Typ-2-Diabetes Der Kampf gegen die Fettleibigkeit

Die Zahl der Diabetiker steigt rasant - die Prognosen für die Zukunft sind düster. Kann die Forschung die Epidemie stoppen? Beim Typ-2-Diabetes setzen Mediziner insbesondere auf den Kampf gegen Übergewicht und Fettleber.

Currywurst und Pommes: Ungesunde Ernährung und wenig Bewegung sind die größten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes
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Currywurst und Pommes: Ungesunde Ernährung und wenig Bewegung sind die größten Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes


Etwa 90 Prozent der Diabetiker in Deutschland, also rund 5,4 bis 6 Millionen Menschen, haben einen Typ-2-Diabetes. Zu den größten Risikofaktoren zählen: Übergewicht, Bewegungsmangel und Stress. Sie stören die Wirkung des Insulins, jenem Hormon, das den Glukosespiegel im Blutkreislauf reguliert. Zudem führen sie zu einer zunehmenden Insulinresistenz, bei der die Körperzellen nicht mehr normal auf den Botenstoff reagieren.

Doch auch die Darmflora im Zusammenspiel mit der - vor allem ballaststoffarmen - Ernährung sowie Umweltfaktoren spielen offenbar eine wichtige Rolle. Neuere Daten zeigten, dass die Luftverschmutzung und die Feinstaubbelastung Typ-2-Diabetes begünstigen, sagt die Diabetes-Expertin Anette-Gabriele Ziegler vom Helmholtz Zentrum München.

Typ-2-Diabetes - reine Kopfsache?

Diabetes-Experten setzen zudem auf eine weitere Erkenntnis: "Wir wissen, dass das Gehirn als übergeordnetes Organ die Balance zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch des Körpers kontrolliert", sagt Matthias Tschöp, Leiter des Instituts für Diabetes und Adipositas am Helmholtz Zentrum München.

Die Stoffwechselorgane wie Magen, Darm oder Leber produzieren Botenstoffe, die dem Gehirn Signale übermitteln. Auf diese Weise erhält es Informationen - etwa über den Zucker- und Fettgehalt im Blut oder die von der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttete Insulinmenge - und schickt umgekehrt Signale an die Organe.

Durch genetische Veranlagung, aber auch durch Bewegungsmangel, fett- und zuckerreiche Nahrung können diese ausgefeilten Regelkreise gestört sein. "Wenn es gelänge, herauszufinden, welche Botenstoffe wesentlich beteiligt sind, in welcher Kombination und wo genau sie ihre Botschaften abliefern, könnte man versuchen, dem Gehirn durch ein Designermedikament vorzugaukeln, dass der Magen voll ist", sagt Tschöp. Dann sollte das Gehirn Sättigung signalisieren. "Auf diese Weise könnte es möglich sein, Übergewicht abzubauen und nach und nach die Prozesse wieder zu normalisieren."

Mit bariatrischer Chirurgie wie dem Magenbypass versucht man Ähnliches. "Kurz nach der OP, und damit lange bevor die Patienten abnehmen, normalisiert sich der Blutzuckerspiegel. Offenbar schüttet der Magen-Darm-Trakt bestimmte Botenstoffe aus, die dem Gehirn eine geringere Kalorienaufnahme und zugleich Sättigung signalisieren. Das führt dazu, dass der Regelkreis zwischen Gehirn und Stoffwechselorganen wieder funktionsfähig wird", sagt Tschöp.

Ran an die Fettleber

Nicht nur in der Behandlung, auch in Sachen Vorsorge machen die Mediziner Fortschritte: Neben Adipositas gehört auch die Fettleber zu den Hauptrisikofaktoren für Diabetes Typ 2. Soll die Zuckerkrankheit verhindert werden, muss bei Fettleibigen gezielt Gewicht reduziert und Leberfett abgebaut werden.

Der Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer, Leiter der Abteilung für Klinische Ernährung des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke, hat mit seinen Kollegen dafür neue Ernährungsstrategien entwickelt. Um abzunehmen empfiehlt er eiweißreiche Nahrung mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Proteinen und Milchprotein sowie Lebensmittel, die einen niedrigen glykämischen Index haben, den Blutzuckerspiegel also nur wenig erhöhen.

Auch das Leberfett lässt sich in drei Wochen um 50 Prozent reduzieren. "Verringert sich der Fettanteil der Leber, verbessert sich auch die Stoffwechsellage", sagt Pfeiffer. Dafür sieht der Diätplan täglich 1200 Kilokalorien vor: zu 35 Prozent aus vorwiegend pflanzlichem Eiweiß, aber auch Fleisch und Fisch, und zu 65 Prozent aus Fett - ebenfalls vorwiegend pflanzlich aus Nüssen, Avocados und Sojadrinks. Zudem sind täglich 30 Gramm Kohlenhydrate erlaubt - in Form von Gemüse.

