Stoffwechsel Dick durch Chemikalien?

Manche Menschen nehmen leichter zu als andere - und tun sich auch schwerer mit dem Abspecken. Das liegt wahrscheinlich nicht allein an ihrer Ernährung.
Aus Verpackungsmaterial können Substanzen in Lebensmittel übergehen

Aus Verpackungsmaterial können Substanzen in Lebensmittel übergehen

Foto: MICHAEL PROBST/ AP

Die Menschheit ist immer dicker geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind sogar sechs Prozent der Kleinkinder übergewichtig . Die Diagnose ist scheinbar einfach gestellt: Dicke essen zu viel und bewegen sich zu wenig - da muss man ja Fett ansetzen.

So einleuchtend es klingt, es mehren sich Hinweise, dass die Gleichung zwar nicht falsch, aber unvollständig ist. Stress, Schlafmangel, Medikamente und eine entsprechende Darmflora nennen Forscher unter anderem als weitere potenzielle Dickmacher.

Und bestimmte Chemikalien.

Eine internationale Gruppe von Wissenschaftlern hat im Fachblatt "Environmental Health"  das "Parma Statement", eine Stellungnahme zu derartigen Substanzen, veröffentlicht. Sie nennen sie "metabole Disruptoren", also Stoffwechselstörer.

Angenommen wird, dass sie unter anderem:

  • die Anzahl und Größe von Fettzellen erhöhen,
  • die Darmflora beeinflussen,
  • die hormonelle Steuerung von Appetit und Sättigung verändern,
  • in Prozesse in der Leber und der Bauchspeicheldrüse eingreifen,
  • auf Hirnprozesse einwirken, welche die Essensaufnahme und den Energiehaushalt steuern.

Die Forscher gehen also davon aus, dass die Stoffwechselstörer den Körper auf Übergewicht programmieren. Wer derart gepolt ist, nimmt schneller zu und hat beim Abspecken größere Probleme.

Riskante Zeitfenster

Die Wissenschaftler nehmen zudem an, dass es bestimmte Phasen gibt, in denen Menschen besonders empfänglich für diese Umprogrammierung sind - nämlich als Ungeborene im Mutterleib, in der frühen Kindheit und wohl auch in der Pubertät. Und das kann sich dann auf den Rest des Lebens auswirken.

Einiges deutet darauf hin, dass die Substanzen bei Männern und Frauen unterschiedlich wirken. Und: Tierversuche liefern Hinweise darauf, dass einige Effekte nicht nur bei denjenigen auftreten, die den Chemikalien ausgesetzt sind, sondern auch bei ihren Kindern und Enkeln.

Dass Chemikalien, ebenso wie natürlich vorkommende Stoffe, grundsätzlich das Hormonsystem beeinflussen, ist schon länger bekannt: Endokrine Disruptoren nennt man diese, wenn sie einen schädlichen Einfluss haben. Die Stoffwechselstörer sind eine Untergruppe, die erst jetzt vermehrt Aufmerksamkeit erhält.

Um welche Substanzen geht es?

Wie viele verschiedene Stoffe solche Effekte haben, kann noch niemand sagen. Bisher haben sich Forscher auf wenige Substanzen konzentriert, um den grundlegenden Zusammenhang zu untersuchen.

Juliette Legler hat im Rahmen des EU-Projekts "Obelix"  mögliche metabole Disruptoren untersucht, die wir beim Essen aufnehmen. "Gute Daten haben wir erst für eine Handvoll Substanzen", sagt sie. "Gleichzeitig sind Hunderttausende Chemikalien auf dem Markt."

Jetzt arbeite man an schnelleren Testverfahren in Zellkulturen, um mögliche Stoffwechselstörer schneller zu erkennen, sagt Jerrold Heindel vom US-amerikanischen National Institute of Environmental Health Sciences. Substanzen, die in den Zelltests auffallen, müsse man dann anschließend an Tieren genauer untersuchen. Heindel zählt wie Legler zu den Verfassern des "Parma Statement".

