Angst vor Ebola in Westafrika Fürchte deinen Nächsten

Die Nachbarn sterben, Kollegen, Familienmitglieder: In Sierra Leone grassiert das Ebola-Virus mit vernichtender Wucht. Viele Menschen gehen aus Angst vor schlechter Betreuung nicht in Kliniken. Ein Teufelskreis.

REUTERS

Aus Sierra Leone berichtet Musa Mewa


ZUM AUTOR
  • Musa Mewa, 32, hat Geschichte und Politik studiert und ist Journalist und Rechtsanwalt in Freetown, Sierra Leone. Er berichtet für lokale Medien insbesondere über das politische und soziale Geschehen in dem westakfrikanischen Land. Zuletzt analysierte er das Medienrecht in Sierra Leone. Für SPIEGEL ONLINE reiste Musa Mewa in die Stadt Kenema, wo er viele Menschen traf, deren Angehörige an dem Ebola-Fieber gestorben sind.
Nach knapp vier Stunden im Auto erreichen wir den letzten Checkpoint vor Kenema. Es ist die drittgrößte Stadt in Sierra Leone und Hauptstadt des Kenema-Distrikts im Südosten des Landes. Als ich das letzte Mal nach Kenema fuhr, untersuchten die Sicherheitsbeamten am Checkpoint den Wagen nach Cannabis und anderen illegalen Waren. Heute messen sie unsere Körpertemperatur.

Wir haben kein Fieber, eines der Hauptsymptome für Ebola, und mein Fahrer und ich dürfen passieren. In Kenema spüren wir sofort die Angst, die in der Stadt umgeht: Nur wenige Menschen sind mit dem Motorrad unterwegs. Es ist ruhig. Normalerweise wimmeln die Straßen der rund 150.000 Einwohner großen Stadt von Motorrädern. Und nachdem der Generalinspektor der Polizei vor einer Weile energisch eine Helmpflicht für die Beifahrer durchgesetzt hatte, tragen die Soziusse normalerweise einen Helm.

Das war vor dem Ebola-Ausbruch. Jetzt, so erzählt mir ein Motorradfahrer, würden Beifahrer sich weigern, einen zu tragen - aus Furcht, der Ebola-infizierte Schweiß des Vorgängers könnte noch daran haften. Auch die Ataya Bases, die Cafés und beliebten Treffpunkte für Jugendliche, sind verlassen. Wenige Tage zuvor, am 31. Juli, rief der Präsident von Sierra Leone den Notstand aus. Öffentliche Versammlungen sind seither verboten.

Als die Seuche Anfang des Jahres im Nachbarland Guinea ausbrach, forderten viele Menschen in Sierra Leone von Präsident Ernest Bai Koroma, die Grenzen zwischen beiden Ländern zu schließen. Stattdessen aber richtete die Regierung lediglich ein Gremium ein, das die Lage in Guinea beobachten und Sierra Leone auf einen möglichen Ausbruch vorbereiten sollte. Doch das genügte nicht: Das Ebola-Virus kam über die Grenze.

25. Mai: Erstmals melden Behörden den Tod einer Frau aus dem Kailahun-Distrikt im Osten. Es ist der erste offizielle Ebola-Fall in Sierra Leone. Die Nachricht über das erste Opfer facht eine riesige Debatte an, es kommt zu wilden Spekulationen: Die Regierung habe falschen Alarm geschlagen, um an Hilfsgelder zu kommen, sagen die einen. Andere behaupteten, der Ebola-Ausbruch in Kailahun sei ein heimlicher Versuch der Regierung, Unterstützer der größten Oppositionspartei SLPP zu töten, die in diesem Distrikt einen besonders großen Einfluss genießen. Schließlich bestätigen die Behörden, dass die Seuche in den östlichen Distrikten grassiert und die Todeszahlen steigen. Die Menschen in Kailahun werfen der Regierung vor, den Ausbruch nicht unter Kontrolle zu haben.

Anfang Juni: Das Ebola-Fieber tötet eine bekannte Persönlichkeit: Amie Kallon stirbt in Daru, der Hauptstadt des Kommunalvolksgebiets Jawei im Kailahun-Distrikt. Amie ist die Frau von Musa Ngoumbu Klah Kallon, dem Stammeshäuptling von Jawei. Als ich Anfang August in Kenema mit Muniru Kallon, ihrem Neffen, spreche, erzählt er mir: Seine Tante habe sich bei ihrer Schwester angesteckt. Diese sei aus einem kleinen Dorf nach Daru gereist und habe Amie besucht. Nach ihr sterben in Daru viele weitere Menschen. Nur sein Onkel, sagt Muniru, habe sich nicht angesteckt, weil er ein ausgebildeter Krankenpfleger sei. Er habe die Ebola-Symptome erkannt - und sofort den Kontakt zu seiner Frau vermieden. Bis zu ihrem Tod.

Als der Ausbruch in Sierra Leone beginnt, gibt es im Land kein Labor, das Tests auf das Ebola-Virus durchführen kann. Das Labor in Kenema für Lassa-Viren, die verwandt mit Ebola sind, muss aufgerüstet werden, damit Patienten mit Ebola-Symptomen getestet werden können. Kurz darauf beginnt das staatliche Kenema Hospital jene Menschen aufzunehmen, bei denen Ebola bestätigt wurde. Doch das Krankenhaus ist schlecht ausgestattet und kaum auf derartige Fälle vorbereitet. Viele glauben, das sei der Grund, warum sich so viele Helfer mit dem Virus angesteckt haben.

