SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

17. März 2015, 12:30 Uhr

Medikamentenmissbrauch

Millionen Deutsche nehmen Aufputschmittel am Arbeitsplatz

Sie schlucken Stimmungsaufheller und leistungssteigernde Medikamente: Wie ein Report der DAK-Gesundheit zeigt, betreiben Millionen deutscher Arbeitnehmer Hirndoping - ohne Rücksicht auf die teilweise erheblichen Gesundheitsrisiken.

Berlin - Wenn der Druck groß ist und die Anforderungen schier nicht zu bewältigen erscheinen, greifen Arbeitnehmer immer häufiger zu Hilfsmitteln - in der Hoffnung, ihre Sorgen loszuwerden: Knapp drei Millionen Menschen in Deutschland schlucken verschreibungspflichtige Pillen, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein und Stress sowie Ängste abzubauen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit, die am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde.

Das Problem: Binnen sechs Jahren stieg der Anteil der Beschäftigten, die "Hirndoping" betreiben, von 4,7 auf 6,7 Prozent. Die Dunkelziffer sei noch viel höher, schreiben die Autoren der DAK-Studie.

Auslöser für den Griff zur Pille sind meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Vier von zehn Dopern gaben an, bei konkreten Anlässen wie Präsentationen oder wichtigen Verhandlungen Medikamente zu schlucken.

Männer versuchen laut Studie damit vor allem, noch leistungsfähiger beim Erreichen ihrer beruflichen Ziele zu werden. Zudem wollen sie auch nach der Arbeit noch Energie für Freizeit und Privates haben. Frauen nehmen hingegen solche Medikamente am ehesten, damit ihnen die Arbeit leichter von der Hand geht und sie emotional stabil genug sind.

"Auch wenn Doping im Job in Deutschland noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal", warnte DAK-Vorstandschef Herbert Rebscher. Suchtgefahren und Nebenwirkungen des Hirndopings seien nicht zu unterschätzen.

Nach Angaben des Doping-Experten Klaus Lieb zeigen die Medikamente oft nur kurzfristige und minimale Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit. Auf der anderen Seite gebe es "hohe gesundheitliche Risiken wie körperliche Nebenwirkungen bis hin zur Persönlichkeitsveränderung und Abhängigkeit", sagte der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Mainz. Es könne zu Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Nervosität und Schlafstörungen kommen, mögliche Langzeitfolgen seien noch völlig unklar.

Für die Studie wurden Arzneimitteldaten von 2,6 Millionen erwerbstätigen DAK-Versicherten analysiert. Zusätzlich wurden mehr als 5000 Berufstätige im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt.

cib/AFP

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung