Kommentar zur Ebola-Krise in Westafrika Schauen Sie hin!

Durch das Ebolavirus droht keine unmittelbare Gefahr für Europa. Deshalb ist uns die Epidemie egal. Ein Fehler.
Szene in Monrovia, Liberia: Ein Mann, der wahrscheinlich an Ebola erkrankt ist, liegt auf der Straße

Szene in Monrovia, Liberia: Ein Mann, der wahrscheinlich an Ebola erkrankt ist, liegt auf der Straße

Foto: AP/dpa

Sie erinnern sich bestimmt an die Ice Bucket Challenge. Die US-amerikanische ALS Association sammelte durch den weltumspannenden Trend des Eisduschens innerhalb weniger Wochen mehr als hundert Millionen Dollar Spenden . Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine seltene Krankheit, aber eine, die den Menschen nahegeht, wenn sie erst einmal davon gehört haben. Die Betroffenen verfallen schrittweise einer vollständigen Lähmung, gefangen im eigenen Körper. Die Kollegin kann es ebenso treffen wie den Nachbarn. Oder einen selbst. Da ist die Solidarität groß.

Fast parallel zur Challenge mehrten sich die Ebola-Schreckensmeldungen aus Westafrika. Bilder von Todkranken, die vor überfüllten Behandlungszentren ausharren. Von Menschen, die dort gestorben sind, weil die wenigen Helfer vor Ort keine Kapazitäten mehr haben.

Warum berichtet ihr so ausführlich über ein paar Tausend Tote in Afrika, fragen uns Leser. Sterben da nicht jedes Jahr mehr Menschen an Malaria? Warum sollte uns Ebola kümmern?

Westafrika ist weit weg

Sierra Leone, Guinea und Liberia sind weit weg - gefühlt noch ferner als Mexiko. Als dort 2009 die Schweinegrippe ihren Anfang nahm, war man hierzulande deutlich besorgter. Die Weltgesundheitsorganisation WHO änderte sogar ihre Richtlinien, um den Ausbruch der Schweinegrippe zur Pandemie erklären zu können.

Ein neuartiges Grippevirus, hochinfektiös, bedroht im Prinzip Menschen auf der ganzen Welt. Die Kollegin kann es ebenso treffen wie den Nachbarn. Oder einen selbst.

Ebola ist anders als die Grippe. Zum einen sterben etwa 70 Prozent der Erkrankten. Zum anderen: "So ein Ausbruch würde in Europa und Nordamerika schnell wieder eingedämmt werden", sagt der Entdecker des Ebolavirus, Peter Piot, im Gespräch mit dem SPIEGEL. Die US-Seuchenschutzbehörde CDC hat vorgerechnet, dass die Epidemie in Westafrika schnell vorbei wäre, wenn nur 70 Prozent der Erkrankten so behandelt würden, dass sie niemanden anstecken. 70 Prozent.

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In Deutschland wäre das ein leichtes Unterfangen. In den betroffenen Ländern ist es das Gegenteil. Laut WHO stehen in Sierra Leone und Libera rund 1600 Betten jetzt oder in Kürze für Ebola-Patienten zur Verfügung. Nötig wären 2100 mehr. Jetzt. Die Zahl der Infizierten steigt rasant - im weit entfernten Westafrika. Die Kollegin wird es sicher nicht treffen oder den Nachbarn. Oder einen selbst.

Aus Tausenden können schnell Hunderttausende werden

Das macht es einfach, die Krankheit zu ignorieren. Anstatt zum Beispiel für Ärzte ohne Grenzen  zu spenden, die seit Monaten gegen die Epidemie kämpfen. Oder sich gar Eiswasser über den Kopf zu schütten, um Freunde zur Spende zu animieren.

Die Ebola-Epidemie aber wird sich immer schneller ausbreiten, wenn nicht umgehend Hilfsmaßnahmen anlaufen. Schon jetzt ist es auch eine humanitäre Katastrophe. Und jeder Tag Verzögerung bedeutet mehr Infizierte, die noch mehr Menschen anstecken. Aus ein paar Tausend Toten können binnen weniger Monate Hunderttausende werden, prognostiziert die CDC - und das ist keine Schwarzmalerei, sondern eine wissenschaftlich fundierte Rechnung.

Und ja, dabei steigt das Risiko, dass sich die Ebolaviren besser an den Menschen anpassen und viel leichter übertragbar werden. Dann könnte es auch die Kollegin treffen, den Nachbarn. Oder einen selbst.

Spenden für die Ebola-Krisengebiete

Zur Autorin

Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.