Ebola-Infizierter in den USA Was geschah vor Dienstag, dem 30. September?

In den USA ist erstmals ein Mann mit Ebola diagnostiziert worden. Möglicherweise hat er andere Personen angesteckt. Jetzt wird sein Krankheitsverlauf akribisch nachgezeichnet - besonders wichtig ist ein Zeitraum von vier Tagen.

DPA/ CDC

Von Cinthia Briseño


Freitag, 19. September: Ein Mann in Liberia beginnt seine Reise in die USA. Irgendwann in den Tagen zuvor hat er sich mit Ebola infiziert. Noch aber ist der Mann gesund. Bei der Ausreisekontrolle wird kein Fieber festgestellt, der Mann steigt in den Flieger.

Samstag, 20. September: Der Mann kommt in Dallas im Bundesstaat Texas an, um seine Familie zu besuchen. Noch immer fühlt er sich gut. Niemand ahnt, dass er das Ebolavirus in sich trägt. Weil er keine Symptome hat, kann er andere Menschen aber auch nicht anstecken.

Mittwoch, 24. September: Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Der Mann beginnt, sich krank zu fühlen.

Freitag, 26. September: Weil es ihm schlechter geht, sucht der Mann ärztliche Hilfe auf. Doch die Symptome sind unspezifisch. Viele Infektionskrankheiten beginnen mit Beschwerden wie Schüttelfrost, Fieber oder Übelkeit. Und bei vielen Infektionskrankheiten hilft vor allem eines: Sich ins Bett legen, genügend Flüssigkeit zu sich nehmen und das Immunsystem seine Arbeit verrichten lassen. Der Mann wird wieder nach Hause geschickt.

Sonntag, 28. September: Dem Mann geht es so schlecht, dass er in das Texas Health Presbyterian Hospital in Dallas eingeliefert wird. Nachdem feststeht, dass er zuvor in der Ebola-Region Liberia war, wird der Mann mit Verdacht auf Ebola auf eine Isolierstation verlegt. Die US-Seuchenschutzbehörde Centers for Disease Control (CDC) ordnet einen Bluttest an.

Dienstag, 30. September: Tests in einem staatlichen Labor in Texas sowie bei der CDC liefern einen eindeutigen Befund: Der Mann hat sich mit Ebola infiziert. Am Dienstagabend hält die CDC eine Pressekonferenz ab und informiert die Öffentlichkeit über den Fall (hier lesen Sie die Pressemitteilung der CDC).

Es ist der erste offiziell bestätigte Ebola-Fall seit Ausbruch der Epidemie in Westafrika, der jenseits des afrikanischen Kontinents aufgetaucht und diagnostiziert worden ist. Ein Fall, der viele Amerikaner verunsichert und Fragen aufwirft: Hat der Mann weitere Menschen angesteckt? Kann sich Ebola jetzt auch in den USA ausbreiten? Was wird getan, um das zu verhindern?

Die meisten Experten sind überzeugt: Das Ebolavirus wird Länder wie die USA vor keine größeren Probleme stellen.

Für viele Wissenschaftler war es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis aufgrund von Flugreisen die ersten Ebola-Fälle auch jenseits Afrikas auftreten würden. Thomas Frieden, Chef der US-Seuchenschutzbehörde, betonte bei der Pressekonferenz, die CDC bereite sich schon länger darauf vor. Auch Edward Goodman, Epidemiologe an der Klinik in Dallas, sagte, man habe einen Plan in der Schublade gehabt, wie man bei einem möglichen Ebola-Verdacht handeln sollte.

Kritisch für die Behörden, die sich jetzt mit dem Fall befassen, sind jene Tage, in denen der Mann schon Symptome hatte, ohne zu wissen, dass es sich um Ebola handelt - also die Tage vom Mittwoch, 24. September, bis zum Sonntag, 28. September. Die Experten werden den Mann intensiv befragen: Wann genau haben die Symptome begonnen? Wo hat er sich in der Zeit danach aufgehalten? Wem ist er begegnet? Wem hat er die Hand gegeben, wer hat ihn berührt oder etwa umarmt? Wer hat ihn gepflegt und wie nahe ist er ihm dabei gekommen?

Ebola wird nicht über die Luft übertragen. Man steckt sich also nicht an, wenn man sich mit einem Ebola-Kranken im gleichen Raum aufhält, sondern kann sich ausschließlich über direkten Körperkontakt infizieren. Oder wenn man die Körperflüssigkeiten wie Schweiß, Speichel, Urin oder Erbrochenes eines Infizierten berührt und sich anschließend zum Beispiel das Auge reibt.

Der Mann kann andere in den USA infiziert haben

"Es ist nicht unmöglich, dass es in den nächsten Wochen weitere Ebola-Fälle geben wird bei Menschen, die mit dem US-Patienten in Verbindung standen", sagte Frieden und verbreitete die Aussage auch über Twitter. "Aber ich bin zuversichtlich, dass wir sie unter Kontrolle haben werden."

