Diabetes Wenn die Seele unter der Zuckerkrankheit leidet

Diabetes betrifft nicht nur den Körper - auch die Psyche leidet oft mit. Depressionen, Ängste oder Essstörungen können die Folge sein. Längst nicht jeder Patient erhält die Hilfe, die er bräuchte.
Wer an einer Depression erkrankt, benötigt professionelle Hilfe

Wer an einer Depression erkrankt, benötigt professionelle Hilfe

Foto: Patrick Pleul/ DPA

22 Jahre alt war Marie Stoy, als bei ihr Diabetes vom Typ 1 diagnostiziert wurde. Sie studierte damals noch Pharmazie, machte ein Praktikum in der Apotheke. "Ich nahm plötzlich stark ab, war durstig und hatte Sehstörungen", sagt sie. Ihre Kollegen schickten sie zum Arzt, der stellte die Stoffwechselstörung fest.

Die Diagnose zu akzeptieren und den Diabetes in den Alltag zu integrieren, fiel Stoy schwer. "Jedes Mal vor dem Essen Insulin zu spritzen, fand ich unangenehm. Ich hatte Angst vor der Spitze, saß vor dem Teller und weinte." Schleichend, sagt die heute 32-Jährige, habe sich eine Essstörung entwickelt.

Der Weg in die Bulimie

Da sie schon immer unter Übergewicht litt, kam es ihr gelegen, dass sie durch die Krankheit abgenommen hatte. "Durch mein Studium wusste ich: Wenn mein Körper kein Insulin bekommt, ist es ihm nicht möglich, den Zucker aus der Nahrung zu verwerten. Dann kann ich essen so viel ich will, nehme aber nicht zu." Die Studentin spritzte daher weniger Insulin als nötig oder verzichtete ganz darauf.

Ein gefährliches Spiel: Denn durch den Überzucker drohen Folgeschäden - etwa der Niere, der Füße oder der Netzhaut des Auges, was zur Erblindung führen kann. "Das war mir bewusst", sagt Marie Stoy. "Ich wollte allerdings um jeden Preis abnehmen, auch wenn ich mich selbst gefährde." Für sie war das sogenannte Insulin Purging der Weg in die Bulimie .

Essstörungen, Ängste, Depressionen: Gesellt sich zum Diabetes ein psychisches Leiden, belastet das den Alltag zusätzlich und behindert oft eine erfolgreiche Therapie. Genaue Zahlen, wie viele Diabetiker betroffen sind, lassen sich nur schwer ermitteln. Bekannt ist allerdings: Depressionen treten bei Diabetikern - und zwar vom Typ 1 und 2 gleichermaßen - etwa doppelt so häufig auf wie in der Allgemeinbevölkerung. Auch unter Angststörungen leiden Diabetiker etwas häufiger. Wird bei jungen Mädchen ein Typ-1-Diabetes diagnostiziert, stellt dies ein zusätzliches Risiko dar, ein problematisches Essverhalten zu entwickeln.

Depressionen werden oft nicht erkannt

"Das Thema Diabetes und psychische Probleme wird immer noch viel zu stiefmütterlich behandelt", sagt Stephan Herpertz , Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Bochum und Mitautor der aktuellen Leitlinie zum Thema "Psychosoziales und Diabetes mellitus ". "In der Praxis werden Depressionen, Ängste und Essstörungen bei Patienten mit Diabetes größtenteils weder erkannt, noch angemessen behandelt." Verantwortlich dafür, so Herpertz, sind oft beide Seiten: Der Patient, der nicht selten sein psychisches Leiden lieber verschweigt. Und der Arzt, der sein Augenmerk oft in erster Linie auf die körperliche Erkrankung richtet.

Dabei ist es wenig verwunderlich, dass die Diagnose Diabetes auch ein Stresstest für die Psyche ist. Wer sie erhält, muss seinen Alltag gehörig umkrempeln: Blutzucker mehrmals täglich messen, auf Ernährung und Bewegung achten, Medikamente einnehmen oder Insulin spitzen - all das erfordert Planung, Disziplin und Elan. Und das ein Leben lang. "Diabetikern ist ihre Erkrankung im Alltag immer sehr bewusst", sagt Herpertz. Vor allem die Angst vor einer Unterzuckerung und der damit schlimmstenfalls einhergehenden Bewusstlosigkeit sowie die Furcht vor Folgeschäden belaste viele Diabetiker stark, so der Mediziner. "Spritzenphobien kommen eher selten vor."

