#Divigate in der Coronapandemie Die Manipulation, die keine war

In einem Thesenpapier wirft eine Autorengruppe Deutschlands Intensivmedizinern vor, mit falschen Zahlen Politik gemacht zu haben. Tausende Intensivbetten seien aus einer Statistik verschwunden. Was ist an dem Vorwurf dran?
Corona-Intensivstation der Universitätsmedizin Rostock, Aufnahme vom 12. Mai

Corona-Intensivstation der Universitätsmedizin Rostock, Aufnahme vom 12. Mai

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Seit der Watergate-Affäre ist es Brauch, skandalöse Vorgänge durch das Anhängen der Endung »gate« zu einem ausgewachsenen Skandal zu küren, auf der Plattform Twitter natürlich mit einem Hashtag versehen – und da wären wir beim neuesten Aufreger: #Divigate.

Die Vorwürfe, die kursieren: Die Intensivmedizin habe die Coronalage übertrieben dargestellt. Obwohl gar keine Überlastung des Gesundheitssystems drohte, habe man den Menschen mit dem Szenario einer Triage Angst gemacht und so die harten Lockdown-Maßnahmen gerechtfertigt. Überspitzt formuliert: So schlimm ist Corona gar nicht, Deutschland hätte mehr Kranke und Verstorbene gut verkraften können, schließlich waren die Intensivstationen nie wirklich in Not.

Erste Version in Teilen grob falsch

#Divigate beruht auf dem Thesenpapier  einer Gruppe von Experten und Expertinnen, die in den vergangenen Monaten regelmäßig Papiere zur Pandemie veröffentlicht haben – und auf einem Interview in der »Welt«  mit einem der federführenden Autoren, dem Gesundheitsökonomen Matthias Schrappe.

Das »brisante Papier«, so die »Welt«, lege »Manipulationen in offiziellen Statistiken, Subventionsbetrug und zweifelhafte Verwendung von Fördermitteln nah«. Das sind schwere Vorwürfe.

Allerdings ist das Papier nicht nur brisant, seine erste Fassung ist in einigen Punkten auch grob falsch. Die aktualisierte Version beginnt nun mit einer längeren Anmerkung zu den Nachbesserungen. Die Gruppe, die anderen Personen Zahlenmanipulationen unterstellt, hat es selbst mit den Zahlen nicht so genau genommen. Sie schreibt dazu lapidar: »Vielen Dank! – Für weitere Anregungen sind wir sehr dankbar.«

Andererseits sind Vorwürfe, dass manche Kliniken die staatlichen Subventionen ausnutzen, nicht komplett neu und könnten durchaus einen wahren Kern enthalten. Der SPIEGEL etwa berichtete im Februar  vom Fall einer Klinik in Niedersachsen, die sich 1,3 Millionen Euro Fördermittel für Intensivbetten sicherte, diese den Recherchen zufolge aber gar nicht anschaffte. Vorgänge wie diese bemängelt Schrappe in seinem Thesenpapier. Allerdings fehlen darin Daten und Zahlen, die das Angedeutete als strukturelles Problem belegen.

So bleibt der Vorwurf in der Luft hängen, umgeben von zum Teil schiefen, zum Teil falschen, zum Teil auch nicht belegten Theorien dazu, dass die Lage auf den Intensivstationen nie auch nur annähernd so dramatisch war, wie medizinisches Personal sie darstellte. Als Basis für eine Diskussion über vermeintliche Statistikmanipulationen und Betrug taugt das Dokument in dieser Form nicht.

»Anrüchig« – oder leicht zu erklären?

Ein zentraler Vorwurf in Positionspapier und »Welt«-Interview : In der Statistik der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) seien Betten verschwunden. »Wir haben die Zahlen seit Sommer regelmäßig dokumentiert«, sagt Schrappe. Bei einem Vergleich mit den heutigen Zahlen im Divi-Archiv sei aufgefallen, dass rückwirkend rund 3000 Betten gestrichen worden seien.

