Foto: Wiebke Rübel

Diabetes bei Kindern Erst spritzen, dann spielen

Wie sehr verändert sich das Familienleben, wenn ein Kind an Diabetes erkrankt? Die Fotografin Wiebke Rübel hat es herausgefunden - und nebenbei ihre eigene Geschichte verarbeitet.
Von Nike Laurenz

Manchmal, wenn Wiebke Rübel gemeinsam mit Freunden isst, überkommt sie eine Traurigkeit. Sie merkt dann, wie schön es wäre, wenn sie sich keine Sorgen machen müsste, so erzählt sie es. Wenn sie so essen könnte wie die anderen und es keinen Katheter und keine Nadel gäbe, die ihren Körper mit Insulin versorgen.

Mit elf Jahren bekam sie die Diagnose: Diabetes Typ 1. Seitdem lebt Wiebke Rübel, heute 27, mit einer Krankheit, die ihr Leben zuerst durcheinander gebracht und dann neu geordnet hat.

Sie musste lernen, dass viele Menschen meinen, Diabetes käme von zu vielen Süßigkeiten - Klischee. Sie stellte fest, dass es zwar möglich ist, sich allein Insulin zu spritzen, dass die Krankheit aber auch eine wahnsinnige Abhängigkeit von den Eltern bedeutet.

Vor allem fand Wiebke Rübel heraus, wie man weitermacht, sich nicht runterziehen lässt. Wie man etwas, mit dem man nichts zu tun haben will, in sein Leben integriert. Wie man die Traurigkeit, die einen manchmal überkommt, umdreht und sie durch gute Gedanken ersetzt.

Das kann jeder sehen, der durch ihre Abschlussarbeit des Fotografiestudiums in Dortmund blättert: Dafür hat Wiebke Rübel ein halbes Jahr lang fünf Familien begleitet. In allen lebt ein Kind mit Diabetes Typ 1.

Diabetes trifft nicht nur Alte und Übergewichtige. Es ist auch die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern. Etwa 3000 erkranken in Deutschland jährlich an Diabetes Typ 1. Dabei greift die körpereigene Abwehr die insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse an, bis nicht mehr genug Insulin hergestellt wird, um den Blutzuckerspiegel kontrollieren zu können. Die Folge: Überzuckerung. Im Extremfall kann ein hoher Zuckerwert tödlich sein. Typ-1-Diabetiker müssen für den Rest ihres Lebens Insulin spritzen.

Bei Typ-2-Diabetes hingegen, früher Altersdiabetes genannt, wirkt das Insulin oft infolge von Übergewicht nicht ausreichend, der Körper kann irgendwann nicht mehr genug produzieren. Bei Kindern spielt Diabetes-Typ-2 eine geringere Rolle.

Wie geht es denen, die die Krankheit bekommen - und wie sieht ihr Alltag aus? Die Fotografin Wiebke Rübel wollte das herausfinden, und zeigen: "Viele Menschen meinen, viel über Diabetes zu wissen. Es gibt etliche Vorurteile. Aber wie die Krankheit wirklich aussieht, wissen meist nur die Betroffenen."

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Drei Kinder - und drei Geschichten über das Leben mit Diabetes Typ 1

Foto: Wiebke Rübel

In Internetforen suchte Rübel nach Familien mit Kindern, die Typ-1-Diabetiker sind, wie sie selbst. Zahlreiche Menschen meldeten sich. Rübel besuchte fünf Familien, verbrachte immer wieder Zeit mit ihnen, fotografierte ihren Alltag. Ihre Sorgen, Panik-Momente, aber auch Augenblicke des totalen Glücks.

Während sie auf den Auslöser gedrückt habe, habe sie sich selbst in den Kindern gesehen, erzählt Rübel. Die ständigen Kontrolluntersuchungen, immer neue Ärzte: kennt sie. Diese Unterbrechung, wenn man gerade was machen will, und sich dann pieksen muss: kennt sie. Immer wieder auf Hilfe von Erwachsenen angewiesen sein: kennt sie auch.

Rübel hat nicht nur Bilder gemacht, sie sprach auch mit den betroffenen Kindern, mit Angehörigen und Freunden. Die Interviews, die Rübel mit den Menschen führte, schrieb sie auf. Entstanden sind Geschichten über die Familien und ihren Umgang mit der Krankheit.

Durch die Arbeit an ihren Fotos habe sie sich viel mit ihrer eigenen Mutter unterhalten, über die Krankheit und die Vergangenheit. "Mir ist aufgefallen, wie unendlich viel meine Eltern damals für mich getan haben", sagt Rübel. Als Kind sei einem das nicht gleich klar, die Erkenntnis komme viel später.

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