Fehlbildungen Wenn Organe doppelt heranwachsen

Zwei Vaginen, zwei Därme, bis zu vier Nieren: Bei manchen Menschen bilden sich Organe doppelt aus, was zu Beschwerden führen kann. Wie häufig die Fehlbildungen vorkommen, lässt sich nur schwer feststellen. Ärzte fordern ein bundesweites Register.
Operation: In manchen Fällen müssen doppelte Organe korrigiert oder entfernt werden

Operation: In manchen Fällen müssen doppelte Organe korrigiert oder entfernt werden

Foto: Christopher Furlong/ Getty Images

Hazel Jones ist keine gewöhnliche Frau. Die Britin hat zwei Vaginen, zwei Gebärmutterhälse und zwei Gebärmuttern. Jahrelang wunderte sie sich über starke Krämpfe und schwere Blutungen während ihrer Periode. Doch erst als sie 18 Jahre alt war und ihr erster Freund ihr sagte, dass sie im Genitalbereich "anders als andere sei", entdeckte ein Frauenarzt ihre Anomalie, genannt Uterus Didelphys.

So erzählte Jones vor einigen Jahren im britischen Frühstücksfernsehen ihre Geschichte . Jones ist nicht die einzige Frau. Auch in der "Tyra Banks Show" sprachen 2010 fünf Frauen mit dem US-Model über ihr Leben mit zwei Vaginen und kommentierten ihr Sexleben.

Tatsächlich kommen solche Fehlbildungen häufiger vor als weithin angenommen wird. Die Bandbreite reicht dabei von doppelten Harnleitern, zwei Lebern bis hin zu zwei Därmen. Auch die Bildung weiterer Nieren ist möglich, Fälle von bis zu fünf Organen sind dokumentiert.

Je nach Organ fallen die Statistiken zur Häufigkeit unterschiedlich aus. Zu den häufigsten Doppelorganen gehört die Niere: "Ein bis vier Prozent der Bevölkerung haben eine Doppelbildung des oberen Harntrakts, also eine Doppelniere ", schätzt Thomas Boemers, Chefarzt der Klinik für Kinderchirurgie und Kinderurologie der Kliniken der Stadt Köln. Etwa 800.000 bis 3,2 Millionen Deutsche könnten demnach also mit einer solchen Doppelniere leben. Andere Schätzungen  gehen von einer Häufigkeit von etwa 0,8 Prozent aus. Frauen seien doppelt so häufig wie Männer davon betroffen, sagt Boemers.

Infekte, Nierensteine und Tumoren

Experten zufolge handelt es sich bei der Doppelniere meist um eine gutartige Fehlbildung: Die Organe funktionieren in vielen Fällen normal und beeinträchtigen das Leben der Träger nicht. Laut Boemers kann es aber durchaus zu verschiedenen Komplikationen kommen: Möglich seien Infekte, Urinstau, die Entstehung von Nierensteinen oder eine Inkontinenz. Auch eine erhöhte Rate von Tumoren in den überzähligen Organen sei festgestellt worden. Eine einheitliche Behandlungsempfehlung, wie etwa eine Verlegung der Harnleiter, gibt es bei solchen Fehlbildungen nicht: "Man muss je nach Typ und klinischer Symptomatik situativ vorgehen", sagt Boemers.

Dank moderner Medizin werden zudem Fälle von Kindern mit einer solchen Fehlbildung heutzutage frühzeitig erkannt und gegebenenfalls korrigiert: "Bei einem von 500 oder 600 Säuglingen erkennen wir vor der Geburt, dass an Niere oder Harnwegen etwas nicht stimmt", sagt Tobias Schuster, Chefarzt der Kinderchirurgie am Klinikum Augsburg und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie. Dort würden jährlich etwa 20 neue Fälle von Doppelnieren betreut und etwa ein Patient pro Monat operiert.

Eine Meldestelle wäre wünschenswert

Aber nicht nur die Entwicklung der Niere kann fehlerhaft sein. Auch andere Organverdoppelungen sind möglich: Bei einem von etwa 4500 Babys käme es beispielsweise zur Verdopplung des Darmes, sagt Schuster. Allerdings sei es problematisch, die genauen Häufigkeiten zu ermitteln. Es fehle ein bundesweites Register, das die Fälle dokumentiert: "Eine solche Meldestelle wäre sehr wünschenswert", sagt Schuster. Bisher leiste man sich nur in Hessen ein solches Geburtenregister.

Dort werden über den sogenannten perinatologischen Erhebungsbogen neben Namen, Geburtsort und -datum sowie Geschlecht und Namen der Eltern auch Größe und Gewicht, mögliche Krankheiten und Fehlbildungen sowie Umstände der Schwangerschaft und Geburt aufgenommen und kodiert aufbewahrt. Europaweit sammelt Eurocat , kurz für European registration of congenital anomalies seit Ende der Siebzigerjahre Registerdaten über Fehlbildungen aus insgesamt 21 Ländern.

Sieht man sich dort die Zahlen der Fehlbildungen des Harntrakts von 2008 bis 2012 bei allen gemeldeten Geburten inklusive der Schwangerschaftsabbrüche an, kam es bei knapp 32 von 10.000 Geburten zu Problemen.

Andere Doppelorgane dagegen kommen eher selten vor, wie etwa die Diphallie, bei der ein Penis zweimal heranwächst: Nur einmal unter 5,5 Millionen Neugeborenen trete dieser Fall auf, schreiben Forscher aus Indonesien im Fachjournal "Case Reports in Urology" . Bisher sind demnach insgesamt nur 100 solcher Fälle dokumentiert worden. Dem im Text erwähnten 12-jährigen Jungen entfernte man das überflüssige Glied. Den Autoren zufolge lebt der Junge heute wieder beschwerdefrei.

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