Organspende "Die Widerspruchsregelung ist einer solidarischen Gesellschaft würdig"

Am Donnerstag debattiert und entscheidet der Bundestag über die Widerspruchslösung bei Organspenden. Jutta Falke-Ischinger, Vorsitzende der Initiative "Leben Spenden", hofft, dass Spenden dadurch der Normalfall werden.
Jutta Falke-Ischinger: "Es fehlt ein Gesetz, das die positive Haltung der Menschen umsetzt"

Jutta Falke-Ischinger: "Es fehlt ein Gesetz, das die positive Haltung der Menschen umsetzt"

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Disput/ Berlin!GmbH

Zur Person

Die Journalistin Jutta Falke-Ischinger ist Gründerin und Vorsitzende der gemeinnützigen Initiative Leben Spenden e.V. - Bündnis für Organspende. In dieser Funktion war sie auch zur entsprechenden Sachverständigenanhörung im Deutschen Bundestag geladen.

Wir Deutschen haben es mit der Moral. Oftmals zählen in unserem politischen Diskurs weniger die Fakten als der Anspruch, die ethisch wertvollere Haltung zu vertreten. Auch beim Thema Organspende halten wir mitunter an vermeintlich überlegenen, moralischen Prinzipien fest - wie auch an der alten, erwiesenermaßen gescheiterten Gesetzeslage. Dadurch verhindern wir, dass wir in Deutschland ein ähnlich humanes Organspendesystem haben wie unsere Nachbarn. Deutschland hinkt bei der Organspende 30 Jahre hinterher, sagte jüngst die Chefin der spanischen Transplantationsbehörde.

Nirgendwo in Europa warten Menschen so lange auf ein rettendes Organ wie bei uns. Das Problem liegt jedoch nicht an der potenziellen Spendebereitschaft der Deutschen, immerhin 85 Prozent sprechen sich pro Organspende aus. Was fehlt, ist ein Gesetz, das die positive Haltung der Menschen umsetzt. Ein solches Gesetz wäre die doppelte Widerspruchsregelung, über die in diesen Tagen im Bundestag abgestimmt wird.

Das Ausland macht es vor 

Ein Widerspruchsmodell, so wie es in 22 EU-Staaten gilt, könne helfen, "das Sterben auf den Wartelisten zu verringern": Zu diesem Ergebnis kommt eine im August 2019 im "World Journal of Surgery" veröffentlichte Meta-Analyse  mehrerer Studien. Den Ergebnissen zufolge stieg die Zahl der postmortalen Organspenden um 21 bis zu 76 Prozent nach Einführung einer Widerspruchsregelung, die entsprechenden Transplantationszahlen nahmen demnach um bis zu 83 Prozent zu.

Viel Hoffnung setzt man hierzulande auf eine Reform der Klinikstrukturen. Die ist zwar wichtig, doch reicht sie allein nicht aus, wie das Beispiel Niederlande zeigt. Dort wurden die Strukturen in den Krankenhäusern in den vergangenen zehn Jahren in einem Masterplan reformiert, doch die Spenderzahlen veränderten sich kaum. Den Haag wechselte zur Widerspruchsregel.

Ähnlich lief es in England: Auch London beschloss 2018 die Widerspruchsregelung und folgte damit Wales. Bevor sich das Land für den Opt-out entschied, waren die Zustimmungsquoten der Angehörigen zur Organspende dort die niedrigsten im Königreich - jetzt sind sie die höchsten.

Der Transplantationsskandal

Im Jahr 2012 war bekannt geworden, dass zwei Mediziner der Göttinger Universitätsklinik die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt haben sollen. In vielen weiteren Kliniken wurden in der Folge Unregelmäßigkeiten aufgedeckt, in Heidelberg etwa wurde am Universitätsklinikum ermittelt wegen des Verdachts, bei Herzspenden betrogen zu haben. Auch am Hamburger UKE, in Leipzig und Jena war manipuliert worden. Die Zahl der Organspender sank jahrelang: Während 2010 noch 1296 Menschen Organe nach ihrem Tod spendeten, waren es im Jahr 2017 dagegen 797. 2018 nahm die Zahl allerdings wieder leicht zu, 2019 blieb sie annähernd gleich. Über die Ursachen für die Schwankungen gibt es unterschiedliche Ansichten.

In Deutschland wäre die Einführung einer Widerspruchsregel zunächst das überfällige Bekenntnis der Politik zur Organspende. Bisher gibt der Gesetzgeber mit der Entscheidungslösung den Negativtrend sogar normativ vor: Niemand ist Organspender - es sei denn, er meldet sich ausdrücklich. Das heißt: Nichtspenden ist die Regel, Spenden die Ausnahme. Folge: Wer unentschlossen ist, bleibt unentschlossen.

Nicht nur Empfänger, sondern Spender sein

Bei der Widerspruchsregelung wäre es umgekehrt: Spenden gälte eher als Normalfall. So wie in Spanien, dem Land mit der weltweit höchsten Spenderrate. Dort gilt: Da wir nötigenfalls alle Empfänger sind, stehen wir grundsätzlich auch als Spender zur Verfügung. Wer nicht will, widerspricht oder sagt es seinen Angehörigen. Der Gedanke der Gegenseitigkeit ist hier Triebfeder für Reformen.

Während Spanien sich jedes Jahr neue, ehrgeizige Ziele bei der Organspende setzt, ist in Deutschland die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zur Neutralität verpflichtet. Die staatlich verordnete "Indifferenz" hat Folgen: Das Thema Organspende wird aufgeschoben und verdrängt, in der Familie ebenso wie in den Kliniken. Dort gibt es die bekannten Defizite beim Erkennen und Melden möglicher Organspender.

Auch mit Widerspruchslösung keine Pflicht zur Spende

Ärzte, Pfleger und Schwestern brauchen vor allem mehr Wertschätzung für ihre Arbeit. Hier wäre die Widerspruchsregel das entscheidende Signal: Ja, Organspende ist gewollt, wir stehen als Gesellschaft hinter euch. Gleichzeitig brächte der rechtliche Systemwechsel mehr Verbindlichkeit: Wenn künftig jeder als Organspender gilt, sind die Kliniken stärker in der Pflicht, jeden Einzelfall verbindlich zu prüfen.  

So wichtig das gesellschaftspolitische Engagement für die Organspende ist - eine individuelle Pflicht zur Spende bringt auch ein Widerspruchsmodell nicht mit sich. Wer nicht spenden will oder unsicher ist, kann ohne Begründung die Organspende für sich in einem Register ausschließen. Das sah auch der Nationale Ethikrat im Jahr 2007 so, ebenso wie die katholische Bischofskonferenz in Österreich 2005. Auch das Bundesverfassungsgericht fand es schon 1999 nicht ersichtlich, "dass potenzielle Organspender in ihren Grundrechten bereits dadurch verletzt werden, dass sie zur Abwehr der behaupteten Grundrechtsverletzungen (nämlich der Verletzung ihrer Würde und ihres Selbstbestimmungsrechts) einen Widerspruch erklären müssen".

Wer nicht widerspricht, wüsste, dass seine Organe im seltenen Fall des Hirntodes für eine Transplantation entnommen werden dürften. Übergangsfristen und umfassende, wiederkehrende Informationskampagnen zu einer etwaigen Gesetzesänderung sind vorgesehen.

In allen Widerspruchsländern beziehen Ärzte die Angehörigen in diese Entscheidung ein; wenn die Familie eine ablehnende Haltung des Verstorbenen kennt, sollte sie widersprechen. Die alleinige Entscheidung darüber aber, ob eine Organspende stattfinden kann, wird nicht mehr den Angehörigen aufgebürdet - so wie es derzeit in der Mehrheit der Fälle noch passiert.

Entlastung für die Angehörigen

Ist es eine Zumutung, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was mit meinem Körper nach meinem Tod passiert? Nein, denn die Antwort darauf bringt nicht nur Klarheit, sie kann sogar Leben retten. Sie ermöglicht eigenverantwortliches, selbstbestimmtes Handeln und entlastet die Angehörigen. Die Politik sollte eine Regelung beschließen, die sich anderswo bewährt hat und einer solidarischen Gesellschaft würdig ist.

Kontra Widerspruchslösung
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Reiner Zensen/ Deutscher Ethikrat

"Die Widerspruchslösung sieht in uns faule Egoisten", meint Claudia Wiesemann, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates.

 

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