Eine rätselhafte Patientin Dieses Kribbeln im Bein

Eine 24-jährige Frau hat Probleme beim Gehen, Füße und Beine schmerzen, dazu kommt ein Ausschlag. Was fehlt der Frau?
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Es ist ein Kribbeln, das sich von beiden Füßen aus hoch in die Beine zieht. So beschreibt eine 24-Jährige das unangenehme Gefühl, das sie seit fünf Tagen begleitet und immer schlimmer wird. Die Frau hat Probleme beim Gehen. An Händen und Füßen hat sich ein Ausschlag gebildet. Vor einem Monat war sie umgeknickt und hatte sich den Knöchel verletzt, weshalb sie für einige Zeit eine schützende Schiene tragen musste.

Doch nun geht es ihr so schlecht, dass sie in der Notaufnahme eines New Yorker Krankenhauses Hilfe sucht.

Den Ärzten fällt bei der Untersuchung einiges auf:

  • Die Zunge der Frau ist ungewöhnlich vergrößert, der Rest des Mund-Rachen-Raums aber unauffällig.
  • Der Ausschlag zieht sich vor allem über Fußsohlen und Handflächen. Die Haut ist nicht geschwollen oder ungewöhnlich warm.
  • Etwas stimmt nicht mit ihrem Gleichgewichtssinn, der sogenannte Romberg-Test verläuft bei der Patientin positiv: Wenn sie stehend ihre Füße aneinanderstellt und die Augen schließt, droht sie Sekunden später zu stürzen.
  • Ihr Gang wirkt unsicher und unregelmäßig.

Die Muskeln sind nicht geschwächt, auch die Sehnenreflexe funktionieren. Die Frau hat früher unter Angststörungen und Depressionen gelitten. Auf Nachfrage sagt sie, sie trinke manchmal Alkohol, nehme aber keine Drogen.

Was hat den Nerven zugesetzt?

Die in der Notaufnahme hinzugezogenen Neurologen nehmen an, dass die Frau unter eine Neuralgie leidet, also unter Nervenschmerzen. Diese können entstehen, wenn Nerven aus verschiedensten Gründen Schaden genommen haben, zum Beispiel durch Verletzungen oder etwa bei einer multiplen Sklerose. Die Neurologen empfehlen, die Patientin zu entlassen und in zwei Wochen eine genauere Untersuchung der Nerven durchzuführen.

Im Grunde wäre medizinisch noch einiges abzuklären, die tatsächliche Ursache der Probleme ist weiterhin unklar. Und dass eine 24-Jährige solche Gleichgewichtsstörungen und Probleme beim Gehen hat, kann auf verschiedene schwere Krankheiten deuten. So wäre unter anderem möglich, dass sie an Syphilis oder am Guillain-Barre-Syndrom oder eben multipler Sklerose leidet.

Diesen und weiteren denkbaren Diagnosen nachzugehen, schätzen die Ärzte als durchaus aufwendig ein.

Die Mutter verrät etwas

Dann ändert jedoch ein Gespräch mit der Mutter den Behandlungsplan. Als diese hört, dass die Ärzte in Betracht ziehen, ihre Tochter erst einmal zu entlassen, kommt sie auf die Mediziner zu, während die 24-Jährige nicht dabei ist.

Ihr Tochter konsumiere Lachgas, erzählt die Mutter den Ärzten - und zwar in großer Menge. Sie sorgt sich, dass sie deshalb einen Vitamin-B12-Mangel hat. Lachgas schaltet das Vitamin im Körper aus, gerade wenn jemand über längere Zeit immer wieder Lachgas konsumiert, droht ein gravierender Mangel.

Damit konfrontiert gibt die Patientin zu, dass sie etwa 25 Portionen Lachgas pro Woche konsumiert.

Der B-12-Mangel kann sich im Körper an vielen Stellen bemerkbar machen, dabei müssen nicht alle beschriebenen Symptome auftreten: Betroffene sind meist müde und erschöpft, fühlen sie schwach, haben Gleichgewichtsprobleme, können sich schlecht konzentrieren. Auch Angst und Depressionen können durch einen Vitamin-B12-Mangel befördert werden. Die Bildung der roten Blutkörperchen wird gestört, sogar das Rückenmark kann in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn dort die Nervenbahnen durch den Mangel Schaden nehmen.

Lachgas, chemisch: Distickstoffmonoxid, ist ein Narkosemittel, wird aber auch als Partydroge verwendet. Neben seiner schmerzstillenden Wirkung löst das Gas einen kurzen, euphorischen Kick aus.

Ein Bluttest offenbart, dass die Frau tatsächlich einen deutlichen Vitamin-B12-Mangel hat und weitere Werte außerhalb des Normalbereichs liegen. Am folgenden Tag zeigt eine Magnetresonanztomografie, dass ein Teil der Nerven im Rückenmark bereits geschädigt ist.

Die Ärzte verabreichen der Patientin sofort Vitamin B12 und überweisen sie an Spezialisten zur Schmerzbehandlung und Physiotherapie. Wie es ihr weiter ergeht, berichten die Notfallmediziner um William Egan in ihrem Fallbericht  im "American Journal of Emergency Medicine" leider nicht.

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