Nigeria Verdacht auf ersten Ebola-Fall in Millionenstadt

Das lebensgefährliche Ebola-Virus breitet sich in Westafrika weiter aus. In der nigerianischen Millionenstadt Lagos wird derzeit ein Mann auf den Erreger untersucht. Bisher sind mehr als 600 Menschen an der Infektionskrankheit gestorben.

Helfer in Lofa County (Liberia, Westafrika): Ebola-Virus möglicherweise jetzt auch in Nigeria aufgetaucht
DPA

Helfer in Lofa County (Liberia, Westafrika): Ebola-Virus möglicherweise jetzt auch in Nigeria aufgetaucht


Lagos - In Nigerias größter Stadt Lagos leben rund zehn Millionen Menschen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters meldet, wird dort derzeit ein 40-jähriger Mann auf das lebensgefährliche Ebola-Virus getestet. Fällt der Test positiv aus, wäre es der erste Fall einer Ebola-Erkrankung im westafrikanischen Staat Nigeria.

Das staatliche Gesundheitsministerium in Lagos habe in einer Pressekonferenz bestätigt, dass der Mann derzeit untersucht werde, berichtet auch der nigerianische Sender Channels Television. Demnach stehen 30 weitere Personen, mit denen der Mann Kontakt hatte, im Verdacht, sich möglicherweise mit dem Virus infiziert zu haben. Der Mann wird dem Bericht zufolge in einer privaten Klinik in der Region Obalende nahe der Stadt untersucht, er befindet sich in Quarantäne.

Das Ebolavirus
Ebolafieber
Die Erkrankung beginnt wie eine Erkältung: Fieber, Kopf-, Hals- und Muskelschmerzen sind meistens die ersten Symptome. Hinzu kommen Übelkeit und, nach fünf bis sieben Tagen, schwere Schleimhautblutungen im Magen-Darm- und Genitaltrakt. Die für die Blutgerinnung wichtigen Blutplättchen (Thrombozyten) sind bei vielen Patienten stark verringert, die Patienten drohen innerlich zu verbluten. Später versagen die Nieren ihren Dienst, schließlich das Herz-Kreislauf-System. Eine Heilung gibt es bislang nicht, 50 bis 80 Prozent aller Betroffenen sterben.
Virus
Die Viren stammen vor allem aus Afrika und Südostasien. Sie gehören zu den sogenannten Filo-Viren, von denen bislang drei Stämme bekannt sind (Ebola-, Marburg- und Reston-Virus). Vor allem Ebola- und Marburg-Virus ähneln sich stark und lassen sich anhand der Symptome beim Menschen nur schwer unterscheiden. Allerdings unterscheiden sie sich in ihren Antigenstrukturen.
Ansteckung
Die Übertragung der Ebolaviren von Mensch zu Mensch findet durch infizierte Körpersekrete statt. Die Inkubationszeit beträgt zwei bis 21 Tage. Ist von einer Infektion noch nichts bekannt, können sich die Viren innerhalb eines Krankenhauses immer dann ausbreiten, wenn Hygienemaßnahmen nicht streng verfolgt werden. Zur Vermeidung von Ansteckungen muss das Krankenhauspersonal engen Kontakt zum Infizierten meiden und ihn isolieren. Vor allem mit Blut und anderen Sekreten kontaminiertes Material muss fachgerecht entsorgt werden.

In Deutschland gibt es in neun Städten Sonderisolierstationen: in Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, Leipzig, Würzburg, Stuttgart und Saarbrücken.
Nachweis
Um eine Infektion mit Ebolaviren zu diagnostizieren, muss ein Labor entweder die Viren selbst, Bestandteile oder spezifische Antikörper gegen die Erreger nachweisen. Es besteht Meldepflicht.
Epidemien
Häufig gehen Epidemien beim Menschen von infizierten Menschenaffen aus, der Hauptwirt des Virus ist jedoch noch nicht bekannt.

2000 erkrankten in Uganda 425 Menschen bei ein Epidemie, mehr als die Hälfte (53%) starb.

2003 breitete sich das Virus in Kongo-Brazzaville aus, 140 Menschen erkrankten, 123 starben.

2007 war wieder Uganda betroffen: Laut Weltgesundheitsbehörde WHO erkrankten 121 Menschen, 35 fielen der Infektion zum Opfer.

2009 war die Demokratische Republik Kongo betroffen: Von 36 Betroffenen starben nach Angaben der WHO zwölf.

Seit Dezember 2013 grassiert das Ebolavirus in Westafrika. Es ist der bisher größte bekannte Ausbruch. Bis Mitte August 2014 starben mehr als 1000 Menschen an den Folgen einer Infektion.

