Ebola WHO hält Einsatz unerprobter Medikamente für vertretbar

Die Ebola-Epidemie ist außer Kontrolle, zugelassene Medikamente fehlen. Jetzt hat sich die WHO für den Einsatz unerprobter Mittel ausgesprochen. Wirkung und Nebenwirkungen der Arzneien sind ungewiss.
Helfer in Sierra Leone: Die Kleidung schützt ihn davor, sich bei der Behandlung eventuell Infizierter selbst anzustecken

Helfer in Sierra Leone: Die Kleidung schützt ihn davor, sich bei der Behandlung eventuell Infizierter selbst anzustecken

Foto: Michael Duff/ AP/dpa

Genf - Noch immer sind Ärzte und Helfer in Westafrika weitestgehend hilflos: Sie haben kein Mittel, weder Impfung noch Medikament, mit dem sich die grassierende Ebola-Seuche bekämpfen ließe. Allein Schutzvorkehrungen, Reisebeschränkungen sowie die Isolierung der Patienten eignen sich derzeit, um die weitere Ausbreitung des tödlichen Virus zu stoppen.

Doch es gibt einige wissenschaftliche Fortschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen und Therapien gegen Ebola. Das Problem: Die Substanzen befinden sich offiziell noch im Tierversuchsstadium. Lediglich eine Handvoll Patienten, darunter zwei Missionare aus den USA und ein Geistlicher aus Spanien, haben in experimentellen Versuchen Dosen des nicht zugelassenen Antikörper-Cocktails ZMapp erhalten. Die vorhandenen Mengen des Serums sollen nun auch nach Liberia geschickt werden.

Der Einsatz solcher Mittel stellt Experten vor ein Dillemma: Welche Patienten sollen die Medikamente erhalten? Und welche Risiken birgt ihre Anwendung?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat jetzt dazu eine Entscheidung getroffen und diese am Dienstag nach Konsultationen mit Medizin-Ethikern in Genf bekannt gegeben: Der Einsatz nicht zugelassener Medikamente sei angesichts der grassierenden Epidemie in Westafrika vertretbar, heißt es in einer Erklärung der WHO . "Das Expertengremium hat Konsens darüber erzielt, dass es ethisch ist, unter den besonderen Umständen dieses Ausbruchs sowie unter Einhaltung bestimmter Bedingungen unerprobte Mittel mit bisher unbekannten Nebenwirkungen als potenzielle Therapie oder zur Vorbeugung anzubieten."

In jedem Fall müssten ethische Vorgaben eingehalten werden, erklärten die WHO-Experten. Dazu gehöre Transparenz bei allen Aspekten der Behandlung der Patienten ebenso wie deren auf seriösen Informationen beruhendes Einverständnis, die ärztliche Schweigepflicht gegenüber Dritten und die Respektierung der Würde der Patienten.

Wirkt ZMapp?

Bereits vor der WHO-Entscheidung hatte das Präsidialamt in Monrovia bekannt gegeben, dass Liberia als erstes afrikanisches Land das Präparat ZMapp einsetzen will. Mehrere Dosen des Medikaments sollten demnach noch in dieser Woche nach Liberia gebracht und für erkrankte Ärzte verwendet werden.

Ob ZMapp tatsächlich wirkt, ist derzeit noch völlig ungewiss. Während die US-Helfer auf dem Weg der Besserung sein sollen, starb der in Spanien behandelte Patient am Dienstag in Madrid. Der 75-jährige Geistliche hatte sich in Liberia infiziert und war als erster Ebola-Patient zur Behandlung nach Europa gebracht worden. Um wirklich sicher zu sein, wie gut oder schlecht das Serum den Ebola-Patienten hilft, lässt sich unter diesen Bedingungen nicht sagen. Dafür wären kontrollierte Studien notwendig.

Zudem ist völlig unklar, welche Nebenwirkungen die Medikamente beim Menschen haben können. Der britische Virologe Jonathan Ball warnte vor den Risiken einer Anwendung nicht vollends erforschter Medikamente im Kampf gegen Ebola. "Man kann sicher nicht definitiv sagen, dass etwas, das bei Tieren funktioniert und sicher ist, auch bei Menschen funktioniert und sicher ist", sagte der Wissenschaftler von der Universität Nottingham am Dienstag.

"60-Prozent-Wahrscheinlichkeit, dass man stirbt"

Die Entscheidung der WHO, so Ball, könne auch dazu führen, dass Misstrauen unter afrikanischen Ländern geschürt werde. Gleichwohl zeigte er Verständnis für die Entscheidung: "Wenn man sich den Fakt vor Augen führt, dass es eine 60-Prozent-Wahrscheinlichkeit gibt, dass man an einer Ebola-Infektion stirbt, kann man verstehen, wie man zu der Entscheidung gekommen ist." Das Vorgehen der WHO erschwere aber auch den Fortschritt klinischer Studien. "Es macht mich besorgt, dass wir am Ende vielleicht nicht gescheiter sind als jetzt", betonte Ball.

Es sei wichtig, die Verwendung der Präparate in klinische Studien einzubetten, um gesicherte Ergebnisse zu Nutzen und Nebenwirkungen zu bekommen, sagte auch sein Kollege Tom Solomon, Direktor des Instituts für Infektionen an der Universität Liverpool. Ärzte nutzten eingeführte Medikamente häufiger auf experimenteller Basis für andere Krankheiten als eigentlich vorgesehen. "Der Unterschied ist, dass diese neuen Medikamente überhaupt noch nicht evaluiert sind."

Unterdessen bestätigte sich beim deutschen Studenten, der in Ruanda in Behandlung war, der Verdacht auf Ebola nicht. "Der Test des Ebola-Verdachtsfalls ist negativ. Es gibt kein Ebola in Ruanda", teilte das Gesundheitsministerium des ostafrikanischen Landes mit. Bei der Krankheit des Studenten handelte sich - wie bei vielen Verdachtsfällen bisher - um Malaria. Der Mann war nach einem Aufenthalt in Liberia mit Symptomen wie Fieber zurückgekehrt, die auch bei Ebola auftreten, und in einem Krankenhaus der Hauptstadt Kigali isoliert worden.

Nach Angaben der WHO sind beim aktuellen Ebola-Ausbruch bisher 1013 Menschen gestorben, 1848 Menschen haben sich mit dem Virus infiziert.

cib/dpa