Schrappe vermutet Manipulation. »Das ist anrüchig, weil diese Zahlen politische Konsequenzen hatten«, sagt er im »Welt«-Interview. »Die Betten stehen in Krankenhausbedarfsplänen, und diese Betten werden finanziert.«

Im Thesenpapier heißt es: »Wurden am 30.7.2020 vom RKI noch 33.367 Intensivbetten gemeldet, sind es jetzt für dieses Datum nur noch 30.340.«

3000 Intensivbetten für Kinder aus Statistik gestrichen

Tatsächlich gibt es für die Änderung der Zahlen eine einfache Erklärung. Die Divi rechnete im Verlauf der Pandemie die Betten der Kinderintensivstationen aus der Gesamtzahl der betreibbaren Intensivbetten – 3000 an der Zahl – heraus, da sie für die Versorgung von Covid-Patienten keine relevante Rolle spielten. Denn Kinder müssen sehr, sehr selten wegen einer Coronainfektion auf die Intensivstation, und Intensivbetten für Kinder können nicht einfach in Betten für Erwachsene umgewandelt werden. Die Divi weist offen darauf hin, dass sie diese Betten aus der Statistik genommen hat.

Trotzdem hat die Arbeitsgruppe um Schrappe diesen Punkt in seiner zweiten Version nicht korrigiert, sondern merkt nur in einer Fußnote an, der Hinweis der Divi könne den Sachverhalt nicht erklären. Er müsse »weiterhin als ungeklärt – aber dringend klärungsbedürftig – angesehen werden«.

Dass die Arbeitsgruppe an ihrer Version festhält, könnte auch daran liegen, dass sie zwei verschiedene Datenquellen genutzt hat – Tagesreports sowie Zeitreihen. Davon geht die Divi auf SPIEGEL-Nachfrage aus.

In älteren Tagesreports zu den Intensivstationen waren die »Intensivbetten gesamt« aufgeführt, jene für Erwachsene standen nur in Klammern dahinter. Erst seit März werden dort die Zahl der Erwachsenen- und der Kinderbetten einzeln genannt. Die Zeitreihen der Divi dagegen berücksichtigen bereits seit dem 23. Dezember nur die betreibbaren Intensivbetten für Erwachsene – und das auch rückwirkend für das vergangene Jahr.

Zugegeben, etwas verwirrend. Aber anrüchig?

6000 Patienten in der gesamten zweiten Welle? Ups, 6000 Patienten »pro Tag«

Auch an anderen Stellen hat das Autorenteam die Zahlen der Divi zunächst falsch interpretiert. So heißt es etwa, dass während der ersten Welle »rund 3000 Patienten intensivmedizinisch behandelt wurden«, die zweite Welle habe rund 6000 Patienten auf die Intensivstation gebracht.

Bei diesen Zahlen handelte es sich allerdings nur um die Höchstzahl der Patientinnen und Patienten mit einer Coronadiagnose, die während der ersten und zweiten Welle gleichzeitig auf den Intensivstationen deutscher Kliniken versorgt werden mussten.

In der neuen Fassung des Papiers heißt es richtig, dass in den Wellen 3000 beziehungsweise 6000 Patienten »pro Tag« behandelt wurden. Diese Zahlen geben allerdings keinen Aufschluss darüber, wie viele Menschen mit einer Coronainfektion eigentlich insgesamt auf den Intensivstationen versorgt wurden.

Mittlerweile wurden im Verlauf der Pandemie mehr als 100.000 Behandlungen auf Covid-Intensivstationen abgeschlossen  (einzelne Patienten können doppelt zählen, falls sie von einer Intensivstation auf eine andere verlegt wurden). Als abgeschlossen gilt eine Behandlung auch dann, wenn der Patient verstorben ist.

Aus 61 Prozent werden 58, werden 41

Schrappe und sein Team ziehen auch einen Europa-Vergleich. Im »Welt«-Interview sagte der Gesundheitsökonom: »Ende April 2021 wurden 61 Prozent der Covid-Patienten in Krankenhäusern auf Intensivstationen behandelt. In der Schweiz waren es nur 25 Prozent, in Italien elf Prozent.« Er mutmaßt: »Erkranken Bundesbürger schwerer als die übrigen Menschen in Europa? Oder könnte es sein, dass manche Krankenhäuser sich in Erlösmaximierung versuchen?«

Rhetorische Frage: Oder haben die Autoren des Thesenpapiers die Zahl der Krankenhauspatienten nicht richtig berechnet?

Wieso im »Welt«-Interview, ebenso wie im Fließtext des Thesenpapiers 61 Prozent genannt werden, ist nicht nachvollziehbar. In der zugehörigen Tabelle gibt es zwei Zahlen für Deutschland, für einen Tag im März und einen im April: 44 beziehungsweise 58 Prozent, das bedeutet, die Autoren widersprechen sich in ihrem eigenen Papier.