Das häufigste psychische Leiden neben Ängsten: Depressionen. "Rund ein Viertel aller Diabetiker hat mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen, bei etwa jedem Zehnten sind sie so stark, dass sie die Kriterien einer klassischen Depression erfüllen", sagt Johannes Kruse , Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum Gießen und Marburg und ebenfalls Leitlinienautor.

Hilfe bei Diabetes und psychischen Problemen

Unter den Psychologen sind sogenannte Psychodiabetologen und Fachpsychologen Diabetes  extra im Umgang mit Diabetespatienten und ihren Ängsten geschult. Allerdings ist das Netz nicht flächendeckend, längst nicht jeder Diabetespatient dürfte einen solchen Fachmann in seiner Nähe finden.
Eine gute Anlaufstelle sind auch Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie . Experten raten generell, bei ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten, Psychiatern oder Beratungsstellen nachzufragen, ob der Ansprechpartner auch Grundkenntnisse der chronischen Krankheit hat.
Gegen Ängste - etwa vor Unterzuckerung oder Folgeschäden - hilft oftmals schon eine gute Diabetesschulung , bei der der Patient lernt, mit seiner chronischen Erkrankung umzugehen. Depressionen lassen sich - je nach Schweregrad - alleine mit einer Psychotherapie oder mit zusätzlicher medikamentöser Unterstützung behandeln. Bei der Behandlung mit Medikamenten ist vor allem darauf zu achten, ob und wie sie sich auf den Zuckerstoffwechsel auswirken. Bei Essstörungen  wie Bulimie ist ebenfalls eine Psychotherapie, zum Beispiel eine Verhaltenstherapie, hilfreich.

Warum Diabetiker häufiger schwermütig werden, wird unter Forschern kontrovers diskutiert: Auslöser könnten der erhebliche Stress und die Belastung sein, die mit dem Stoffwechselleiden einhergehen. Allerdings verläuft der Weg in beide Richtungen: "Wer depressiv ist, hat auch ein größeres Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken", so Kruse.

Ein gefährliches Doppel

Eine mögliche Ursache dafür: "Depressive verhalten sich oft nachlässig in der Ernährung, bewegen sich weniger und rauchen häufiger - alles Faktoren, die Diabetes begünstigen", sagt Kruse. Zudem ist bei Depressiven die sogenannte Stressachse aktiver: Das Stresshormon Cortisol wird vermehrt ausgeschüttet, was wiederum dazu führt, dass der Körper Insulin nicht so gut verwerten kann.

"Diabetes und Depression, das ist ein äußerst gefährliches Doppel", sagt Kruse. Die für eine Depression typische Antriebslosigkeit erschwert es, sich an die Vorgaben für die Diabetes-Therapie zu halten. Die Folgen: Der Stoffwechsel ist oft schlecht eingestellt, Komplikationen und Spätfolgen sind häufiger, die Lebenserwartung sinkt.

Wer merkt, dass ihm die Diabetes-Erkrankung auch auf die Psyche schlägt, sollte sich daher schnellstmöglich professionelle Hilfe holen. Auch Familie, Freunde und Verwandte können unterstützen: "Depressiven fehlt oft der Antrieb", sagt Kruse. "Hier ist es oft schon ein erster Schritt, sie zum Arztbesuch zu motivieren."

Marie Stoy halfen mehrere Aufenthalte in einer auf Essstörungen spezialisierten Klinik. Ihr Gewicht hat sie jetzt akzeptiert, Insulin Purgin betreibt sie nicht mehr. Auch einiges anderes in ihrem Leben hat sich verändert: Sie hat eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin begonnen und eine Familie gegründet. "Wenn meine Blutzuckerwerte heute mal schlecht sind, ist das kurzfristig und liegt eher am Stress mit den Kindern", sagt sie. Denn der Diabetes ist zwar noch da, aber die Hauptrolle spielt er nicht mehr in ihrem Leben.