozent).

Der Atlas umfasst beide Diabetes-Typen, also sowohl Typ 1 als auch Typ 2. Bei der Auswertung der Daten rechneten die Herausgeber die unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen der Bundesländer und PLZ-Bereiche heraus: "Die großen regionalen Unterschiede beziehen sich auf die Versicherten der Barmer GEK, lassen sich aber nicht auf unterschiedliche Alters- oder Geschlechtsstrukturen zurückführen", erklärt Graf. Diese Fehlerquelle sei durch Alters- und Geschlechtsstandardisierung auf die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland 2012 berücksichtigt worden.

Auffällig ist laut Graf, dass Diabetes vorrangig in sozial schwächeren Regionen auftritt. Demnach zeigen die östlichen Bundesländer durchweg eine Diabetes-Häufigkeit über dem Bundesdurchschnitt von acht Prozent. Die Auswertung von fünf Jahren basiert der Barmer zufolge auf Daten von fast neun Millionen Versicherten der Kasse, das sind 12,5 Prozent der Bundesbürger. "Diese standardisierte Erhebung ist von großer Aussagekraft", sagt Thomas Danne, Vorstandsvorsitzender von diabetesDE.

Bereits im Mai kamen Forscher des Robert Koch-Instituts (RKI) in ihrer "Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland" (DEGS) zu ähnlichen Ergebnissen: Rund sieben Prozent der deutschen Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren sind demnach Diabetiker, also 4,6 Millionen Menschen. Auch die RKI-Forscher stellten fest, dass es in den neuen Bundesländern tendenziell mehr Diabetiker gibt als in den westlichen Bundesländern.

Ob es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit, kleinen Einkommen, geringer Kaufkraft und dem Auftreten der Krankheit Diabetes gibt, müssten weitere Studien der Versorgungsforschung zeigen, sagt Danne. Erste Hinweise darauf gibt es bereits: Kürzlich zeigte eine Studie, dass bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund der Diabetes Typ 2 häufiger ist als in der Gesamtbevölkerung .

Anders als Typ-1-Diabetes könnte vor allem die Häufigkeit von Typ-2-Diabetes durch Vorsorgemaßnahmen bei einem Teil der Betroffenen verhindert werden: Vergangenes Jahr berechneten Forscher des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) in Düsseldorf, dass sich Hunderttausende Diabetes-Fälle vermeiden ließen, wenn sich Personen mit einem erhöhten Risiko, beispielsweise Übergewichtige, gesünder ernähren und mehr bewegen würden.

In jedem Fall sei klar, so Danne, dass die Versorgungsforschung in Sachen Diabetes besser werden müsse. "Es kann nicht sein, dass wir bei einer Krankheit, von der über sechs Millionen Bundesbürger betroffen sind, quasi im Nebel stochern, wenn wir wissen wollen, wie häufig die Krankheit in welchen Gegenden ist, wie gut Patienten wo versorgt sind oder wie hoch die Rate an Folgeerkrankungen ist." Danne fordert andere Krankenkassen auf, ebenfalls ihre Diabetes-Daten offenzulegen.

Um der Volkskrankheit Diabetes wirkungsvoll zu begegnen, so Danne, "bedarf es gesamtgesellschaftlicher Anstrengungen. Ein Nationaler Diabetesplan für Deutschland kann dafür sorgen, dass regionale Unterschiede im Auftreten der Krankheit und bei der Versorgung angemessen aufgefangen werden."

cib
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