Diabetes Wenn die Seele unter der Zuckerkrankheit leidet

Diabetes betrifft nicht nur den Körper - auch die Psyche leidet oft mit. Depressionen, Ängste oder Essstörungen können die Folge sein. Längst nicht jeder Patient erhält die Hilfe, die er bräuchte.

Wer an einer Depression erkrankt, benötigt professionelle Hilfe
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Wer an einer Depression erkrankt, benötigt professionelle Hilfe


22 Jahre alt war Marie Stoy, als bei ihr Diabetes vom Typ 1 diagnostiziert wurde. Sie studierte damals noch Pharmazie, machte ein Praktikum in der Apotheke. "Ich nahm plötzlich stark ab, war durstig und hatte Sehstörungen", sagt sie. Ihre Kollegen schickten sie zum Arzt, der stellte die Stoffwechselstörung fest.

Die Diagnose zu akzeptieren und den Diabetes in den Alltag zu integrieren, fiel Stoy schwer. "Jedes Mal vor dem Essen Insulin zu spritzen, fand ich unangenehm. Ich hatte Angst vor der Spitze, saß vor dem Teller und weinte." Schleichend, sagt die heute 32-Jährige, habe sich eine Essstörung entwickelt.

Der Weg in die Bulimie

Da sie schon immer unter Übergewicht litt, kam es ihr gelegen, dass sie durch die Krankheit abgenommen hatte. "Durch mein Studium wusste ich: Wenn mein Körper kein Insulin bekommt, ist es ihm nicht möglich, den Zucker aus der Nahrung zu verwerten. Dann kann ich essen so viel ich will, nehme aber nicht zu." Die Studentin spritzte daher weniger Insulin als nötig oder verzichtete ganz darauf.

Ein gefährliches Spiel: Denn durch den Überzucker drohen Folgeschäden - etwa der Niere, der Füße oder der Netzhaut des Auges, was zur Erblindung führen kann. "Das war mir bewusst", sagt Marie Stoy. "Ich wollte allerdings um jeden Preis abnehmen, auch wenn ich mich selbst gefährde." Für sie war das sogenannte Insulin Purging der Weg in die Bulimie.

Essstörungen, Ängste, Depressionen: Gesellt sich zum Diabetes ein psychisches Leiden, belastet das den Alltag zusätzlich und behindert oft eine erfolgreiche Therapie. Genaue Zahlen, wie viele Diabetiker betroffen sind, lassen sich nur schwer ermitteln. Bekannt ist allerdings: Depressionen treten bei Diabetikern - und zwar vom Typ 1 und 2 gleichermaßen - etwa doppelt so häufig auf wie in der Allgemeinbevölkerung. Auch unter Angststörungen leiden Diabetiker etwas häufiger. Wird bei jungen Mädchen ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert, stellt dies ein zusätzliches Risiko dar, ein problematisches Essverhalten zu entwickeln.

Depressionen werden oft nicht erkannt

"Das Thema Diabetes und psychische Probleme wird immer noch viel zu stiefmütterlich behandelt", sagt Stephan Herpertz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Bochum und Mitautor der aktuellen Leitlinie zum Thema "Psychosoziales und Diabetes mellitus". "In der Praxis werden Depressionen, Ängste und Essstörungen bei Patienten mit Diabetes größtenteils weder erkannt, noch angemessen behandelt." Verantwortlich dafür, so Herpertz, sind oft beide Seiten: Der Patient, der nicht selten sein psychisches Leiden lieber verschweigt. Und der Arzt, der sein Augenmerk oft in erster Linie auf die körperliche Erkrankung richtet.

Dabei ist es wenig verwunderlich, dass die Diagnose Diabetes auch ein Stresstest für die Psyche ist. Wer sie erhält, muss seinen Alltag gehörig umkrempeln: Blutzucker mehrmals täglich messen, auf Ernährung und Bewegung achten, Medikamente einnehmen oder Insulin spitzen - all das erfordert Planung, Disziplin und Elan. Und das ein Leben lang. "Diabetikern ist ihre Erkrankung im Alltag immer sehr bewusst", sagt Herpertz. Vor allem die Angst vor einer Unterzuckerung und der damit schlimmstenfalls einhergehenden Bewusstlosigkeit sowie die Furcht vor Folgeschäden belaste viele Diabetiker stark, so der Mediziner. "Spritzenphobien kommen eher selten vor."