Aber auch diese niedrigeren Zahlen mussten jetzt korrigiert werden, weil die Gruppe tatsächlich nicht ordentlich gerechnet hatte: Sie hat nämlich nicht beachtet, dass Patienten nicht nur an einem Tag in ein Krankenhaus eingewiesen werden und es dann umgehend wieder verlassen, sondern durchaus einige Tage dort verbringen können.

In der korrigierten Fassung steht nun, dass 31 beziehungsweise 41 Prozent der Krankenhauspatienten auf der Intensivstation behandelt wurden. Deutlich dichter an den Zahlen anderer europäischer Länder – und möglicherweise immer noch zu hoch gegriffen (Details dazu hier ).

Warum die Arbeitsgruppe die deutschen Krankenhauszahlen ausgerechnet mit einer Handvoll europäischer Länder vergleicht, aber andere herausnimmt, ist unklar. Schaut man auf den EU-Datensatz  für den 30. März, einer der Stichtage in der Tabelle im Thesenpapier, und berechnet daraus die Intensivquote, wie die Autoren es offensichtlich getan haben, ergibt sich Folgendes: Die Niederlande hatten an diesem Tag eine Intensivquote bei den Krankenhauspatienten von 39 Prozent, in Österreich lag sie bei 30 Prozent, in Belgien bei 26 Prozent – Deutschland wäre dann mit 31 Prozent zwar am oberen Ende, aber gar nicht mehr Spitzenreiter.

Bedauerlich, dass das Autorenteam seine Schlussfolgerungen an dieser Stelle keinem kritischen Blick unterzieht.

Richtige Daten, falsche Schlüsse

Auch an anderen Stellen sind die Darstellungen der Autorinnen und Autoren zwar inhaltlich nicht falsch, aber schlecht eingeordnet. So schreiben sie, dass im Jahr 2020 nur rund vier Prozent der Intensivkapazitäten mit Covid-Erkrankten ausgelastet waren. Die Zahl mag stimmen. Eine Rechnung für das gesamte Jahr 2020 aber lässt den Einfluss einer Pandemie, die in Deutschland erst im Februar begann und im Sommer für eine Zeit abflachte, deutlich kleiner ausfallen, als er tatsächlich ist. Zum Vergleich: Im Jahr 2021 wurden bislang laut SPIEGEL-Berechnungen im Schnitt 17 Prozent der betreibbaren Intensivkapazitäten für Covid-Erkrankte genutzt. Selbst wenn man die Notfallreserve an Intensivbetten mit einrechnet, benötigten Covid-Patienten 2021 durchschnittlich zwölf Prozent aller Intensivkapazitäten.

Ebenfalls richtig ist, dass die Bundesregierung auch nach knapp 1,5 Jahren Pandemie keinen Überblick darüber hat, wie viele Pflegerinnen und Pfleger auf den Intensivstationen arbeiten. Das ist tatsächlich ein Skandal. Dennoch ist gut belegt, wie die Belastung des Personals im Verlauf der Pandemie immer weiter zunahm.

Pflegewissenschaftlerin Uta Gaidys von der HAW Hamburg etwa befragte seit Beginn der Pandemie mithilfe einer Kollegin mehr als tausend Intensivpflegekräfte zu ihren Arbeitsbedingungen. Während der ersten Welle gaben 25 Prozent der Befragten an, dass ihre Belastung im Vergleich zur Situation vor Corona gestiegen war; in der zweiten und dritten Welle vertraten fast alle befragten Pflegekräfte diese Ansicht.

Zusätzlich berichteten schon während der zweiten Welle 76 Prozent der befragten Intensivpflegekräfte von Einbußen bei der Versorgungsqualität, während der dritten Welle sogar 84 Prozent. »Wenn keine Mundpflege gemacht werden kann, steigt die Gefahr einer Pilzinfektion und einer bakteriellen Lungenentzündung«, sagte Gaidys in einem Gespräch mit dem SPIEGEL . »Die Priorisierungs- und Rationalisierungsentscheidungen, die Pflegekräfte treffen müssen, haben unmittelbare Auswirkungen auf das Patientenleben.«

Und das Autorenteam um Schrappe? Schreibt im Thesenpapier: »Nach einer Phase der Überforderung durch mangelnde Organisation und Ausstattung während der ersten »Welle« kam es in der zweiten Phase zu einer starken Beanspruchung des medizinischen Personals und – mitbedingt durch die Impfung der Mitarbeiter – in der dritten »Welle« zu einer relativen Stabilisierung.«