Ebola-Epidemie in Westafrika Die illusorische Rettung für alle

Beim Ebola-Ausbruch in Westafrika hoffen viele auf das unerprobte Mittel ZMapp. Doch die Vorräte des Serums sind erschöpft. Auch von anderen experimentellen Mitteln gibt es nur wenig. Wer bekommt sie zuerst?
Von Cinthia Briseño
Helfer bergen ein Ebola-Opfer in Monrovia: Für etwa die Hälfte der Infizierten kommt jede Hilfe zu spät

Helfer bergen ein Ebola-Opfer in Monrovia: Für etwa die Hälfte der Infizierten kommt jede Hilfe zu spät

Foto: AP/dpa

Zwei Helfer aus den USA infizieren sich in Liberia mit Ebola. Sie erhalten das Serum ZMapp, einen Antikörper-Cocktail gegen die Viren, der zuvor nur an Affen getestet wurde. Beide Patienten werden Anfang August in die USA ausgeflogen und im Emory University Hospital in Atlanta weiter behandelt. Am 8. August veröffentlicht Kent Brantly, der Arzt, der für die Hilfsorganisation Samaritan's Purse in Westafrika war, einen offenen Brief aus der Isolierstation: "Ich fühle mich von Tag zu Tag besser." Auch die Missionarin Nancy Writebol ist inzwischen anscheinend auf dem Wege der Besserung.

Hat ZMapp beiden das Leben gerettet?

Ein Geistlicher aus Spanien infiziert sich ebenfalls in Liberia mit Ebola. Auch er wird Anfang August in sein Heimatland ausgeflogen und im Hospital Carlos III de Madrid mit dem Serum behandelt. Doch Miguel Pajares überlebt die Infektion nicht. Am Dienstag stirbt der 75-Jährige in der Isolierstation der Klinik.

Ist ZMapp doch wirkungslos?

Diese Fragen, sie werden kaum zu beantworten sein: Möglicherweise war Pajares' Immunsystem wegen anderer Vorerkrankungen zu geschwächt, und er hatte ohnehin keine Chance im Kampf gegen das Ebola-Virus. Oder er bekam das Serum zu spät verabreicht. Der 33-jährige Kent Brantly und die 59-jährige Nancy Writebol hätten vielleicht auch ohne ZMapp und dank der guten Versorgung im US-Krankenhaus die Infektion überstanden. Bisher sind ungefähr die Hälfte aller registrierten Ebola-Patienten an den Folgen der Infektion gestorben. Die andere Hälfte hat das Ebola-Fieber überlebt.

Am Dienstag hatte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Einsatz von nicht zugelassenen und bisher am Menschen unerprobten Medikamenten für ethisch vertretbar erklärt. So sinnvoll die Erklärung sein mag, und auch wenn die Mittel Menschenleben retten könnten: Den aktuellen Ebola-Ausbruch werden sie nur bedingt aufhalten. Im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus sind Schutzvorkehrungen, Hygiene, rasche Isolierung von Erkrankten und Aufklärung der Bevölkerung die effektivsten Maßnahmen.

In einer Telefonkonferenz sagte die stellvertretende WHO-Generalsekretärin Marie-Paule Kieny, es sei nicht die Zahl der Ebola-Opfer, die zu der außergewöhnlichen Position des Expertengremiums geführt hätte. "Sondern vielmehr die Tatsache, dass Vorsorgemaßnahmen und Infektionskontrollen bisher nicht helfen, den Ausbruch einzudämmen."

In der Tat ist es das erste Mal, dass das Ebola-Virus in dieser Region Afrikas auftaucht. Die Epidemie trifft die ärmsten Länder der Welt. Länder, in denen es um die Gesundheitsversorgung ohnehin schlecht bestellt ist und viele Menschen große Vorbehalte gegen die Medizin haben. Dort fürchten sich viele Menschen vor einer Behandlung im Krankenhaus und glauben entweder nicht an die Existenz von Ebola - oder sind gar davon überzeugt, das Virus werde absichtlich verbreitet.