Die Behörden haben bereits mit den Untersuchungen begonnen, ihren Erkenntnissen zufolge handelt es sich um "eine Handvoll" Menschen, mit denen der Ebola-Patient in der fraglichen Zeit Kontakt hatte. Für die Experten gilt es nun, diese Personen ausfindig zu machen und sie drei Wochen lang streng zu beobachten und möglicherweise zu isolieren. Vom Zeitpunkt der Ansteckung dauert es mindestens zwei und maximal 21 Tage, bis das Ebolafieber ausbricht (die wichtigsten Fakten zu Ebola lesen Sie hier).

Zeigen die Kontaktpersonen bis dahin keine Anzeichen von Fieber, Kopfschmerzen oder anderen Symptomen, wäre Ebola in den USA eingedämmt. Stellt man bei den Kontaktpersonen ebenfalls Anzeichen des Ebolafiebers fest, müsste man wiederum deren Kontaktpersonen ausfindig machen und beobachten.

Obgleich die CDC sehr offensiv mit dem Fall umgeht, blieben bei der Pressekonferenz einige Fragen unbeantwortet, wie "Scienceinsider" schreibt: Welcher Arzt hatte den Patienten zum ersten Mal behandelt und warum wurde der Mann nicht schon am Freitag, 26. September, zu einem Ebola-Verdachtsfall erklärt? Wie viele Ärzte oder Pfleger hatten Kontakt mit dem Mann, bevor er auf die Isolierstation verlegt wurde? Gerade für medizinisches Personal ist die Ansteckungsgefahr hoch, weil es Patienten häufig berührt. Werden die Kontaktpersonen derzeit ebenfalls isoliert?

Aktualisierung: Am Mittwochnachmittag (Mittwochmorgen Ortszeit) gaben die Behörden in Dallas bekannt, dass die drei Mitglieder der Besatzung des Rettungswagens, in dem der Patient in das Krankenhaus gebracht wurde, negativ auf Ebola getestet wurden. Für die nächsten 21 Tage stünden sie aber unter Quarantäne. Über Twitter teilten die Behörden zudem mit, es gebe keine weiteren Verdachtsfälle in Texas.

Trotz der noch offenen Fragen zeigt der Ebola-Fall aus Nigeria, dass eine größere Ausbreitung in den USA eher unwahrscheinlich und Panik unangemessen ist: Ende Juli war ein Ebola-Infizierter von Liberia aus in die nigerianische Millionenstadt Lagos gereist. Am Flughafen brach er zusammen und starb fünf Tage später. Infolge dessen kam es zu insgesamt 20 bestätigten Ebola-Fällen in dem Land, acht Menschen starben. Im Gegensatz zum Patienten in den USA hatte der Mann aus Nigeria aber bereits Symptome, als er einreiste. In Nigeria gilt der Ausbruch inzwischen als eingedämmt. Seit Mitte September hat es keine neuen Ebola-Infektionen gegeben.

Anders ist die Lage weiterhin in Liberia, Sierra Leone und Guinea. Dort wird die Ebola-Epidemie vermutlich noch Wochen oder gar Monate andauern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hatte gestanden, dass Lagos die Hauptstadt von Nigeria sei. Das ist falsch, wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
kimba_2014 01.10.2014
1.
Kein EBOLA ist Illegal! Wir brauchen eine Willkommenskultur für EBOLA! Man muß differenzieren zwischen gemäßigtem und radikalem EBOLA.
hubie 01.10.2014
2. Schuss ins eigene Bein vor Gleichgültigkeit
Solange in Deutschland kein Ebola ist, scheint es der Regierung relativ egal zu sein, das "menschenfreundliche" Image wird mit einer halbherzigen Bundeswehr Hilfsaktion gemanaged und aufrechterhalten. Wenn die "Kacke" erstmal am dampfen ist, dann wird auch hier deutlich mehr dafür getan, dass Europa und Deutschland nicht auch Opfer von Ebola werden. Schäbig, aber wohl politisches Tagesgeschäft. Klar, wir haben auch nicht Geld für "alles", aber zuzusehen wie dort Menschen vor verschlossenen Toren überfüllter Aufnahmestationen sterben, das ist einfach nur abartig. Zumindest finanziell müsste man mehr tun, auch aus Eigenschutz und Menschlichkeit heraus. Ich erwarte von niemandem, dass er Leib und Leben mit einem Einsatz vor Ort in Gefahr bringt. Gott sei Dank gibt es viele Mutige, die das trotzdem tun. Hut ab.
evolution2.0 01.10.2014
3.
Das wird die Seuche dann endlich eindämmen.US Bürger sind um ein Vielfaches wichtiger als Afrikaner.
regensommer 01.10.2014
4.
Es wird lediglich eine Frage der Zeit sein bis jemand mit Ebola auf Grund fehlender Krankenversicherung nicht ins Krankenhaus geht. Bin ja gespannt ob dem Mann aus Liberia eine Rechnung präsentiert wird.
glühfix 01.10.2014
5. bevor
jemand weiss, das er Ebola hat, kann er mehrere Tag andere Personen anstecken. Ich würde nicht neben demjenigen stehen wollen, wenn er in der vollen S-Bahn herzhaft niest oder hustet. Warum glauben alle, unsere hygienischen Standards wären über alle Zweifel erhaben? Dieser Zweckoptimismus scheint mir unnötig riskant...
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