Arzt-Patient-Verhältnis "Menschen werden in Angst gehalten"

Der Placebo-Effekt ist mehr als Esoterik. Arzt, Kabarettist und Buchautor Eckart von Hirschhausen erklärt, wie der Glaube an eine Therapie Patienten helfen kann und was Mediziner noch lernen müssen.
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Zur Person
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Dr. med. Eckart von Hirschhausen ist Jahrgang 1967 und lebt in Berlin. Er studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über 20 Jahren arbeitet er als Komiker, Autor und Fernsehmoderator. Sein Buch "Wunder wirken Wunder: Wie Medizin und Magie uns heilen" steht seit Erscheinen auf Platz 1 der SPIEGEL Bestsellerliste.

SPIEGEL ONLINE: Herr von Hirschhausen, was nutzt Patienten der Glaube an eine Behandlungsmethode?

Hirschhausen: Viel mehr als sich die meisten vorstellen können. Menschen, die sich von ihrem Arzt gut beraten fühlen und vom Therapiekonzept überzeugt sind, haben deutlich bessere Chancen auf Besserung. Der Placebo-Effekt ist mehr als Einbildung, er führt zu biochemisch messbaren Veränderungen im Körper.

SPIEGEL ONLINE: Patienten haben aber oft das Gefühl, dass ihr Arzt keine Zeit für sie hat. Werden da Heilungschancen vertan?

Hirschhausen: Ärzte nutzen den Placebo-Effekt bislang viel zu wenig. In Deutschland gibt es zwar exzellente Placeboforscher, aber in der Ausbildung der Ärzte sind deren Erkenntnisse noch kein Thema. In jedem Lehrbuch für Pharmakologie sollte ein großes Kapitel darlegen, dass 30 bis 40 Prozent der Medikamentenwirkung von den begleitenden Worten abhängt. Medizinstudenten sollten nicht nur Biochemie pauken, sondern auch lernen, wie ihre Haltung und ihre Persönlichkeit auf den Patienten wirken und damit den Heilerfolg beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Einfühlsame Ärzte stellen oftmals auch genauere Diagnosen.

Hirschhausen: Gute Ärzte wissen, dass sie ihren Patienten als Erstes genau zuhören müssen. Aber ich erlebe reihum in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, dass Menschen durch Arztbesuche maßgeblich verunsichert werden. Da wird irgendein unsinniger Befund erhoben, der abgeklärt werden muss. Über Wochen werden Menschen in Angst gehalten. Manche Ärzte konzentrieren sich auf Prozeduren, die sich schnell und am besten noch von Hilfspersonal erledigen und gut abrechnen lassen. Dabei ist die Aufgabe des Arztes doch, den Menschen zu helfen, gesünder mit sich umzugehen und Krankheiten zu vermeiden oder zu lindern.

SPIEGEL ONLINE: Die Forderung, Ärzte sollten den Patienten besser zuhören und mit ihnen reden, wird schon länger erhoben. Sehen Sie denn Zeichen der Besserung?

Hirschhausen: Ja. Ich wäre ja ein schlechter Arzt, wenn ich in diesem Interview keine Hoffnung versprühen würde. Zum einen soll in einer für 2020 angekündigten Reform des Medizinstudiums die kommunikative Kompetenz eine größere Rolle spielen. Zum anderen werden die Patienten mündiger, weil sie sich im Internet informieren können.

SPIEGEL ONLINE: Aber da steht auch viel Unsinn.

Hirschhausen: In der Tat! Das Recherchieren im Netz führt auch zur Verunsicherung und zur Skepsis gegenüber der wissenschaftlichen Medizin. Wenn Sie "impfen" googeln, dann tauchen, neben seriösen Quellen wie dem Robert Koch-Institut und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, prominent Seiten der obskuren Impfgegner auf. Die Gesundheitskompetenz liegt in Deutschland unter dem europäischen Durchschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man das verbessern?

Hirschhausen: Es gibt einen Vorschlag von Klaus Koch von "gesundheitsinformation.de" und mir, der inzwischen vom Gesundheitsministerium aufgegriffen wurde: die Suchmaschine der Vernunft. Es sollte im Internet eine Startseite für verständliche Gesundheitsinformationen geben, die auf seriöse Seiten verlinkt und öffentlich und werbefrei finanziert ist. Viele Millionen Menschen wissen nicht, an welchen Arzt man sich mit welchen Beschwerden wendet, was ein Notfall ist und was nicht, wie man einen Beipackzettel liest oder sich für eine von mehreren Behandlungsmöglichkeiten entscheidet. Je länger ich den Betrieb im Auge habe, desto klarer wird mir, dass gegen die großen Themen Übergewicht, Diabetes, Rückenschmerz, Depression, Alzheimer kaum etwas besser wirkt als Bildung und Bewegung.

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Hirschhausen, Dr. med. Eckart von

Wunder wirken Wunder: Wie Medizin und Magie uns heilen

Verlag: Rowohlt Buchverlag
Seitenzahl: 496
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07.10.2022 08.25 Uhr

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SPIEGEL ONLINE: Sie erhalten durch Ihre Bekanntheit Tausende Anfragen von Patienten. Was lernen Sie aus deren Geschichten?

Hirschhausen: Wie groß das Bedürfnis nach verständlichen und im besten Fall auch unterhaltsam vermittelten Informationen ist. Nachdem wir in meiner Sendung "Hirschhausens Quiz des Menschen" gezeigt hatten, wie einfach Herzdruckmassage geht, meldeten sich mehrere Zuschauer, weil sie sich getraut hatten, jemanden zu reanimieren. Wenn einer ohne Atmung auf dem Boden liegt, sollte man erst die 112 rufen und dann feste 100 Mal pro Minute auf den Brustkorb drücken. Das kann Leben retten.

SPIEGEL ONLINE: Noch immer entscheidet vor allem die Abiturnote, wer Medizin studieren darf. Werden die falschen Leute Arzt?

Hirschhausen: Medizin ist mehr als Wissen, es ist Heilkunst. Ärzte sollten dem Patienten auf Augenhöhe begegnen, empathisch und kommunikativ sein. Diese Fähigkeiten drücken sich nicht allein in der Abinote aus. Damit will ich natürlich nicht den Leuten, die ein gutes Abi machen, in den Rücken fallen. Ich finde es aber gut, dass es Studienplätze gibt, über die nach einem Auswahlgespräch entschieden wird. Das dürften noch mehr sein. Wenn ich an meine Semestertruppe zurückdenke, gab es da gefühlt zwanzig Prozent, die ich nicht gerne in meiner Nähe hätte, wenn ich krank bin. Ich hoffe, die sind alle Grundlagenforscher geworden.


DER SPIEGEL live in der Uni mit Dr. med. Eckart von Hirschhausen. Am 13. Februar 2017 um 18.00 Uhr Hörsaal 1, Gebäude 35/ Anatomie, Joseph-Stelzmann-Straße, 50931 Köln

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