Arzt-Patient-Verhältnis "Menschen werden in Angst gehalten"

Der Placebo-Effekt ist mehr als Esoterik. Arzt, Kabarettist und Buchautor Eckart von Hirschhausen erklärt, wie der Glaube an eine Therapie Patienten helfen kann und was Mediziner noch lernen müssen.

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Zur Person
  • Michael Zargarinejad
    Dr. med. Eckart von Hirschhausen ist Jahrgang 1967 und lebt in Berlin. Er studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über 20 Jahren arbeitet er als Komiker, Autor und Fernsehmoderator. Sein Buch "Wunder wirken Wunder: Wie Medizin und Magie uns heilen" steht seit Erscheinen auf Platz 1 der SPIEGEL Bestsellerliste.

SPIEGEL ONLINE: Herr von Hirschhausen, was nutzt Patienten der Glaube an eine Behandlungsmethode?

Hirschhausen: Viel mehr als sich die meisten vorstellen können. Menschen, die sich von ihrem Arzt gut beraten fühlen und vom Therapiekonzept überzeugt sind, haben deutlich bessere Chancen auf Besserung. Der Placebo-Effekt ist mehr als Einbildung, er führt zu biochemisch messbaren Veränderungen im Körper.

SPIEGEL ONLINE: Patienten haben aber oft das Gefühl, dass ihr Arzt keine Zeit für sie hat. Werden da Heilungschancen vertan?

Hirschhausen: Ärzte nutzen den Placebo-Effekt bislang viel zu wenig. In Deutschland gibt es zwar exzellente Placeboforscher, aber in der Ausbildung der Ärzte sind deren Erkenntnisse noch kein Thema. In jedem Lehrbuch für Pharmakologie sollte ein großes Kapitel darlegen, dass 30 bis 40 Prozent der Medikamentenwirkung von den begleitenden Worten abhängt. Medizinstudenten sollten nicht nur Biochemie pauken, sondern auch lernen, wie ihre Haltung und ihre Persönlichkeit auf den Patienten wirken und damit den Heilerfolg beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Einfühlsame Ärzte stellen oftmals auch genauere Diagnosen.

Hirschhausen: Gute Ärzte wissen, dass sie ihren Patienten als Erstes genau zuhören müssen. Aber ich erlebe reihum in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, dass Menschen durch Arztbesuche maßgeblich verunsichert werden. Da wird irgendein unsinniger Befund erhoben, der abgeklärt werden muss. Über Wochen werden Menschen in Angst gehalten. Manche Ärzte konzentrieren sich auf Prozeduren, die sich schnell und am besten noch von Hilfspersonal erledigen und gut abrechnen lassen. Dabei ist die Aufgabe des Arztes doch, den Menschen zu helfen, gesünder mit sich umzugehen und Krankheiten zu vermeiden oder zu lindern.

SPIEGEL ONLINE: Die Forderung, Ärzte sollten den Patienten besser zuhören und mit ihnen reden, wird schon länger erhoben. Sehen Sie denn Zeichen der Besserung?

Hirschhausen: Ja. Ich wäre ja ein schlechter Arzt, wenn ich in diesem Interview keine Hoffnung versprühen würde. Zum einen soll in einer für 2020 angekündigten Reform des Medizinstudiums die kommunikative Kompetenz eine größere Rolle spielen. Zum anderen werden die Patienten mündiger, weil sie sich im Internet informieren können.

SPIEGEL ONLINE: Aber da steht auch viel Unsinn.

Hirschhausen: In der Tat! Das Recherchieren im Netz führt auch zur Verunsicherung und zur Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Medizin. Wenn Sie "impfen" googeln, dann tauchen, neben seriösen Quellen wie dem Robert Koch-Institut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, prominent Seiten der obskuren Impfgegner auf. Die Gesundheitskompetenz liegt in Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das verbessern?

Hirschhausen: Es gibt einen Vorschlag von Klaus Koch von "gesundheitsinformation.de" und mir, der inzwischen vom Gesundheitsministerium aufgegriffen wurde: die Suchmaschine der Vernunft. Es sollte im Internet eine Startseite für verständliche Gesundheitsinformationen geben, die auf seriöse Seiten verlinkt und öffentlich und werbefrei finanziert ist. Viele Millionen Menschen wissen nicht, an welchen Arzt man sich mit welchen Beschwerden wendet, was ein Notfall ist und was nicht, wie man einen Beipackzettel liest oder sich für eine von mehreren Behandlungsmöglichkeiten entscheidet. Je länger ich den Betrieb im Auge habe, desto klarer wird mir, dass gegen die großen Themen Übergewicht, Diabetes, Rückenschmerz, Depression, Alzheimer kaum etwas besser wirkt als Bildung und Bewegung.

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Eckart von Hirschhausen:
Wunder wirken Wunder

Rowohlt Verlag; 496 Seiten; 19,95 Euro

SPIEGEL ONLINE: Sie erhalten durch Ihre Bekanntheit Tausende Anfragen von Patienten. Was lernen Sie aus deren Geschichten?

Hirschhausen: Wie groß das Bedürfnis nach verständlichen und im besten Fall auch unterhaltsam vermittelten Informationen ist. Nachdem wir in meiner Sendung "Hirschhausens Quiz des Menschen" gezeigt hatten, wie einfach Herzdruckmassage geht, meldeten sich mehrere Zuschauer, weil sie sich getraut hatten, jemanden zu reanimieren. Wenn einer ohne Atmung auf dem Boden liegt, sollte man erst die 112 rufen und dann feste 100 Mal pro Minute auf den Brustkorb drücken. Das kann Leben retten.