Die Unterversorgung mit Energie sorgt dafür, dass das Leberfett schmilzt und der Stoffwechsel sich merklich verbessert. Auch die Nahrungsmittelindustrie hat Pfeiffer im Visier. Dafür schlägt er bestimmte Maßnahmen vor: "Wenn wir beispielsweise 'die gute Butter' durch bestimmte pflanzliche Öle ersetzen würden." Auch Zucker ließe sich modifizieren. "Wir entwickeln momentan Nahrungsmittel, die eine Verbesserung des Stoffwechsels unterstützen, auch bei bereits bestehendem Diabetes."

Insulin als Nasenspray

Und wie steht es um jene Menschen, die bereits erste Diabetes-Symptome haben? Können sie durch einen gesünderen Lebensstil verhindern, dass ihr Prädiabetes zu einem Typ-2-Diabetes fortschreitet? "Hochrisikopatienten profitieren im Gegensatz zu Patienten mit geringerem Diabetesrisiko nur sehr wenig von der normalen Lebensstilprävention", sagt Andreas Fritsche vom Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des Universitätsklinikums Tübingen. "Wir versuchen herauszufinden, was dieser Gruppe noch helfen kann."

Das soll mit Hilfe einer derzeit laufenden Studie geschehen, in der ein spezielles Intensivprogramm aus Bewegung und Gewichtsabnahme getestet wird. Möglicherweise, auch das soll bald getestet werden, könnte den Patienten mit einer Insulinresistenz auch ein Medikament helfen, um die Insulinwirkung im Gehirn zu verbessern: Insulin als Nasenspray.

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test-optional 28.05.2014
1. Diabetes durch Gluten
Im Artikel fehlt der Hinweis auf die Vermutung, dass Diabetes und Vorstufen wie Insulinresistenz durch Gluten verursacht werden können. Ob und wie dafür eine Schädigung der Darmflora eine Rolle spielt ist noch nicht ausreichend untersucht. Siehe z. B. "Weizenwampe" für eine populärwissenschaftliche Darstellung. Weitere Erkenntnisse werden z. B. durch Forschung zum Mikrobiom erwartet.
smoerk 28.05.2014
2.
Zitat von test-optionalIm Artikel fehlt der Hinweis auf die Vermutung, dass Diabetes und Vorstufen wie Insulinresistenz durch Gluten verursacht werden können. Ob und wie dafür eine Schädigung der Darmflora eine Rolle spielt ist noch nicht ausreichend untersucht. Siehe z. B. "Weizenwampe" für eine populärwissenschaftliche Darstellung. Weitere Erkenntnisse werden z. B. durch Forschung zum Mikrobiom erwartet.
Genau! Davon abgesehen lassen Weizenprodukte auch unabhängig von Gluten den Blutzuckerspiegel rassant ansteigen. Leute esst mehr Fett, tierisch, ungesättigt und einfach ungesättigt (aber Omega-6 vermeiden, also z.B. kein Sonnenblumenöl). Und esst mehr Grünzeug und buntes OBst und Gemüse.
mork101 28.05.2014
3. optional
Prof. Pfeiffer möchte, dass die 'gute Butter' weggelassen wird. Da würden mich ja mal die wissenschaftlichen Beweise interessieren, dass Butter die Gesundheit schädigt oder Übergewicht hervorruft. Diese werden nämlich schon seit Jahrzehnten gesucht und wurden bis zum heutigen Tage nicht erbracht.
hjm 28.05.2014
4.
Mal eine ganz dumme Frage: Woher weiß man eigentlich, dass Fettleibigkeit Diabetes verursacht, und nicht umgekeht? Also eine (bisher nicht diagnostizierbare) Vorstufe der Krankheit dazu führt, dass die im Artikel angesprochenen Regelkreise gestört werden und der Kranke deshalb zunimmt. Denn „zu viel Essen“ ist doch (anders als z.B. Rauchen) keine mutwillige Handlung, sondern eine unbewusst gesteuerte.
geo_48 29.05.2014
5. Primaten ...
Zitat von test-optionalIm Artikel fehlt der Hinweis auf die Vermutung, dass Diabetes und Vorstufen wie Insulinresistenz durch Gluten verursacht werden können. Ob und wie dafür eine Schädigung der Darmflora eine Rolle spielt ist noch nicht ausreichend untersucht. Siehe z. B. "Weizenwampe" für eine populärwissenschaftliche Darstellung. Weitere Erkenntnisse werden z. B. durch Forschung zum Mikrobiom erwartet.
Primaten essen normalerweise keine glutenhaltigen Nahrung. Vor. 10000 Jahren ist der Mensch in nördliche Regionen damit angefangen weil es nichts anderes gab. Dass Diabetes davon verursacht werden kann ist interessant. Das ließe sich überprüfen, in Ostasien und im südlichen Afrika Essen die Menschen weniger Gluten. Wenn da weniger auftritt, dann ist das ein Forschungsansatz
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