Leben mit Trisomie "Ich bin anders, aber es stört mich nicht"

Aktivistin mit Down-Syndrom: Carina Kühne schreibt ein Buch, ist Schauspielerin und kämpft für bessere Inklusion. Grenzen setzen ihr nur die anderen, sagt die 31-Jährige im Interview.
Von Claudia Kabel
Carina Kühne

Carina Kühne

Foto: Claudia Kabel

SPIEGEL ONLINE: Frau Kühne, in Ihrem Blog schreiben Sie über Ihr Leben mit dem Down-Syndrom. Als Leser ist man überrascht, wie gut Sie sich ausdrücken. Wann stoßen Sie an Ihre Grenzen?

Kühne: Down-Syndrom ist keine Krankheit. Wenn ich an Grenzen stoße, dann durch die Ablehnung bei Mitmenschen. In der Schule sollte ich andere Aufgaben rechnen als die anderen. Wenn ich sie doch rechnete, radierte die Lehrerin sie aus oder sagte, es sei ein Zufall, dass ich das könnte. Die Lehrerin setzte mir Grenzen. Sie wusste nicht, wo ich stehe und machte mir das Leben schwer. Mein Tauchlehrer dagegen traute mir zu, den Tauchschein zu machen.

Zur Person
Foto: Claudia Kabel

Carina Kühne, geboren 1985 in Berlin, lebt mit ihrer Mutter im hessischen Seeheim-Jugenheim. In ihrem Blog unter carinakuehne.wordpress.com  schreibt sie über ihr Leben und ihre Aktivitäten.

SPIEGEL ONLINE: Wie alt waren Sie, als Sie verstanden haben, dass Sie das Down-Syndrom haben?

Kühne: Ich weiß es gar nicht mehr, aber es hat mich nie gestört. Es ist ja nichts Schlimmes. Es ist für mich normal. Meine Mutter hat nie Unterschiede zwischen meinem Bruder und mir gemacht. Mein Bruder war mein Vorbild, er nahm mich überall mit hin.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mutter hat für Sie die Inklusion erkämpft und Sie auf eine Regelschule geschickt, als dies noch nicht üblich war. Fühlten Sie sich dort nicht ausgegrenzt?

Kühne: Nein, ich war ja auch eine gute Schülerin. In Englisch war ich die Klassenbeste. Es war ein ganz normales, gutes Verhältnis zu den anderen Schülern. Ich hatte Freunde, wurde auch zu Geburtstagen eingeladen. Als ich die Zwangszuweisung zur Sonderschule bekam, da fühlte ich mich ausgegrenzt. Die wollten wir nicht akzeptieren. Menschen mit Down-Syndrom gehören genauso dazu und können auch etwas leisten. Sie wollen auch etwas lernen.

SPIEGEL ONLINE: Das geht auf der Förderschule nicht?

Kühne: Ich habe ein Praktikum in einer Sonderschule gemacht und gesehen, was die machen. Die sind gut ausgestattet und gehen reiten und schwimmen, aber sie lernen kaum Kulturtechniken wie Lesen, Rechnen und Schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie bezeichnen sich als Aktivistin für Inklusion.…

Kühne: Ja, weil Inklusion für mich ein wichtiges Thema ist. Ich möchte mit meinem Blog alle Leser darauf aufmerksam machen, dass auch Menschen mit Down-Syndrom ein Lebensrecht haben.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie vom PraenaTest, bei dem Schwangere über das Blut untersuchen lassen können, ob ihr Kind eine Trisomie 21 hat?

Kühne: Für mich wäre es viel besser, wenn es den Test gar nicht gäbe. Es ist traurig, dass neun von zehn Föten abgetrieben werden. Ich wäre auch gegen eine Fruchtwasseruntersuchung. Wenn ich wirklich ein Kind mit Behinderung bekommen würde, würde ich es annehmen und liebhaben. Wenn es irgendwann gar keine Menschen mit Down-Syndrom gibt, wäre das für die Gesellschaft sehr schade.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Menschen verstehen, die trotzdem abtreiben?

Kühne: So richtig, ehrlich gesagt, nicht. Verstehen kann ich schon, dass man eigentlich ein gesundes Kind haben will und kein Kind mit Down-Syndrom. Aber das sind doch auch Menschen. Und sie leben auch gerne. Ich denke, eine bessere Lösung wäre, wenn man es entweder zur Adoption freigibt oder in eine Babyklappe. Abtreibung ist keine Lösung.

SPIEGEL ONLINE: In dem Film "Be my Baby" spielen Sie eine Frau mit Down-Syndrom, die ein Kind bekommen möchte. Könnten Sie sich vorstellen, selbst ein Kind großzuziehen?

Carina Kühne schreibt am Laptop für ihren Blog

Carina Kühne schreibt am Laptop für ihren Blog

Foto: Claudia Kabel

Kühne: Ja, vorstellen könnte ich mir das schon. Es ist natürlich eine große Verantwortung. Wobei ich eigentlich Kinder liebe und ich mir hundertprozentig sicher bin, dass ich das schaffen würde. Aber ich habe gerade auch nicht so viel Zeit, weil ich so viel unterwegs bin.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben gerade ein Buch. Worum geht es da?

Kühne: Es ist ein Making-of zu den Dreharbeiten von "Be my Baby". Und ich schreibe auch Kurzgeschichten für Kinder. Eine habe ich Anfang Mai auf der re:publica in Berlin vorgestellt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Ihre Lebenspläne aus?

Kühne: Ich habe mich vor Kurzem selbstständig gemacht. An Hochschulen halte ich Vorträge für die Inklusion, ich mache Fotoshootings, moderiere im Fernsehen eine Unterhaltungssendung und war Gast in Talkshows.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollten immer Schauspielerin werden….

Kühne: Ja. Meine neueste Rolle ist in der Serie "In aller Freundschaft", wo ich eine Episodenhauptrolle habe (ARD, 28. Juni). Ich möchte aber nicht immer die Behinderte spielen. Da werden viele Klischees bedient. Ich würde mich freuen, wenn Behinderung keine Rolle spielen würde.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch Vorteile, wenn man das Down-Syndrom hat?

Kühne: Vorteile? Nein, eher nicht. Man hat mehr Nachteile.

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