Ein rätselhafter Patient Verspannter Nacken und pelzige Haut

Nackenschmerzen treiben eine junge Frau in die Klinik, ein häufiges Symptom. Doch die Ärzte sind alarmiert, die Patientin hat auch Nervenausfälle: Ihre Haut fühlt sich bis in den Arm hinein pelzig an. Durch Kernspin-Bilder kommen sie der Ursache auf die Spur.
Schwachstelle: Die meisten Menschen leiden irgendwann an Nackenschmerzen

Schwachstelle: Die meisten Menschen leiden irgendwann an Nackenschmerzen

Foto: Corbis

Zehn Tage lang schmerzen Nacken und Schulter der jungen Frau, dann geht sie ins Krankenhaus. Der Schmerz kam plötzlich, mit üblichen Arzneimitteln kommt die 36-Jährige nicht gegen das pulsierende Gefühl auf der rechten Körperseite an.

Vier Tage, nachdem es mit den Schmerzen losgegangen war, kam auch noch Taubheit hinzu: Vom Kiefer in den Nacken, bis zum Schlüsselbein und sogar in den Arm hinein fühlt sich ihre Haut pelzig an. Den rechten Arm kann die Frau nur mit Mühe heben, selbst das Atmen fällt ihr schwer.

Die Ärzte im Berner Inselspital sind alarmiert. Schulter- und Nackenschmerzen haben oft harmlose Ursachen, die meisten Menschen sind irgendwann im Leben davon betroffen. Doch bei dieser ansonsten gesunden, jungen Frau deuten die Symptome auf eine andere mögliche Ursache hin - es ist nicht typisch, dass zu den Schmerzen auch Nervenausfälle hinzukommen. Franca Wagner und ihre Kollegen untersuchen die Patientin genauer, berichten sie im Fachmagazin "The Lancet" .

Der dreieckige Schultermuskel auf der rechten Seite hebt den Oberarm der Frau deutlich schwächer als der auf der linken Seite, stellen die Ärzte fest. Auch der Reflex der Bizepssehne ist auf der betroffenen Körperseite schwächer als auf der gesunden.

Altersbeschwerden mit 36?

Die wahrscheinlichste Diagnose ist eine gereizte Nervenwurzel. Altersbedingte Veränderungen der Wirbelsäule sind fast immer die Ursache einer sogenannten Radikulopathie. Doch es gibt noch andere, akute Auslöser. Um sicherzugehen, untersuchen die Berner Ärzte ihre Patientin mit Hilfe einer Magnetresonanztomografie.

Tatsächlich entdecken die Mediziner auf den Aufnahmen etwas, das die Symptome ihrer Patientin erklären kann: In der rechten Vertebralarterie sehen sie einen Bluterguss in der Wand des Gefäßes. Die Vertebralarterie versorgt von der Schlüsselbeinarterie aus kommend das Gehirn mit sauerstoffreichem Blut. Auf dem Weg vom Schlüsselbein in den Schädel hinein gibt sie Blut an die Muskeln und Nerven ab. Wird hier die Blutversorgung unterbrochen, können die Funktionen ausfallen.

Was bei der jungen Schweizer Patientin passiert ist, nennen Ärzte eine Arteriendissektion: Die mehrschichtige Gefäßwand einer Schlagader reißt an einer Stelle ein, so dass vorbeiströmendes Blut zwischen die Wandschichten der Arterie dringen kann. Das in diese Tasche fließende Blut kann den Fluss in der Arterie bremsen, stoppen oder auch vom Hauptgefäß abgehende kleinere Arterien blockieren. Schlimmstenfalls kommt es, wenn die Vertebralarterie oder die Halsschlagader betroffen sind, zu einem Schlaganfall, weil das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird.

Auswirkungen auf das Zwerchfell

Im Fall der Berner Patientin ist nicht das ganze Gefäß blockiert, doch das Blut in der Gefäßwand drückt auf mehrere Nervenwurzeln und verursacht so die Beschwerden. In einem Röntgenbild des Brustkorbs finden die Ärzte noch die Erklärung für die Atembeschwerden der jungen Frau: Weil auch die Nervenwurzeln betroffen sind, die das Zwerchfell versorgen, arbeitet der rechte Anteil des wichtigen Atemmuskels nicht normal. Das Zwerchfell ragt auf der Röntgenaufnahme deshalb deutlich weiter in den rechten Brustkorb hinein als auf der linken Seite.

Gegen den Bluterguss in der Gefäßwand bekommt die Patientin gerinnungshemmende Medikamente. Wenige Wochen später sind fast alle Beschwerden verschwunden, mit Ausnahme einer leichten Muskelschwäche beim Anwinkeln des Ellbogens.

Die Symptome der Berner Patientin sind ungewöhnlich für eine solche Dissektion der Vertebralarterie, schreiben die Ärzte des Inselspitals in ihrem Fallbericht. Nur vereinzelt gäbe es Fallberichte über ähnliche Nervenausfälle, bei denen mehrere Nervenwurzeln auf einmal betroffen sind. Typisch für eine Gefäßdissektion seien dagegen Schwindel, Kopfschmerzen und die auch bei dieser Patientin vorhandenen Nackenschmerzen.

Auslöser einer solchen Dissektion können zum Beispiel Verkehrsunfälle oder andere Verletzungen des Halses sein. Was genau das Einreißen der Schlagaderwand bei Menschen auslöst, die wie die junge Schweizer Patientin keiner äußeren Gewalt ausgesetzt waren, wissen Mediziner noch nicht. Wissenschaftler gehen von verschiedenen Faktoren aus , die zusammenkommen müssen. Glücklicherweise ist aber die weniger gefährliche Nervenreizung wegen Abnutzungserscheinungen der Wirbelsäule deutlich häufiger als ein Gefäßeinriss der Schlagader.