Mögliche Krebsgefahr Die Verunsicherung um E-Zigaretten wächst

Wie gefährlich sind E-Zigaretten? In den USA verunsichert eine Studie zu krebserregenden Stoffen Verbraucher weiter. Die Behörden haben ein Zentrum eingerichtet, um ungeklärte Todesfälle zu untersuchen.


Die Debatte um E-Zigaretten in den USA verschärft sich weiter. Jetzt haben Wissenschaftler einen möglicherweise krebserregenden Geschmacksstoff "in besorgniserregend hoher Konzentration" entdeckt. Der Stoff namens Pulegon sei in Produkten mit Minz- und Mentholgeschmack nachgewiesen worden, berichten die Forscher der Duke-Universität im Fachjournal "Jama Internal Medicine".

In den USA wurde Pulegon, das in Mentholöl enthalten ist, im vergangenen Jahr als Geschmackszusatzstoff in Lebensmitteln verboten. Für E-Zigaretten und Kautabak sei die Chemikalie jedoch nicht reguliert, berichten die Forscher.

Für ihre Studie analysierten sie mehrere Marken von Mentholzigaretten, drei E-Zigaretten-Marken und eine Kauatabakmarke, die alle Pulegon enthielten. Bei den E-Zigaretten war die Konzentration des Stoffs bis zu 1000-mal höher als bei den herkömmlichen Mentholzigaretten, diese überschritten den Schwellenwert nicht.

Ob und, wenn ja, in welchem Ausmaß diese Substanzen auch in Produkten auf dem deutschen Markt enthalten sind, sei nicht klar, sagte Michal Dobrajc vom Verband des eZigarettenhandels. "Als Branchenverband ist es uns nicht möglich, einen detaillierten Einblick in die Zusammensetzung der vielfältigen Liquids zu bekommen, da die einzelnen Rezepturen der Hersteller dem Geschäftsgeheimnis unterliegen." Die Verbandsmitglieder würden nun aber dahingehend befragt.

US-Gesundheitsbehörden: Notfallteam einberufen

Die Nachricht kommt in einer Zeit, in der in den USA ohnehin eine Debatte über E-Zigaretten entbrannt ist. Knapp 400 Menschen haben dort nach dem Gebrauch von E-Zigaretten schwere Lungenprobleme entwickelt, sechs sind gestorben. Die Betroffenen bekommen nach dem Konsum Hustenanfälle, Atemnot und müssen schließlich künstlich beatmet werden.

Noch ist unklar, wie sich die Erkrankungen erklären lassen und welcher Stoff sie ausgelöst haben könnte. Als mögliche Ursache gilt Vitamin-E-Azetat, ein Öl, das aus Vitamin E gewonnen wird und in Deutschland nicht in Liquids für E-Zigaretten enthalten sein darf. Außerdem konsumierten viele Betroffene THC-haltige Liquids, die in Deutschland ebenfalls verboten sind. Die US-Gesundheitsbehörden CDC haben ein Notfallzentrum eingerichtet, um die Aufklärung der Fälle zu koordinieren.

Hinzu kommt noch ein ganz anderes Problem. Mit ihren Aromen, dem Geschmack von Früchten, Kaugummis oder Popcorn etwa, sind E-Zigaretten bei Jugendlichen in den USA extrem beliebt. Kritiker sprechen von einer Jugendepidemie, die Hunderttausende an Nikotin herangeführt und abhängig gemacht hat. Auch von den Lungenerkrankungen sind vor allem junge Menschen betroffen.

US-Präsident Donald Trump hatte vergangene Woche angekündigt, ausgefallene Geschmacksrichtungen für E-Zigaretten zu verbieten. Er bezeichnete die Nutzung von E-Zigaretten als "großes Problem". Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo ging noch einen Schritt weiter, er will aromatisierte E-Zigaretten im Eilverfahren verbieten. Ausgenommen werden sollen nur Produkte mit Tabak- und Mentholgeschmack.

Warnung vor Panikmache in Deutschland

Trotzdem warnen Experten mit Blick auf Deutschland vor einer Panikmache. "Nach aktueller Studienlage sind E-Zigaretten deutlich weniger schädlich als herkömmliche Zigaretten", sagt Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ).

Ähnlich sieht es Daniel Kotz, Professor für Suchtforschung am Institut für Allgemeinmedizin der Uni Düsseldorf. "Ich rate davon ab, die Geräte mit irgendwelchem Zeug zu befüllen, das man im Internet kriegt. Man setzt sich auch nicht mit einem Föhn in die Badewanne", sagt er. Bei sachgemäßem Gebrauch seien elektronische Zigaretten aber lange nicht so schädlich wie Tabakzigaretten.

In den USA, wo komplett andere Liquids auf dem Markt sind, sehen die Empfehlungen drastischer aus. Solange ungeklärt ist, worauf die Erkrankungen zurückzuführen sind, rufen die Behörden dazu auf, den Konsum einzustellen. Wer trotzdem weiterdampfen will, sollte laut CDC keine Liquids auf der Straße kaufen, keine Öle auf Marihuanabasis konsumieren und seine gekauften Liquids nicht selbst modifizieren.

irb/dpa/Reuters



© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.