Einige der wenigen bereits untersuchten Substanzen sind schon verboten. Dazu zählen etwa das Insektizid DDT oder die früher unter anderem als Weichmacher, Schmier- und Beschichtungsmittel verwendeten polychlorierten Biphenyle (PCB). Diese Substanzen sind immer noch problematisch, weil sie schwer abbaubar sind und sich überall in der Umwelt angereichert haben.

Doch auch weit verbreitete, nicht verbotene Substanzen stehen im Verdacht, den Stoffwechsel zu beeinträchtigen. Darunter fallen:

  • perfluorierte Chemikalien, die etwa für Pfannenbeschichtungen, Imprägniermittel oder Möbelpolituren genutzt werden,
  • das seit Langem umstrittene Bisphenol A, das unter anderem beim Thermopapier von Kassenbons eingesetzt wird,
  • als Weichmacher verwendete Phthalate.

Die bisher vorgeschriebenen Toxizität-Tests konzentrieren sich schlicht nicht auf Themenfelder wie Übergewicht und Diabetes, erklärt Heindel. Die Tests müssen deshalb erweitert werden, um diese Krankheiten abzudecken.

Wie groß ist der Einfluss der Chemikalien aufs Gewicht?

Bisher lässt sich nicht abschätzen, wie stark der Einfluss metaboler Disruptoren auf die Verbreitung von Übergewicht und Leberkrankheiten ist. Das Forschungsgebiet ist noch relativ neu, erst seit etwa zehn Jahren arbeiten Wissenschaftler daran, so Heindel. Im "Parma Statement" heißt es, dass der Einfluss der Chemikalien auf Übergewicht und Diabetes unterschätzt wird. Dies liege auch daran, dass Forscher bisher die Auswirkung einzelner Stoffe auf einzelne Gewebe untersuchen. Tatsächlich aber kommen wir alle mit einer Vielzahl von Substanzen in Kontakt: Einige können ihre Effekte verstärken, andere dämpfen sich vielleicht.

Heindel hält es für wichtig, den Kontakt mit den Stoffwechselstörern zu verringern. Denn so könne man Übergewicht verhindern. "Und es ist immer besser vorzubeugen, anstatt später zu behandeln", sagt er.

Wenn insbesondere Ungeborene im Mutterleib sowie Kleinkinder gefährdet sind, was können Schwangere und Eltern dann tun? Legler sieht in erster Linie die Gesetzgeber sowie die Industrie in der Pflicht, nicht den Einzelnen. "Man kann die Verantwortung nicht auf die Schwangere abwälzen", sagt sie. Eine grundsätzliche Idee sei aber, eher zu biologisch angebautem Obst und Gemüse zu greifen, weil im Ökolandbau weniger Pestizide eingesetzt werden. Schwangeren wird bereits geraten, nicht zu oft fetten Fisch, wie etwa Lachs und Makrele zu essen, weil sich im Fettgewebe der Tiere Schadstoffe ansammeln.

"Wir sind sehr gut darin, Menschen vor den unmittelbaren Gefahren durch Chemikalien zu schützen", sagt Forscherin Legler. "Aber wir haben lange nicht auf die subtilen Effekte geachtet, die zeitverzögert auftreten."

Zusammengefasst: Wissenschaftler nehmen an, dass verschiedene Chemikalien nachhaltig den Stoffwechsel beeinflussen können, insbesondere wenn Ungeborene im Mutterleib und Kleinkinder diesen ausgesetzt sind. Da die Zusammenhänge erst seit Kurzem erforscht werden, ist noch unklar, auf wie viele Substanzen dies zutrifft und wie stark ihre Wirkung ist.

MEHR ZUM THEMA

Blei im Blut, Weichmacher im Urin - seit gut drei Jahrzehnten dokumentiert das Umweltbundesamt, wie stark die Deutschen mit Schadstoffen belastet sind. Ein Anruf bei den Giftwächtern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.