Digitale Abstinenz "Zu viel Smartphone macht unglücklich"

Handydaten von 60.000 Nutzern zeigen: Wir beschäftigen uns bis zu drei Stunden am Tag mit dem Smartphone. Der Leiter der Studie zieht daraus bedenkliche Schlüsse - und fordert eine digitale Diät.
Überfluss an Informationen: "Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, ständig on zu sein"

Überfluss an Informationen: "Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, ständig on zu sein"

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Ist es noch normal, wie oft ich zum Handy greife? Wenn Sie zu den 46 Millionen Menschen in Deutschland gehören, die ein Smartphone besitzen, haben Sie sich diese Frage sicher schon mal gestellt. Und dann vermutlich abgewunken. Im Vergleich zu den Freaks, die nur noch auf ihr Display starren, sind Sie schließlich noch harmlos.

Aber stimmt das? Um genauer zu erforschen, wie häufig, wie lange und zu welchem Zweck User ihr Mobiltelefon in die Hand nehmen, haben Wissenschaftler von der Universität Bonn die App "Menthal" entwickelt. Wer diese herunterlädt, erlaubt dem Institut für Informatik der Universität, die Nutzungsdaten auszuwerten - und nimmt damit an dem Forschungsprojekt  teil. Gemessen wird, wann die Probanden ihr Handy anschalten, welche Programme sie nutzen, wie viel sie telefonieren oder chatten. Zweimal am Tag wurden die Probanden zudem zu ihrem Befinden befragt.

Die Forscher haben die Daten von 60.000 Smartphone-Nutzern ausgewertet. Das Ergebnis: Zweieinhalb Stunden beschäftigten sie sich täglich mit dem Smartphone, Jugendliche sogar drei. Sie griffen im Schnitt 88-mal danach, wovon sie es 53-mal entsperrten, um eine App zu starten. Sogar beim Abendessen mit dem Partner oder bei der Arbeit griffen die Probanden zum Handy, scrollten durch Nachrichten, checkten Mails. Unter den geöffneten Anwendungen seien besonders häufig Apps wie Facebook, WhatsApp und Pokerspiele genutzt worden.

Dem Handy verfallen

Studienleiter Alexander Markowetz liest aus seinen Daten eine bedenkliche Entwicklung ab. Er meint, wir - die Generation iPhone und unsere Kinder, die Digital Natives - seien dem Handy längst verfallen. "In den letzten sechs Jahren haben Smartphones unser Leben völlig verändert", sagt der Informatiker. "Unser Handykonsum wirkt sich bereits jetzt negativ auf unsere geistige Leistungsfähigkeit und unsere Gesundheit aus, macht uns unglücklich und unproduktiv." Schließlich verspreche das Handy schnelles Glück. Durch Likes und eine nette Nachricht erhalten wir soziale Bestätigung, immer auf dem Laufenden zu sein gebe uns ein Gefühl der Sicherheit und Kontrolle.

In seinem Buch "Digitaler Burnout" führt Markowetz aus, warum die wirklichen Glücksmomente seiner Meinung nach auf der Strecke bleiben. Die ständige Interaktion rufe immer häufiger schlechte Gefühle wie Unzufriedenheit in uns hervor. Das verheißungsvolle, blinkende Metallding zerstöre langsam unser Glück.

Warum können wir dann nicht die Finger davon lassen? Weil Smartphones süchtig machen, meint auch Bert te Wildt. Der Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum argumentiert, das Handy sei ein kleiner Computer, den wir immer bei uns tragen. "Daher lassen sich die Ergebnisse aus der Internetsuchtforschung größtenteils auf das Smartphone übertragen", so te Wildt.

Der Experte geht davon aus, dass beim Scrollen über den Handyscreen die gleichen Stoffwechselvorgänge im Gehirn aktiviert werden wie bei Drogensüchtigen. Die ständige Kommunikation mit Freunden oder Arbeitskollegen über soziale Medien wie Facebook scheine dabei das größte Suchtpotenzial auszumachen. "Denn dort erhalten wir Aufmerksamkeit und Anerkennung", so te Wildt.

Burnout durch zu viel Kommunikation?

Die These ist allerdings heftig umstritten. Zwar gibt es sicherlich Menschen, die ihr Smartphone exzessiv nutzen. Ob sie damit aber die Kriterien einer Sucht, also einer anerkannten Krankheit erfüllen, ist systematisch längst nicht gut genug untersucht. "Handysucht" als diagnostische Kategorie existiert auch in den neuesten Einstufungsmanualen für Psychologen und Psychiater  nicht.

Dennoch treffen Markowetz' Thesen einen Kern: Wir merken, dass uns die ständig auf uns einprasselnden Informationen erschöpfen. Trotzdem greifen wir wieder und wieder zu unserem Smartphone. "Das Gehirn ist durch den Überfluss an Informationen und Kommunikation komplett überlastet", sagt Markowetz. Im schlimmsten Fall führt das schließlich zum Burnout, wie ihn Miriam Meckel, Chefredakteurin der "Wirtschaftswoche" oder die "Huffington Post"-Gründerin Arianna Huffington erlebt haben. Die beiden Karrierefrauen machten die Kommunikationsüberlastung mitverantwortlich für ihren Zusammenbruch.

Wie kommen wir raus aus dem Schlamassel?

Um unsere Glücksbatterie aufladen zu können, brauchen wir Zeit für uns. Ohne Unterbrechungen, ohne Ablenkung. Das Problem: Nichtstun ist in unserer Leistungsgesellschaft verpönt, wir haben Pausen abgeschafft. "Unser Gehirn braucht hin und wieder diese Art der Ruhe, sonst werden wir krank", sagt Markowetz. "Der Mensch ist nicht dafür geschaffen, ständig on zu sein."

Den Handykonsum im Alltag herunterzufahren sei das Einzige, was langfristig etwas bringe, sagt der Informatiker. Er empfiehlt eine digitale Diät: Nur noch dreimal am Tag Mails checken, einmal am Tag Facebook. Das Mittagessen genießen. Beim Date das Handy auslassen und im Schlafzimmer auch.

Zur Autorin

Jennifer Köllen hat Psychologie studiert und war zwei Jahre beim Magazin "Emotion". Auf SPIEGEL ONLINE schreibt die Journalistin für die Ressorts Reise und Gesundheit.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.