Ebola-Komplikation Das ging ins Auge

Wochen nachdem er von seiner Ebola-Infektion geheilt ist, bekommt ein US-Mediziner plötzlich eine starke Entzündung im Auge. Tests zeigen: Die Krankheitserreger haben dort überdauert. Der Fallbericht.
Ebolavirus (gefärbte Aufnahme): Nach Wochen noch in der Flüssigkeit im Augeninneren

Ebolavirus (gefärbte Aufnahme): Nach Wochen noch in der Flüssigkeit im Augeninneren

Foto: Corbis

Als freiwilliger Helfer kannte der 43-jährige Arzt die Gefahr. Während er in einem Zentrum in Kenema, Sierra Leone, Ebola-Patienten behandelt, erhält er am 6. September 2014 selbst die Diagnose: Er hat sich mit dem gefährlichen Virus infiziert.

Der US-Amerikaner wird ausgeflogen, am Emory University Hospital in Atlanta kämpft ein Ärzteteam um das Leben des Kollegen. Die Organe des zuvor gesunden Mannes versagen, zwölf Tage lang unterstützen ihn Maschinen beim Atmen, 24 Tage lang waschen sie sein Blut. Dann übernimmt langsam wieder sein Körper die Kontrolle.

Die Krankheit zehrt weiter an dem 43-Jährigen, er ist ständig müde, Wörter wollen ihm nicht einfallen, das Gehen fällt ihm schwer. Nur langsam verbessert sich sein Zustand.

Als keine Blutwäsche mehr nötig ist, sein Kopf wieder klar und bei Blut- und Urintests keine Ebolaviren mehr gefunden werden, kann der Mann nach Hause gehen. Seit dem Beginn der Beschwerden sind mehr als sechs Wochen vergangen.

Zu diesem Zeitpunkt denken die Ärzte, Ebolaviren können dem Mann nicht mehr schaden. Wer einmal eine Infektion durchstanden hat, gilt als immun. Wochen später zeigt sich jedoch, dass in mindestens einem Bereich des Körpers schädliche Viren zurückgeblieben sind: im Auge.

Plötzlich braucht er eine Lesebrille

Seine Augen brennen bereits kurz nach seiner Entlassung immer wieder. Er reagiert empfindlich auf Licht und hat manchmal das Gefühl, als würde sich ein Fremdkörper im Auge befinden, beschreiben seine behandelnden Ärzte die Geschichte des Patienten im "New England Journal of Medicine" . Seine Sehkraft verschlechtert sich.

Als der Arzt zehn Wochen nach dem Beginn der Erkrankung in der Klinik um ein Rezept für eine Lesebrille bittet, werden die Ärzte stutzig. Denn vor der Infektion war der Mann nur kurzsichtig. Sie überweisen ihn in die Augenklinik des Emory University Hospital, wo die Ärzte Entzündungen im Augeninneren feststellen, eine häufige Spätfolge von Ebola.

Zu diesem Zeitpunkt beschließen die Mediziner, ihren Patienten erst einmal weiter zu beobachten. Einen Monat später - mittlerweile liegt die Ebola-Diagnose mehr als drei Monate zurück - erscheint der 43-Jährige erneut in der Klinik. Er hat starke Beschwerden, aber nur noch am linken Auge.

Es hat sich gerötet und schmerzt. Er sieht nur noch verschwommen und ist lichtscheu. Die Mediziner erkennen schnell, wie ernst die Lage ist: Sein Augeninnendruck ist stark angestiegen, sein komplettes Augeninneres ist entzündet - Ärzte sprechen von einer Panuveitis. Die Sehfähigkeit schwindet.

170 Mikroliter ins Speziallabor

Die Mediziner entnehmen Flüssigkeit aus den Augen. Verpackt in zwei Tüten gelangen die 170 Mikroliter in ein Speziallabor, wo sich der Verdacht bestätigt: Wochen nachdem die Krankheit als geheilt galt, ist das linke Auge mit Ebolaviren infiziert. Die Labormitarbeiter finden große Mengen vermehrungsfähiger Krankheitserreger - zum Glück nur im Augeninneren und nicht im Blut, der Tränenflüssigkeit oder auf der Bindehaut.

Der Mann ist zwar infiziert, aber nicht ansteckend. Dennoch geben die Ergebnisse Anlass zur Sorge: Auch wenn die Forscher nicht wissen, wie die Viren die Entzündung ausgelöst haben, gehen sie stark von einem Zusammenhang aus. Der Innenraum des Auges zählt, wie etwa die Hoden und das Gehirn, zu den sogenannten immunprivilegierten Bereichen. Das Immunsystem ist dort heruntergeregelt, um das empfindliche Gewebe nicht zu gefährden.

Die Entdeckung zeigt, wie viel über das Virus noch nicht bekannt ist. Kann Ebola auch in anderen immunprivilegierten Orten länger überdauern? Das müssen weitere Studien klären. In der Samenflüssigkeit jedenfalls lässt sich das Virus oft noch Wochen nach Abklingen der Symptome nachweisen, so auch bei dem 43-Jährigen. Und Beobachtungen in Westafrika zeigen: Viele der Überlebenden entwickeln Sehstörungen.

Das Schlimmste können die US-Mediziner bei ihrem Patienten abwenden. Drei Monate nach Beginn der Entzündungen im Auge verbessert sich seine Sehkraft immer mehr. Und nicht nur das: Durch die Erkrankung war sein linkes Auge monatelang grün verfärbt, wie auf einem Bild in der "New York Times"  zu sehen ist. Nach der Genesung gewinnt es überraschend sein strahlendes Blau zurück.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, das erkrankte Auge des Arztes sei noch immer grün verfärbt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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