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22. Oktober 2014, 20:35 Uhr

Kampf gegen die Epidemie

Ebola-Impfungen könnten im Januar starten

Im Kampf gegen die Ebola-Epidemie setzen Experten auch auf Impfstoffe. Noch ist keines der Präparate für den breiten Einsatz am Menschen zugelassen. Doch es gibt einige aussichtsreiche Kandidaten. Der Überblick.

In Guinea, Liberia und Sierra Leone wütet noch immer das Ebolavirus. Woche für Woche fordert es Hunderte Todesopfer. Fest steht, dass sich die Ebola-Epidemie nur stoppen lässt, wenn die erkrankten Menschen in den betroffenen Regionen schneller isoliert und behandelt werden. Eine große Hoffnung im Kampf gegen Ebola ruht aber auch auf Impfstoffen gegen das Ebolavirus, die bald zum Einsatz kommen könnten.

Läuft alles nach den Vorstellungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), könnten Anfang Januar 2015 die ersten Chargen in Westafrika verteilt werden. Doch bis dahin gilt es noch viele Fragen zu klären. Antworten darauf sollen klinische Studien liefern, die demnächst mit freiwilligen Probanden beginnen.

Welche Impfstoffe sollen getestet werden? Was sind die aussichtsreichsten Kandidaten? Wo sollen die Impfstoffe zum Einsatz kommen? Der Überblick:

Wie die stellvertretende WHO-Generalsekretärin Marie-Paule Kieny in einer Pressekonferenz erklärte, gebe es derzeit zwei Kandidaten für eine Impfung, die als erfolgsversprechend gelten:

Beide Impfstoffe bestehen im Prinzip aus harmlosen Viren, die genetisch verändert wurden, sodass sie ein bestimmtes Protein des Ebolavirus produzieren. Sie regen das Immunsystem an, Antikörper gegen dieses Protein herzustellen. Beide Vakzine sollen jetzt in klinischen Studien an freiwilligen Probanden getestet werden.

Kieny zufolge soll Ende Oktober in Lausanne eine größere klinische Phase-I-Studie mit cAd3-EBO beginnen. Kleinere Studien damit sind in Großbritannien, USA und Mali bereits gestartet. Der VSV-Impfstoff soll in Kürze in den afrikanischen Ländern Gabun und Kenia sowie in Genf und Hamburg in einer Phase-I-Studie an Freiwilligen getestet werden. In den USA waren zuvor ebenfalls bereits zwei kleine Studien dazu angelaufen. 800 Ampullen des GSK-Impfstoffs lagern derzeit bei minus 80 Grad Celsius im Genfer Universitätshospital, von dort aus sollen sie an die beteiligten Einrichtungen verteilt werden.

In Hamburg wird die Studie federführend von Marylyn Addo betreut. Die Professorin ist Leiterin der Sektion Tropenmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Institutes (PEI), jenem Bundesinstitut, das Genehmigungen für die Erprobung von Impfstoffen erteilt, sagte im "Hamburger Abendblatt", es würden etwa 20 bis 30 gesunde erwachsene Personen an der dieser Studie teilnehmen.

Marie-Paule Kieny zufolge sollen für beide Impfstoffe etwa jeweils 125 Probanden rekrutiert werden. Freiwillig melden könne sich im Prinzip jeder. Wie bei solchen Studien üblich, würden die Teilnehmer nicht dafür bezahlt und bekämen lediglich eine Aufwandsentschädigung. Jeder Bewerber werde medizinisch untersucht, ob er für die Studie infrage kommt.

Bei den Studien werden die Impfstoffe in verschiedenen Mengen verabreicht. Ziel ist es in allererster Linie, die Verträglichkeit und Sicherheit der Wirkstoffe zu testen. Gleichzeitig sollen die Untersuchungen Hinweise darauf liefern, wie viel Impfstoff man einem Menschen verabreichen muss, damit sein Körper die schützenden Ebola-Antikörper produziert.

"Die Ergebnisse werden für die Entscheidung ausschlaggebend sein, welche Dosen in Westafrika verabreicht werden", sagte Kieny. Ebenso entscheidend sei die Frage, wie wirksam die Ebola-Impfstoffe sind. "Keine Vakzine schützt zu 100 Prozent", so Kieny. Die Effektivität von Masernimpfungen etwa liege bei rund 98 Prozent, bei Impfungen gegen Rotaviren dagegen nur bei etwa 40 Prozent.

Wer soll als erstes geimpft werden?

Am Donnerstag wollen Experten der WHO über weitere offene Fragen beraten: Welche Menschen sollen im Rahmen weiterer klinischer Studien in Westafrika als erstes eine Impfung erhalten? Sollte man zunächst medizinische Helfer impfen, damit sie sich nicht an Ebola-Kranken anstecken? Oder jene Bevölkerungsgruppen, die das höchste Risiko einer Ansteckung haben? Dabei gebe es neben ethischen auch etliche weitere Aspekte zu bedenken, sagte Kieny: Die Logistik, die Sicherheit bei der Durchführung möglicher Impfkampagnen, die Kommunikation in der Öffentlichkeit - jeweils angepasst an die Bedingungen der betroffenen drei Länder.

Mit einer Massen-Impfkampagne mit Millionen von Dosen rechnet Kieny vorerst nicht. Sie geht aber davon aus, dass Anfang 2015 mehrere zehntausend Dosen in Westafrika verteilt werden könnten.

Neben den beiden aussichtsreichsten Kandidaten gibt es noch weitere Impfstoffe in der Entwicklung. Einer davon stammt vom US-Pharmakonzern Johnson & Johnson, der am Mittwoch ankündigte, die Entwicklung voranzutreiben, um 2015 eine Million Impfdosen zur Verfügung stellen zu können - 250.000 bis Ende Mai. 200 Millionen Dollar will das Unternehmen nach eigenen Angaben dafür investieren. An der Entwicklung des Impfstoffes, der Kieny zufolge aus zwei verschiedenen genetisch veränderten Viren besteht, ist auch das dänische Biotechnologie-Unternehmen Bavarian Nordic beteiligt. Die klinischen Studien dafür sollen aber erst von Januar an anlaufen.

Ohne nähere Details zu nennen, erklärte Kieny, dass sich auch in Russland ein Impfstoff in der Entwicklung befinde. Zudem arbeiteten die beiden US-Firmen Inovio und Protein Sciences an Ebola-Impfstoffen. Bei Inovio handelt es sich um eine sogenannten DNA-Vakzine, die Anfang Januar in ersten klinischen Studien am Menschen getestet werden soll. Protein Sciences hofft derweil auf Fördermittel vom US National Institues of Health (NIH), um ihre Vakzine an Menschenaffen testen zu können.

cib

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