Ein rätselhafter Patient Der Adler sitzt ihm im Nacken

Bei Nackenschmerzen denken die meisten Menschen, ihre Muskeln seien verspannt. Doch was, wenn die Schmerzen monatelang anhalten? Ein ägyptischer Patient gibt seinen Ärzten ein knochenhartes Rätsel auf.

dapd

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Schmerzen treiben den Mann ins Krankenhaus. Der Hals tut ihm weh, es zieht im Nacken bis hinauf in den Kopf. Nicht akut, nein, seit sechs Monaten schon plagen ihn Schmerzen, sagt der 34-Jährige seinen Ärzten in der Universitätsklinik im ägyptischen Alexandria.

Auf die Frage, wie die Schmerzen sich anfühlten, gibt der Patient an, sie seien hinterlistig. Ein dumpfer Druckschmerz, der kommt und geht. Besonders schlimm ist es, wenn der Mann nach oben schaut oder sein Gesicht nach links dreht. Außerdem spürt er ständig einen Kloß im Hals, etwa wenn er schluckt, manchmal kann er gar nicht schlucken.

Die Ärzte um Mohammed Bahgat fragen den Mann aus. Hatte er einmal einen Unfall? Nein. Gibt es andere Krankheiten, die seine Schmerzen erklären könnten? Keine. Oder arbeitet er vielleicht so, dass er ständig seinen Hals verdrehen muss, und verspannte Muskeln die Schmerzen auslösen könnten? Auch nicht.

Bei der Untersuchung fällt Bahgat etwas auf, berichtet er im Fachmagazin "BMJ Case Reports". Der Arzt spürt einen harten Knoten hinter dem linken Unterkiefer, an der Vorderkante des großen Kopfwenders. Dieser Muskel verläuft von Brust- und Schlüsselbein zur Schädelbasis und dreht das Gesicht zur gegenüberliegenden Seite. Etwa zwei mal zwei Zentimeter groß ist der Knoten, den Bahgat spüren kann, er fühlt sich an wie Knochen. Der Arzt tastet den Mund seines Patienten auch von innen ab und spürt den Knoten erneut hinter der Rachenmandel. Der Druck der Untersuchung bereitet dem Patienten zusätzliche Schmerzen. Die Ärzte spritzen dem Mann ein lokal wirkendes Betäubungsmittel in die Nähe des Knotens, um die Schmerzen zu nehmen. Sie haben jetzt einen Verdacht, was die Ursache seiner Probleme sein könnten.

Der Griffel ist die Lösung des Problems

Der nächste Schritt zur richtigen Diagnose ist eine Computertomografie (CT) des Kopfes und des Halses. Besonders interessiert die Mediziner dabei, wie der Schädel des Mannes von der Seite betrachtet aussieht. Und tatsächlich liegen sie mit ihrer Vermutung richtig: Auf den Bildern sehen Bahgat und seine Kollegen einen Knochen, wo eigentlich keiner hingehört. Der Griffelfortsatz (Processus styloideus), der aus dem Schläfenbein (Os temporale) des Schädels entspringt und nach weniger als drei Zentimetern eigentlich in ein Band übergehen sollte, ist bei dem ägyptischen Patienten über fünf Zentimeter lang. Diese Verknöcherung ist für die monatelangen Qualen des Mannes verantwortlich. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Kochen irgendwann gebrochen ist und so die Beschwerden ausgelöst hat. Es gibt Berichte, nach denen schon Husten oder Lachen die Ursache vergleichbarer Beschwerden waren.

Benannt sind die Schmerzen durch den überlangen Griffelfortsatz nach dem amerikanischen Hals-Nasen-Ohrenarzt Watt Weems Eagle - der das Eagle-Syndrom 1937 beschrieb. Helfen kann in den meisten Fällen nur eine Operation, die erste hat wohl bereits 1872 der österreichische Chirurg Josef Weinlechner absolviert. Und so greifen auch die ägyptischen Ärzte zum Skalpell. Von der Mundinnenseite bahnen sie sich einen Weg zum Griffelfortsatz und stutzen ihn auf Normalmaß zurecht. Bereits drei Tage später kann der Mann die Klinik verlassen, bei einer Nachuntersuchung sechs Monate später geht es ihm gut, Schmerzen hatte er nach der Operation nicht mehr.