Mehr als zehn medizinische Mitarbeiter aus Kenema sind seither an den Folgen des Ebola-Fiebers gestorben. Ibrahim Kuyateh, Mitarbeiter des Bürgermeisters von Kenema, erzählt mir von Sarah, einer Schwester im Kenema Hospital. Sarah sei schwanger gewesen, als sie sich infizierte. "Sie verlor das Baby", sagt Kuyateh. "Die anderen, die sich bei der Frühgeburt um sie kümmerten, steckten sich an und starben."

29. Juli: Die Behörden melden den Tod von Sheik Umar Khan. Die gesamte Nation ist geschockt. Khan war der einzige Spezialist für hämorrhagisches Fieber in Sierra Leone und der führende Arzt im Kampf gegen die Ebola-Seuche. Das Personal im Kenema Hospital tritt in einen Streik und protestiert gegen den Mangel an persönlicher Schutzkleidung sowie die niedrigen Gehälter und fordert einen höheren Risikozuschlag. Und jene Menschen, die bis dahin die Existenz des Ebola-Virus nicht glaubten, beginnen zu realisieren, dass es doch echt und die Krankheit tödlich ist.

2. August: In Kenema treffe ich auf die Familie von Abu Bakarr Aka Abson. Zwei seiner Schwestern und sein Onkel haben die Krankheit überlebt. Reden möchten sie mit mir nicht, zu groß ist ihre Trauer. Das Ebola-Virus hat sieben Familienmitglieder getötet: Abu Bakarr, seinen Vater, seine Mutter, drei Schwestern und seine Tante. Viele Familien in Kenema teilen ein ähnliches Schicksal.

Sheku Tamu, 65 Jahre, ist Chef des Ahmadiyya Muslim Hospital in Kenema. Der Arzt hatte bisher nur einmal direkten Kontakt zu einem Ebola-Kranken. "Die Menschen kommen seit dem Ausbruch nicht mehr in die Krankenhäuser, weil sie Angst vor einer Ebola-Diagnose haben", sagt Tamu. Am 19. Juli habe man bei Lansana Alpha, einem seiner Helfer in der Klinik, Ebola festgestellt.

"Zwei Tage zuvor habe ich zusammen mit ihm im OP-Saal gestanden." Lansana habe ihm OP-Besteck gereicht. "Aber wir hatten beide Handschuhe an. Später erfuhr ich, dass Lansana sich zu Hause um ein Familienmitglied kümmerte, das positiv auf Ebola getestet wurde." Am 27. Juli sei Lansana auf der Ebola-Station im Kenema Hospital gestorben, erzählt Tamu. Man habe sofort Tests bei Lansanas Familie angeordnet. "Zum Glück waren alle negativ. Bei seiner Frau, seiner Mutter und seinen sieben Kindern - auch bei mir selbst."

Übersetzung: Cinthia Briseño

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Loddarithmus 07.08.2014
1. Wie gehen wir damit um, ...
... wenn der erste in Lampedusa anlandet?
Malshandir 07.08.2014
2. Grenzen dicht
Meine Guete, wann greift man denn mal Konsequent ein und riegelt die Regionen ab. Dabei kann die Eindaemmung so einfach sein. Jeder begibt sich ohne Kontakt in einen Raum alleine, bleibt dort mit Nahrung und Wasser fuer 6 Wochen. Danach wird geoeffnet und die Tueren die verschlossen bleiben, da weiss man, ist ein Ebola-Toter drin und man verbrannt das Haus.
ditor 07.08.2014
3. Lampedusa
Zitat von Loddarithmus... wenn der erste in Lampedusa anlandet?
Ein Anhaltspunkt wie wichtig das Verhindern der Verbreitung von schweren Infektionskrankheiten durch Wanderungsbewegungen genommen, wird kann man bereits heute sehen. 10% der HIV-Neuinfektionen in D waren 2013 aus der Region Subsahara. Eine erhebliche Konzentration - und welche Maßnahmen dagegen haben wir ergriffen?
kraichgau12 07.08.2014
4. und ich hatte doch recht,das die WHO pennt!
seit Mai!!!! sind Fälle dort bekannt,und vor einer Woche ruft die WHO die drei Regierungschefs zu einer Konferenz zusammen,auf der sie grosszügig 100 millionen dollar verspricht diese Organisation ist total ineffektiv,denn das Schutzmaterial sowie eine Test-Labor Ausrüstung damals schon vielen geholfen und vor allem dem Pflegepersonal Rückhalt und Schutz für ihr Leben gegeben haette,ist so abwegig und "fernseh-like" nicht ebenso klar ist, das Abu Bakaar und die Mitarbeiter des muslim Hospitals ganz natürlicher Weise die islamischen Totenwaschungen vollziehen,ebenso wie jeder Familienangehörige von Opfern,die zuhause sterben...das wurde bisher komplett ignoriert bzw auf afrikanische sitten abgewälzt...besser waere es,sie zu studieren,denn da wird vom hapt bis zum after alles gewaschen
kraichgau12 07.08.2014
5. und...
das waere bei uns vernuftbegabten,viel höher ziviliesierten BRD Bürgern natürlich ganz anders,wenn Frankfurt-Höchst zb ein hotspot waere und die Familie des naechsten Medizin-Gläubigen im Nachbarort wohnt... nein,wenn das in D ankommt,sollte man vieles aus diesem Bericht in der Nachbetrachtung noch mal lesen und wird sehen,der mensch auch in der BRd handelt genauso in panik um siene familie
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