Das häufigste psychische Leiden neben Ängsten: Depressionen. "Rund ein Viertel aller Diabetiker hat mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen, bei etwa jedem Zehnten sind sie so stark, dass sie die Kriterien einer klassischen Depression erfüllen", sagt Johannes Kruse, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum Gießen und Marburg und ebenfalls Leitlinienautor.

Hilfe bei Diabetes und psychischen Problemen
    Unter den Psychologen sind sogenannte Psychodiabetologen und Fachpsychologen Diabetes extra im Umgang mit Diabetespatienten und ihren Ängsten geschult. Allerdings ist das Netz nicht flächendeckend, längst nicht jeder Diabetespatient dürfte einen solchen Fachmann in seiner Nähe finden.
  • Eine gute Anlaufstelle sind auch Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Experten raten generell, bei ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten, Psychiatern oder Beratungsstellen nachzufragen, ob der Ansprechpartner auch Grundkenntnisse der chronischen Krankheit hat.
Gegen Ängste - etwa vor Unterzuckerung oder Folgeschäden - hilft oftmals schon eine gute Diabetesschulung, bei der der Patient lernt, mit seiner chronischen Erkrankung umzugehen. Depressionen lassen sich - je nach Schweregrad - alleine mit einer Psychotherapie oder mit zusätzlicher medikamentöser Unterstützung behandeln. Bei der Behandlung mit Medikamenten ist vor allem darauf zu achten, ob und wie sie sich auf den Zuckerstoffwechsel auswirken. Bei Essstörungen wie Bulimie ist ebenfalls eine Psychotherapie, zum Beispiel eine Verhaltenstherapie, hilfreich.

Warum Diabetiker häufiger schwermütig werden, wird unter Forschern kontrovers diskutiert: Auslöser könnten der erhebliche Stress und die Belastung sein, die mit dem Stoffwechselleiden einhergehen. Allerdings verläuft der Weg in beide Richtungen: "Wer depressiv ist, hat auch ein größeres Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken", so Kruse.

Ein gefährliches Doppel

Eine mögliche Ursache dafür: "Depressive verhalten sich oft nachlässig in der Ernährung, bewegen sich weniger und rauchen häufiger - alles Faktoren, die Diabetes begünstigen", sagt Kruse. Zudem ist bei Depressiven die sogenannte Stressachse aktiver: Das Stresshormon Cortisol wird vermehrt ausgeschüttet, was wiederum dazu führt, dass der Körper Insulin nicht so gut verwerten kann.

"Diabetes und Depression, das ist ein äußerst gefährliches Doppel", sagt Kruse. Die für eine Depression typische Antriebslosigkeit erschwert es, sich an die Vorgaben für die Diabetes-Therapie zu halten. Die Folgen: Der Stoffwechsel ist oft schlecht eingestellt, Komplikationen und Spätfolgen sind häufiger, die Lebenserwartung sinkt.

Wer merkt, dass ihm die Diabetes-Erkrankung auch auf die Psyche schlägt, sollte sich daher schnellstmöglich professionelle Hilfe holen. Auch Familie, Freunde und Verwandte können unterstützen: "Depressiven fehlt oft der Antrieb", sagt Kruse. "Hier ist es oft schon ein erster Schritt, sie zum Arztbesuch zu motivieren."

Marie Stoy halfen mehrere Aufenthalte in einer auf Essstörungen spezialisierten Klinik. Ihr Gewicht hat sie jetzt akzeptiert, Insulin Purgin betreibt sie nicht mehr. Auch einiges anderes in ihrem Leben hat sich verändert: Sie hat eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin begonnen und eine Familie gegründet. "Wenn meine Blutzuckerwerte heute mal schlecht sind, ist das kurzfristig und liegt eher am Stress mit den Kindern", sagt sie. Denn der Diabetes ist zwar noch da, aber die Hauptrolle spielt er nicht mehr in ihrem Leben.