Bis zu vier Prozent der Menschen tragen entweder einen überlangen Griffelfortsatz in ihrem Hals, oder das zum Zungenbein verlaufende Band, das aus dem Stylohyoid erwächst, ist verknöchert. Der Knochen kann auf die umliegenden Gefäße und Nerven drücken und so zu Durchblutungsstörungen oder Schmerzen führen. Das passiert allerdings nur bei einem sehr kleinen Teil der Patienten, weshalb Ärzte bei Nacken- oder Halsschmerzen zunächst an andere, viel wahrscheinlichere Diagnosen denken dürften. Ähnliche Schmerzen wie die des ägyptischen Patienten können eine Vielzahl von Krankheiten verursachen, darunter chronische Mandelentzündungen, Nervenentzündungen oder Tumoren.



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scarlotta 28.07.2012
1. @kautz-vella
Auf welchen Studien beruhen denn Ihre Zahlen ? Und wieso nur Europäer.....? Das riecht mir hier eher nach unlauterer Werbung für Geldschneiderei und Scharlatanerie.
scarlotta 28.07.2012
2. @kautz-vella
Auf welchen Studien beruhen denn Ihre Zahlen ? Und wieso nur Europäer.....? Das riecht mir hier eher nach unlauterer Werbung für Geldschneiderei und Scharlatanerie.
Gandhi_a1 28.07.2012
3. Die Wahrheit liegt gerne in der Mitte
Warum sollte ein Arzt per se, ohne Detailkenntnisse vom HWS-Bereich, fähiger sein, als jemand, der sich jahrelang mit dem Halswirbel und der umliegenden Anatomie beschäftigt hat?! @scarlotta: Ich wäre zurückhaltender mit Begriffen wie "Scharlatanerie". @kautz-vella hat lediglich zum Ausdruck gebracht, das die besagte Atlas-Therapie sehr hilfreich war. Es liegt in der Natur der Sache, das jemand eine solche positive Erfahrung auch entsprechend positiv (für sich) bewertet und das dann auch so weitergeben möchte. Ich kenne CT-Bilder, die an Eindeutigkeit nicht zu überbieten sind. Stelle ich mich deshalb hin und behaupte, dass 80% der deutschen Ärzte keine Ahnung vom oberen Halswirbel-Bereich haben, u. a. weil sie noch immer mit Röntgenbildern arbeiten? Also: erst eigene Erfahrung machen und dann berichten, und nicht einfach irgendwas nachplappern, was irgendjemand - vermeintlich fachkundig - erzählt hat.
Herr Hold 29.07.2012
4. ?
Zitat von Gandhi_a1Warum sollte ein Arzt per se, ohne Detailkenntnisse vom HWS-Bereich, fähiger sein, als jemand, der sich jahrelang mit dem Halswirbel und der umliegenden Anatomie beschäftigt hat?! @scarlotta: Ich wäre zurückhaltender mit Begriffen wie "Scharlatanerie". @kautz-vella hat lediglich zum Ausdruck gebracht, das die besagte Atlas-Therapie sehr hilfreich war. Es liegt in der Natur der Sache, das jemand eine solche positive Erfahrung auch entsprechend positiv (für sich) bewertet und das dann auch so weitergeben möchte. Ich kenne CT-Bilder, die an Eindeutigkeit nicht zu überbieten sind. Stelle ich mich deshalb hin und behaupte, dass 80% der deutschen Ärzte keine Ahnung vom oberen Halswirbel-Bereich haben, u. a. weil sie noch immer mit Röntgenbildern arbeiten? Also: erst eigene Erfahrung machen und dann berichten, und nicht einfach irgendwas nachplappern, was irgendjemand - vermeintlich fachkundig - erzählt hat.
Von welchem kautz-vella ist denn bitte hier die Rede? Ich kann in dem Artikel keinen Satz über Atlaswirbel finden...
diskantus 29.07.2012
5. Der Löschung entgegen wirkend
Und hat ein User "Kautz-Vella" über Atlasprofilax geschrieben? Dann würde mich die Löschung nicht wundern, nicht in einer Schulmedizin-Ecke ... ;) Atlasprofilax (googeln) ist - auch wenn Manche das nicht gerne hören - tatsächlich sehr hilfreich. Ich habe das vor 4 Jahren an mir selbst machen lassen. Seither habe ich keine (!) Kopfschmerzen mehr (vorher ca. 1x im Monat ziemlich heftig). Auch wenn das wieder Manche nicht glauben wollen: es ist so. ;) Damit soll nicht gesagt sein, dass Atlasprofilax immer hilft - eine Diagnose (oder: Nicht-Diagnose, wie es ja meistens ist) vorher ist sinnvoll. Und im Übrigen: An der Methode verdiene ich nichts, ich bin reiner Anwender gewesen.
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