SPIEGEL ONLINE: Noch immer entscheidet vor allem die Abiturnote, wer Medizin studieren darf. Werden die falschen Leute Arzt?

Hirschhausen: Medizin ist mehr als Wissen, es ist Heilkunst. Ärzte sollten dem Patienten auf Augenhöhe begegnen, empathisch und kommunikativ sein. Diese Fähigkeiten drücken sich nicht allein in der Abinote aus. Damit will ich natürlich nicht den Leuten, die ein gutes Abi machen, in den Rücken fallen. Ich finde es aber gut, dass es Studienplätze gibt, über die nach einem Auswahlgespräch entschieden wird. Das dürften noch mehr sein. Wenn ich an meine Semestertruppe zurückdenke, gab es da gefühlt zwanzig Prozent, die ich nicht gerne in meiner Nähe hätte, wenn ich krank bin. Ich hoffe, die sind alle Grundlagenforscher geworden.


DER SPIEGEL live in der Uni mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Am 13. Februar 2017 um 18.00 Uhr Hörsaal 1, Gebäude 35/ Anatomie, Joseph-Stelzmann-Straße, 50931 Köln



insgesamt 79 Beiträge
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Seite 1
Lars65 13.02.2017
1. Hirschhausen und die Verantwortung
Der Herr Hirschhausen ist ein sehr sympathischer Mensch. Aber er hat sich sehr früh entschieden, lieber keinerlei Verantwortung zu tragen. Lieber humorvolle Bücher schreiben und über das Arzt-Patienten Verhältnis schwadronieren. Selber nie am Patienten gearbeitet und keine Ahnung von den derzeitigen Verhältnissen im Deutschen Gesundheitswesen. Apropos: Die von Bertelsmann gewollte Konzernmedizin hat mit Sicherheit nichts mit dem positiven Arzt-Patienten Verhältnis zu tun, daß Herr Hirschhausen hier empfiehlt. Einfach mal Hirschhausen und Bertelsmann googeln. Schon erstaunlich, sich da anzudienen und gleichzeitig ein sehr persönliches Arzt-Patienten Verhältnis postulieren.
spon_2316845 13.02.2017
2. Und täglich Grüsst das Murmeltier
Ich kann es nicht mehr hören, dass im Internet so viele falsche Informationen stehen. Als on auf Papier früher nicht auch viel Unsinn gedruckt wurde. Wer Esoterik statt Naturwissenschaft sucht, der findet sie auch in Buchform. Aber es geht nicht alleine um den offensichtlichen Unsinn. Seit ich zur Schule gegangen bin ist etwa die Hälfte dessen, was ich dort gelernt habe überholt. Nicht einmal die Rechtschreibung ist die Gleiche geblieben. Ich hielt mich einmal für so gut wie tot, weil ich einen Krebs an mir entdeckt hatte und noch die Zahlen aus den 70er Jahren im Kopf hatte. Damals starb man an dem Krebs noch zu 90%. Ich war dann sehr froh, dass mich das Internet schnell eines Besseren belehrt hatte. Aber daran, dass man eben auch beim Internet lernen muss, wie man damit umgeht, das führt kein Weg daran vorbei. Trotzdem kann ich klagen über Internet echt nicht mehr hören, und mein Mitleid mit den Dummen hält sich in engen Grenzen.
wille17 13.02.2017
3. Quasselstrippe
Letztlich nichts Neues was H hier von sich gibt. Es wiederholt gebetsmühlenartig, was jeder schon weiß, nur nicht umgesetzt wird. Ob H aufgrund mangelnder Praxis den Umgang mit Patienten beurteilen kann. Nein. Berichtet auch nur mit Stammtischwissen. Allerdings lukrativ, wenn auch banal.
dr.u. 13.02.2017
4. Placebo?!?!
"Ärzte nutzen den Placebo-Effekt bislang viel zu wenig. In Deutschland gibt es zwar exzellente Placeboforscher, aber in der Ausbildung der Ärzte sind deren Erkenntnisse noch kein Thema. In jedem Lehrbuch für Pharmakologie sollte ein großes Kapitel darlegen, dass 30 bis 40 Prozent der Medikamentenwirkung von den begleitenden Worten abhängt." Das Fatale ist, dass durch fehlende Empathie und falsche Worte sogar die Wirksamkeit von (Pharma)Medikamenten ausgehebelt werden kann. Wenn Placebo-Effekt und Empathie "funktionieren", funktioniert das Gegenteil nämlich auch; leider.
women_1900 13.02.2017
5. als ich seit langer Zeit
mal wieder einen Arzt aufsuchte, fühlte ich mich danach wie ein Wrack. Eine läppische Erkältung zwang mich zu dem Besuch, denn ich benötigte eine AU. Auf die Erklätung wurde wenig eingegangen. Dafür aber wurde mir aufgezählt, welche (teilweise auch schwerwiegenden) Krankheiten ich, bald Ü60, alles haben könne und welche Untersuchungen ich dringend machen müsse, da waren viele IGEL Leistungen dabei. Der Arzt kam gar nicht damit klar, daß ich ihm sagten, das wäre mein Körper und mein Leben und auch meine Entscheidung ist, ob ich ein möglichst langes Leben, geprägt von Untersuchungen, medizinischen Behandlungen haben möchte oder ein genußvolles, selbstbestimmtes Leben, das möglicherweise kürzer sein könne. Nun denn, ich muss mir wohl einen neuen Hausarzt suchen, dessen Immobilie bereits abbezahlt ist etc. Natürlich sind nicht alle Ärzte so, aber der Mensch ist nun einmal geprägt aus seinen Erfahrungen.
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