Jugendliche und E-Zigaretten Rauchen out, Dampfen hip

Sinnvoller Tabak-Ersatz oder neue Süchtigmacher? Experten kritisieren, dass die Vermarktung von E-Zigaretten auf Jugendliche abzielt: Das Dampfen könnte junge Konsumenten zum Rauchen ermuntern.
E-Zigarette: Die gesundheitliche Belastung ist noch nicht geklärt

E-Zigarette: Die gesundheitliche Belastung ist noch nicht geklärt

Foto: Christophe Ena/ AP

Sie schmecken nach Mango, Erdbeer und Tiramisu, sind in Retro-Designs erhältlich, und Hollywood Stars nutzen sie angeblich auch: Das macht E-Zigaretten für Jugendliche attraktiv, glaubt Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle für Suchtprävention Berlin.

E-Zigaretten seien selbst für diejenigen eine Versuchung, die gewöhnliche Zigaretten ablehnen würden. "Rauchen hat inzwischen ein Schmuddel-Image bekommen. Aber die elektronischen Zigaretten werden gar nicht mit Rauchen assoziiert", sagt Jüngling. Sie gälten als harmlos, stylish und cool und würden auch gezielt so über das Internet vermarktet.

Die Meinungen über Nutzen und Risiken des Dampfens gehen weit auseinander: Einige Experten glauben, E-Zigaretten hätten das Zeug, die Tabak-Ära zu beenden und damit etliche Leben zu retten. Auch Hersteller behaupten, die E-Zigarette erleichtere die Entwöhnung von Tabak. Jüngling aber fürchtet genau das Gegenteil: dass Jugendliche wegen deren vermeintlicher Harmlosigkeit zunächst zur E-Zigarette greifen und später dann auch zur echten.

"Viele dieser Produkte enthalten Nikotin, und das hat ein extrem hohes Suchtpotenzial. So werden die Raucher von morgen herangezüchtet", sagt die Suchtexpertin. Selbst das Inhalieren von Dampf sei eine Handlung mit Ritualcharakter. "Der Schritt zur richtigen Zigarette liegt deshalb nahe."

Eine Studie, die im März im Journal "Jama Pediatrics" veröffentlicht wurde, stützt diese Vermutung: Demnach hält der Konsum von E-Zigaretten Heranwachsende eher nicht vom Rauchen von Tabakzigaretten ab, sondern könnte sie im Gegenteil dazu ermutigen. Und einer Umfrage der Europäischen Kommission von 2012 zufolge halten 45 Prozent der jungen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren E-Zigaretten für harmlos - mehr als in jeder anderen Altersgruppe.

Wirkung der Inhaltsstoffe weitgehend unbekannt

Als Problem sieht Jüngling die Gesetzeslage: So ist es bisher noch erlaubt, selbst im Fernsehen für E-Zigaretten zu werben und theoretisch sogar, sie an Jugendliche zu verkaufen. Dem entgegen stehen bisher nur freiwillige Selbstverpflichtungen der Händler. "Viele Jugendliche denken sich: Wenn es gefährlich wäre, wäre es doch verboten", sagt Jüngling.

Tatsächlich gehen Experten davon aus, dass auch E-Zigaretten die Gesundheit gefährden - nur vielleicht nicht so stark wie echter Tabakrauch. "Im E-Zigaretten-Dampf befinden sich viele Stoffe, die in der Lunge schlichtweg nichts zu suchen haben", sagt Fritz Sörgel. Der Pharmakologe leitet das Institut für biomedizinische und pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg.

Zusatzstoffe der sogenannten Liquids, die in den E-Zigaretten verdampft werden, könnten allergisches Asthma auslösen. Und die Langzeitwirkung der Liquid-Bestandteile auf die Lunge sei noch nie untersucht worden, das gelte auch für die Hauptsubstanz Propylenglykol. "Niemand war bisher auf die abwegige Idee gekommen, den Stoff zu inhalieren", sagt Sörgel.

Funktionsweise einer E-Zigarette: Für Details bitte auf das Bild klicken

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Foto: DER SPIEGEL

Auch er findet: E-Zigaretten, die statt stinkendem Qualm Dampf mit Kaugummi-Aroma verströmen, seien für Jugendliche ein gefährlicher Köder. "Hier wird etwas Süchtigmachendes in einer appetitlichen Form verabreicht." Die Verkaufsmasche sei die gleiche wie bei Alkopops, die nach süßer Limonade schmecken und so selbst Kindern die Hemmschwelle vor dem Alkoholkonsum nehmen.

Gefährlich sei, dass sich E-Zigaretten-Nutzer das Nikotin selbst dosieren können. Nikotin in hoher Konzentration kann schnell zu Vergiftungen führen. "Bis zu den ersten Todesfällen ist es nur eine Frage der Zeit", sagt Sörgel. Über den Dampf der E-Zigarette würden Stoffe zudem besonders schnell im Gehirn angeflutet - was dazu einlade, illegale Drogen damit zu konsumieren.

Marketing im Sport

Sörgel kritisiert zudem, dass die Werbung dafür auf Jugendliche zugeschnitten sei: "Da gilt es dringend einzuschreiten." In den USA sponsern E-Zigaretten-Hersteller gezielt Großevents mit jungem Publikum. Ähnliche Tendenzen gibt es bereits in Deutschland: Der deutsche E-Zigaretten-Vermarkter Red Kiwi sponsert einen Piloten der Motorsportart Rallycross und plakatiert riesige Banner bei dessen Rennen.

Auf der Red-Kiwi-Facebook-Seite ist zu lesen, dass auch "Pulp Fiction"-Star Samuel L. Jackson ("Toller Schauspieler, cooler Typ") oder Teenie-Idol Robert Pattinson E-Zigaretten-Fans seien, die Ansprache wirkt bemüht hip. Klare Signale, dass Jugendliche umworben werden?

Dac Sprengel, leitender Angestellter bei Red Kiwi, hält die Aufregung für übertrieben. Rallycross sei kein Sport, der nur Jugendliche interessiert, auf Facebook gebe es "keine explizite Ansprache" von Jugendlichen.

Einen TV-Werbespot von Red Kiwi habe man erst nach 22 Uhr im Fernsehen gezeigt, auch darin sei "kein Fokus auf Jugendliche" zu erkennen. Red Kiwi präsentiere sich vielmehr "als frische Marke, die Schwung bringt in den verkrusteten Tabakmarkt". Und außerdem trügen die Produkte von Red Kiwi ja einen Vermerk: "Keine Abgabe an Jugendliche unter 18 Jahren."