Überlebensquote bis zu 90 Prozent Durchbruch bei experimenteller Ebola-Therapie

Wissenschaftler haben erfolgreich zwei Antikörper-Therapien gegen Ebola getestet. Sie hoffen nun, die Krankheit endlich heilen zu können.

Ebola-Patientin und behandelnder Arzt: In der Demokratischen Republik Kongo sind mindestens 1790 Menschen bei der aktuellen Epidemie gestorben
Jerome Delay/ AP

Ebola-Patientin und behandelnder Arzt: In der Demokratischen Republik Kongo sind mindestens 1790 Menschen bei der aktuellen Epidemie gestorben


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Zwei experimentelle Behandlungsformen gegen Ebola wirken so gut, dass sie nun allen Patienten angeboten werden sollen. Dies kündigten Wissenschaftler in der Demokratischen Republik Kongo an. "Wir können jetzt sagen, dass 90 Prozent der Patienten nach der Behandlung geheilt sind", sagte Anthony S. Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases. Fauci ist Mitglied eines internationalen Konsortiums, das die Untersuchung durchgeführt hat - koordiniert von der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die Ebola-Epidemie war vor einem Jahr in der Gegend von Butembo in der Provinz Nord-Kivu ausgebrochen. Seitdem sind laut offiziellen Zahlen mindestens 1790 Menschen in der Region an dem Virus gestorben. Nach dem Tod des ersten Ebolapatienten in Goma, der zweitgrößten Stadt des Landes, rief die WHO einen internationalen Gesundheitsnotstand aus.

Ohne Therapie sterben etwa 70 Prozent

Beim Ebolavirus leiden die Betroffenen an Fieber, Muskelschmerzen, Durchfall sowie in heftigen Fällen an inneren Blutungen und Organversagen. Schon die Berührung eines Infizierten reicht, um sich anzustecken. Helferinnen und Helfer tragen deshalb spezielle Schutzkleidung. Die WHO ist besorgt, weil der Ausbruch nach einem Jahr noch nicht unter Kontrolle ist.

Die aktuelle Therapie basiert auf der Gabe von Antikörpern - Eiweißen, die normalerweise vom Immunsystem hergestellt werden und Krankheitserreger aufhalten. Die Antikörper aus der experimentellen Behandlung werden künstlich produziert.

Sie wirken, indem sie sich an ein Eiweiß auf der Oberfläche des Ebolavirus binden und verhindern, dass der Erreger in Körperzellen eindringen kann. Seit November wurden vier Antikörper-Cocktails an etwa 700 Patienten getestet. Zwei davon erwiesen sich als hochwirksam: REGN-EB3 und mAB114. Sie sollen nun bei allen Patienten eingesetzt werden, die anderen Testreihen werden eingestellt. Dazu gehört auch das Mittel Zmapp, in das Forscher Jahre lang große Hoffnung setzten.

Bei mAB114 handelt es sich um einen Antikörper, der aus dem Blut eines Ebola-Überlebenden gewonnen wurde. Die Person hatte sich 1995 ebenfalls im Kongo mit dem Virus infiziert. Vor dem Einsatz an Menschen war es an Affen getestet worden. Die Erfolgsquote bei den behandelten Affen lag bei 100 Prozent. Die Tiere überlebten selbst dann beschwerdefrei, wenn sie das Medikament erst fünf Tage nach der Infektion bekamen.

Wurden Patienten innerhalb weniger Tage nach der Infektion mit mAB114 behandelt, überlebten immerhin 89 Prozent. Bei dem Antikörper-Cocktail REGN-EB3 waren es sogar 94 Prozent. Die Differenz sei statistisch betrachtet so gering, dass sich beide Mittel für den Einsatz eigneten, argumentieren die Forscher. Außerdem sei es besser, zwei Mittel vorzuhalten, falls es bei der Weiterentwicklung eines der Medikamente Probleme geben sollte.

Ärzte hoffen auf mehr Vertrauen

Bei den anderen beiden Mitteln starb dagegen jeder Dritte beziehungsweise jeder Vierte. Zum Vergleich: Ohne Therapie liegt die Sterblichkeitsrate bei dem aktuellen Ausbruch bei etwa 70 Prozent. Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip einer der vier Testreihen zugeordnet. Davor bekamen viele Ebola-Kranke dasjenige Mittel, das gerade verfügbar war. Alle nahmen freiwillig teil.

"Jetzt, wo wir sagen können, dass 90 Prozent durch die Behandlung geheilt werden, werden uns die Menschen eher vertrauen", sagte Jean-Jacques Muyembe, Direktor des Congo National Institute for Biomedical Research. "Die ersten, die diese gute Nachricht verbreiten, werden die Patienten selbst sein."

Wenn eine echte Heilung zur Verfügung stünde, würden auch mehr Patienten früher Hilfe suchen, ist er sicher. Noch immer gibt es in der Bevölkerung Misstrauen gegenüber der Behandlung. In der Bevölkerung kursieren Gerüchte, dass Ebola gar nicht existiere und dass die behandelnden Ärzte Blut und Körperteile für Hexerei stehlen würden. Behandlungszentren sind mehrfach angegriffen worden. (Mehr zur Situation im Land lesen Sie hier.)

Die Antikörper-Therapie ist nicht das einzige Mittel, das Ärzte im Kampf gegen Ebola einsetzen. Auch Impfungen sollen helfen, die Epidemie einzudämmen. Seit August 2018 wird der Ebola-Impfstoff rVSV-ZEBOV-GP in sogenannten Ringimpfungen eingesetzt. Dabei werden enge Kontaktpersonen von Ebola-Erkrankten gezielt immunisiert. Das Mittel ist zwar noch nicht zugelassen, aber laut ersten Untersuchungen schützt die Impfung in 97,5 Prozent der Fälle vor einer Infektion. Zudem erhöht die Impfung die Überlebenschancen bereits infizierter Patienten.

Bisher gibt es noch keine Medikamente, die spezifisch für Ebola zugelassen sind. 2014 entschied sich die WHO deshalb, auch bis dahin kaum erprobte Mittel einzusetzen. Die Begründung: Angesicht der Epidemie sei es ethisch vertretbar, noch nicht zugelassene Mittel anzubieten. In jedem Fall müssten ethische Vorgaben eingehalten werden, erklärten die WHO-Experten. Dazu gehöre Transparenz bei allen Aspekten der Behandlung der Patienten ebenso wie deren auf seriösen Informationen beruhendes Einverständnis, die ärztliche Schweigepflicht gegenüber Dritten und die Respektierung der Würde der Patienten.

Die aktuellen Studienzahlen sind noch vorläufig, mit den endgültigen Ergebnissen rechnen die Forscher in wenigen Monaten. Diese sollen so schnell wie möglich publiziert werden, damit auch unabhängige Wissenschaftler sie prüfen können.

Zusammengefasst: Bei der aktuellen Ebola-Epidemie sind mindestens 1790 Menschen gestorben. Zwei experimentelle Antikörper-Therapien geben nun Hoffnung, dass die Krankheit zu heilen sein könnte. Etwa 90 Prozent der Erkrankten, die die Mittel innerhalb weniger Tage nach der Infektion bekamen, überlebten. Die Wirkstoffe sollen deshalb nun allen Patienten zur Verfügung gestellt werden.

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