Zu weiteren Ausbrüchen kam es im Sudan, Gabun und an der Elfenbeinküste.
Seit Februar sind mehr als 600 Menschen in Guinea, Liberia und Sierra Leone an Ebola gestorben. Bereits zuvor hatten die nigerianischen Gesundheitsbehörden vor einem möglichen Ausbruch in dem Staat gewarnt. Jide Idris, Leiter der Behörde, sagte demnach, man habe die Bevölkerung zu Vorsichtsmaßnahmen aufgerufen. Dazu gehörten unter anderem häufiges und gründliches Händewaschen und die Vermeidung von Kontakt mit Kranken.

Idris rief auch Gesundheitspersonal dazu auf, verstärkte Sicherheitsvorkehrungen zu treffen und Verdachtsfälle sofort zu melden. Laut Channels Television hat das Nigeria Centre for Disease Control (NCDC) damit begonnen, Gesundheitspersonal speziell zu schulen, um die Ausbreitung von Ebola in Nigeria zu verhindern.

In Sierra Leone erkrankte einer der bekanntesten Ärzte, der sich um Ebola-Patienten kümmerte, selbst. Sheik Humarr Khan sei ein nationaler Held, sagte der Gesundheitsminister des Landes.

In Sierra Leone und Liberia ist die Lage weiterhin prekär, wie die Weltgesundheitsorganisation WHO vor Kurzem erklärte. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen erklärte in einer aktuellen Pressemitteilung, dass die Ebola-Epidemie sich weiter ausbreite. Demnach wurden in Westafrika bisher insgesamt 1093 Krankheitsfälle registriert. Deshalb stocke Ärzte ohne Grenzen die medizinische Hilfe in den am schwersten betroffenen Gebieten auf. Während die Anzahl der Fälle in Guinea stark zurückgegangen sei, infizierten sich in den Nachbarstaaten Sierra Leone und Liberia immer mehr Menschen mit dem Virus. Obwohl die bestehenden Ressourcen bis an die Grenzen ausgeschöpft würden, sei es für die Gesundheitsbehörden und internationale Hilfsorganisationen ein schwieriger Kampf, den Ausbruch einzudämmen.

Die Chronologie der Ebola-Epidemie in Westafrika
21. März: Ausbruch in Guinea
Guinea informiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 21. März 2014 über einen Ausbruch im Süden des Landes. Es habe bis zu diesem Zeitpunkt 49 Krankheitsfälle und 29 Tote gegeben. Woher das Virus ursprünglich kam, ist laut dem Berliner Robert-Koch-Institut nicht abschließend geklärt. Am wahrscheinlichsten stammt es von Flughunden.
27. März
Am 27. März werden vier Erkrankungsfälle in der Hauptstadt Conakry an der Küste bestätigt. Die WHO warnt vor Reisen in die Region.
30. März: Erste Infizierte in Liberia
Es gibt die ersten Ebola-Infizierten im benachbarten Liberia. Das Land richtet eine nationale Taskforce ein in Zusammenarbeit mit der WHO, dem Internationalen Roten Kreuz und anderen Hilfsorganisationen. In Guinea ist die Zahl der Erkrankten auf 112 gestiegen, 70 Menschen sind gestorben.
April
Im April gibt es mehrere Verdachtsfälle in Sierra Leone und Mali, die aber nicht bestätigt werden. Die Zahl der Erkrankten in Guinea beträgt Ende April 224, 143 sind an der Infektion gestorben.
28. Mai: Ebola in Sierra Leone
In Sierra Leone gibt es die ersten bestätigten Ebola-Infektionen. Mehrere internationale und lokale Aktivitäten sollen die Situation unter Kontrolle bringen. Die WHO setzt ein Notfallteam vor Ort ein.
4. Juni
79 Krankheitsfälle in Sierra Leone, 328 in Guinea.
23. Juni: Die Situation ist "außer Kontrolle"
Ärzte ohne Grenzen warnt, die Situation sei außer Kontrolle. Seit Beginn der Epidemie gab es laut WHO 528 Infektionen und 337 Tote.
26. Juni
Die WHO fordert drastischere Maßnahmen und veröffentlicht aktuelle Zahlen: Seit Jahresbeginn gab es 635 Infektionen und 399 Tote.
1. Juli
759 Ebola-Kranke, 467 Tote.
2./3. Juli: WHO-Gipfel mit afrikanischen Gesundheitsministern
Sondergipfel im ghanaischen Accra mit den Gesundheitsministern aus elf Staaten.