insgesamt 30 Beiträge
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Pfaffenwinkel 20.11.2016
1. Als spritzender Diabetiker
kann ich nur raten: Akzeptiert diese Krankheit. Allerdings stellte ich fest, dass meine Umwelt und Familie meinen Diabetis nicht akzeptiert - weil man mir den nicht ansieht, gelte ich oft als "gesund", was eben nicht der Fall ist.
freddygrant 20.11.2016
2. Eine gesunde Lebensweise ...
... mit weniger Diabetikern, Kranken und gierigen Freßsüchtigen ist systemfremd und wirtschaftsschädigend. Dieses Rad aus Krankenkassen, Versicherungen, Kliniken, Phamafirmen, Ärzten Kuranstalten etc. ist schon viel zu groß um wieder zurückgedreht werden zu können und ihre Lobby auszuschalten. Krank sein ist manifestierter Teil unserer Gesellschaft, Wirtschaft und unseres Lebens!
Lykanthrop_ 20.11.2016
3. Die Schuldfrage
Ich bin auch Typ 1 Diabetiker und für mich ist auch ein Problem der fehlenden Untersützung. Leider ist unser System so gestrickt, je besser ein Diabetiker mit seiner Krankheit auskommt, desto mehr Unterstützung bekommt er. Denn aus Sicht der Gesellschaft ist ein Diabetiker mit schlechten Werten selbst Schuld an diesen, wobei das so einfach oft nicht ist. Diabetes ist eine weit komplexere Krankheit als gemeinhin angenommen. So verstärken sich schlechte Werte und Depression gegenseitig. Mehr gesellschaftliche Hilfe z.B. eine höhere Einstufung im Behindertenrecht und ein leichtere Zugang zu Erwerbsminderungsrenten würden das Problem verkleinern. Ein Diabetiker muss in die Lage versetzt werden sich gut um seine Krankheit zu kümmern. Es ist nur die Frage ob die Gesellschaft den Preis dafür zahlen will, oder am Ende es billiger ist dese Hilfe zu verweigern. Eine Anmerkung zum Artikel, hier werden Typ 1 und Typ 2 Diabetes Medial gleich gestellt, was weder einem noch dem anderen gerecht wird. Die eine Krankheit hat mit der anderen nur ein Syptom gemein, ich wünschte SPON würde hier mehr differenzieren.
Nutzer789 20.11.2016
4. Typ 1 und Typ 2 bitte unterscheiden
Hallo freddygrant, was Sie schreiben ist sicherlich für Typ 2 richtig. Typ 1 ist eine Krankheit, die nicht heilbar ist, besonders nicht durch gesunde Ernährung. Gesunde Ernährung hilft, die Insulinspitzen zu vermeiden und die benötigte Insulinmenge zu senken, aber man muss immer wieder kontrollieren und nachregeln. Ohne die moderne Medizin und übrigens auf die Bakterien, die das Insulin für uns herstellen, führt Typ 1 Diabetes in kurzer Zeit zum Tod -- ohne dass man etwas machen kann. In diesem Artikel geht es um Typ 1. Dies Lebensweise mit Diabetes Typ 1 ist zwar heute viel leichter als vor 50 Jahren und die Lebenserwartung hoch, aber es ist auch anstrengend und benötigt eine hohe Disziplin. Daher von mir Hut ab an alle, die damit gut leben -- Ihr leistet jeden Tag viel Arbeit!
Augustusrex 20.11.2016
5. Ich lebe mit meiner Krankheit
Ich lebe mit meiner Krankheit und nicht für meine Krankheit. Als mich der Diabetes Typ 1 erwischt hat, war ich natürlich auch erst mal am Boden. Aber das nützt ja nichts. Ich habe mir den zu mir passenden Diabetologen bzw. die Diabetologin gesucht. Der erste war ein Fanatiker, da war ich sofort wieder weg. Aber bald hatte ich den Richtigen, Mittlerweile ist es die Richtige und ich bin meiner Frau Dr. R. sehr dankbar für die gute Betreuung. Gemeinsam achten wir auf eine gute Einstellung meiner Blutzuckerwerte. Die Kosten für Medikamente und Hilfsmittel trägt dank Solidargemeinschaft die GKV (bis auf die Zuzahlung natürlich). Ich könnte Rentner sein, gehe aber lieber noch arbeiten, weil das nämlich Spaß macht. Eine Einstufung als Behinderter will und brauche ich nicht. Nicht jammern sondern akzeptieren und etwas tun ist mein Rat. Ansonsten geht es mir wie jedem Menschen so wie Wilhelm Busch das so schön beschrieben hat: "Nun lauf' ich manchen Donnerstag Hienieden schon herummer, Wie ich mich drehn und wenden mag, 's ist immer der alte Kummer. Bald klopft vor Schmerz und bald vor Lust Das rote Ding in meiner Brust."
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