Die Experten der WHO, aber auch Mediziner und Helfer vor Ort, stehen vor einer ethisch schwierigen Aufgabe. Welcher Ebola-Patient soll eines von den zur Verfügung stehenden nicht zugelassenen Mitteln bekommen? Nach welchen Kriterien werden die Betroffenen ausgewählt?

Bisher stehen drei Substanzen im Fokus. Eines ist der Antikörper-Cocktail Zmapp. Die verfügbaren Vorräte aber seien, wie die Firma Mapp Biopharmaceutical seit Dienstag auf ihrer Homepage erklärt , inzwischen erschöpft.

Eine weitere Substanz ist ein Mittel namens TKM-Ebola. Zudem gibt es einen noch nicht zugelassenen Impfstoff (mehr zu den Ebola-Mitteln siehe Kasten), der Helfer und Menschen in den gefährdeten Regionen vor einer Ansteckung schützen könnte. Doch auch hier stellt sich die Frage: Wem verabreicht man zuerst eine an Menschen noch nicht getestete Impfung - den Helfern oder der Bevölkerung?

POTENZIELLE MITTEL GEGEN EBOLA

Ebenso gilt es noch zu klären, was geschieht, wenn es bei der Gabe der Substanzen zu schweren Nebenwirkungen kommt. Wie die WHO inzwischen bestätigt hat, habe man auch bei dem an Ebola verstorbenen Arzt Sheik Umar Khan aus Sierra Leone überlegt, ihm das Serum ZMapp zu spritzen.

In einem Artikel der "New York Times"  heißt es, die Ärzte hätten eine Nacht lang überlegt und sich schließlich dagegen entschieden - aus Angst, Khan, der in Sierra Leone als Held gefeiert wird, könnte an unerwarteten schweren Nebenwirkungen sterben. Vermutlich hätte das die Ängste der Menschen in Sierra Leone weiter geschürt und sie mehr denn je davon abgehalten, sich in medizinische Betreuung zu begeben. Alhajie Khan, der Bruder des Arztes, dagegen glaubt, es sei eine politische Entscheidung gewesen. "Warum sollte man ihm das Serum nicht geben? Ihm, der all diesen Menschen geholfen hat?"

Ein Afrikaner hätte der erste sein können, dem ein möglicherweise lebensrettendes Serum verabreicht wurde. Stattdessen aber waren es zwei Amerikaner. "Ich glaube nicht, dass es eine gerechte Verteilung von etwas geben kann, das es nur in diesen geringen Mengen gibt", sagte auch Marie-Paul Kieny bei der WHO-Telefonkonferenz. Die WHO selbst habe keine Befugnis zu entscheiden, wer welches Mittel als erstes erhält.

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Foto: AP/dpa/CDC

Am Montag hatte die Regierung in Liberia die Zusage aus den USA erhalten, zwei infizierte Ärzte mit ZMapp behandeln zu können. Das Serum soll am Mittwoch per Flugzeug in die Hauptstadt Monrovia gebracht worden sein. Auch Nigeria hat inzwischen um eine Lieferung gebeten. Die Antwort aus den USA dazu steht aber bisher aus. Bis Mapp Biopharmaceutical wieder Serum liefern könne, werde es Monate dauern, sagte ein Firmensprecher dem US-Sender CNN. Derweil hat das kanadische Gesundheitsministerium angekündigt, 800 bis 1000 Dosen eines ungetesteten Impfstoffs zur Verfügung zu stellen. Zehn Dosen seien bereits auf Anforderung der WHO und der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen an ein Krankenhaus in Genf versandt worden. Demnach stammt die Vakzine mit der Bezeichnung VSV-EBOV aus einem staatlichen Forschungsprogramm.

Voraussichtlich sollen Ärzte und Krankenpfleger zuerst damit behandelt werden.

Mit Material von dpa
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