cib/Reuters



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Seite 1
chalchiuhtlicue 24.07.2014
1.
Diese Meldungen über die große und steigende Anzahl von Ebola-Infektionen in Westafrika beunruhigen mich erheblich mehr, als jegliche Meldung über die Urkaine, auch wenn dieser Krisenherd näher liegt, als die Ebola-Erkrankungen. Eine Ebola-Infektion ist eine der tödlichsten Erkrankungen, die es auf diesem Planeten gibt, und gerade treten diese Infektionen in Staaten auf, die zu den "least developed countries" gehören, also den Staaten, denen es wirtschaftlich und sozial am schlechtesten geht. Dies bedeutet, das genau diese Staaten keinerlei brauchbare medizinische Infrastruktur haben und somit vermutlich weder die Mittel noch Strategien bestizen, Ebola-Epidemien effektiv einzudämmen. Hinzu kommen durch Bestattungsriten drastisch erhöhte Infektionsraten. Glücklicherweise ist es aber gerade die schlechte Infrastruktur, die dann wiederrum der Ausbreitung der Krankheit etwas Einhalt gebietet, weil dort Erkrankte nicht so schnell und so einfach von A nach B reisen könne wie bei uns. Aber die Weltpolitik sollte mal etwas mehr Augenmerk auf diese Epidemie legen, bevor sie zu einem Problem wird, das sich über das derzeitige Ausbreitungsgebiet ausdehnt.
Emmi 24.07.2014
2. Möglicherweise schon zu spät...
Zitat von chalchiuhtlicueDiese Meldungen über die große und steigende Anzahl von Ebola-Infektionen in Westafrika beunruhigen mich erheblich mehr, als jegliche Meldung über die Urkaine, auch wenn dieser Krisenherd näher liegt, als die Ebola-Erkrankungen. Eine Ebola-Infektion ist eine der tödlichsten Erkrankungen, die es auf diesem Planeten gibt, und gerade treten diese Infektionen in Staaten auf, die zu den "least developed countries" gehören, also den Staaten, denen es wirtschaftlich und sozial am schlechtesten geht. Dies bedeutet, das genau diese Staaten keinerlei brauchbare medizinische Infrastruktur haben und somit vermutlich weder die Mittel noch Strategien bestizen, Ebola-Epidemien effektiv einzudämmen. Hinzu kommen durch Bestattungsriten drastisch erhöhte Infektionsraten. Glücklicherweise ist es aber gerade die schlechte Infrastruktur, die dann wiederrum der Ausbreitung der Krankheit etwas Einhalt gebietet, weil dort Erkrankte nicht so schnell und so einfach von A nach B reisen könne wie bei uns. Aber die Weltpolitik sollte mal etwas mehr Augenmerk auf diese Epidemie legen, bevor sie zu einem Problem wird, das sich über das derzeitige Ausbreitungsgebiet ausdehnt.
Wenn Ebola jetzt in Lagos/Nigeria (10 Mio/155 Mio. Ew.) angekommen ist, und einige von den 30 Personen, mit denen der evtl. Erkrankte Kontakt hatte, das Virus schon weitergegeben haben, dann Gute Nacht. Dann steht das Virus vor dem Sprung in die große, weite Welt. Aber bis Regierungen begreifen, was los ist, ist wahrscheinlich alles zu spät...
steellynx 24.07.2014
3.
Das Argument mit der schlechten Infrastruktur gilt allerdings nur solange, wie Ebola sich auf ländliche Gegenden beschränkt. Nun scheint es in einer Millionenstadt angekommen zu sein. Wenn es dort einmal richtig Fuß fasst und nicht unter Kontrolle zu bringen ist... nun, es gibt in Lagos einen Flughafen. Es gibt dort auch viele wohlhabendere Menschen, die sich Autos, Flug- und Seereisen leisten können. Ich bin sicherlich niemand der Panikmache betreiben will, aber ich bin ebenfalls der Meinung, daß dieses Thema noch deutlich höher zu priorisieren ist als der Abschuss von MH17.
fresigo 24.07.2014
4. Hallo Frau Merkel? Hr. Gröhe?
Interessiert jemanden in der Politik dieses Thema überhaupt oder muss man wirklich Virologe sein, um zu begreifen, wie gefährlich das ist? Ich sehe bisher nicht, dass dem Thema die notwendige Aufmerksamkeit entgegengebracht wird und das ärgert mich dieses mal nicht, sondern macht mir Angst.
einmalmehrnixgesagt 24.07.2014
5.
Die Mobilität ist trotz schlechterer Infrastruktur sehr hoch in Westafrika. Die Straßen sind meist schlechter, aber man kommt mit vollen Bussen und überfüllten Minibussen nicht nur in nahezu jedes Dorf, sondern auch mit vielen Menschen in Kontakt. Familien und der familiäre Zusammenhalt sind (meist) größer. Oft wird aus der Stadt ins Village (Dorf) gefahren, um die Familie zu besuchen. Die nationalen Grenzen sind ein Konstrukt aus der Kolonialzeit, die Grenzen sind durchlässig, ein und dieselbe Bevölkerungsgruppe mit derselben (Mutter-)-Sprache ist durch eine "künstliche Grenze getrennt", die aber stets überschritten wird.Die medizinische Versorgung wurde ja bereits erwähnt (meist nicht so gut, häufig werden auch Schamanen besucht, statt Medizinier).Prinzipiell ein Nährboden für eine unbeschreibliche Ausbreitung - ein Wunder, dass es bisher so "wenig" Infizierte gab (wenn man es z.B. mit der Ausbreitung einer Grippe vergleicht).
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