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Eckart von Hirschhausen Herr Doktor, sprechen Sie doch mit mir!

Jeder vierte Patient tut nicht das, was der Arzt verordnet hat. Warum? Eckart von Hirschhausen meint: Reden ist Gold! In seiner Videosprechstunde "Faktencheck Gesundheit" erklärt er, warum das Arzt-Patienten-Gespräch so wichtig ist - und was dabei oft schiefgeht.

Kommt ein Mann zum Arzt. "Herr Doktor, ich habe ein Problem." Keine fünf Minuten später ist er wieder draußen, mit einem Rezept in der Hand - und genauso ratlos wie zuvor. So oder so ähnlich ergeht es vielen Patienten. Manchmal ist den Kranken mit einem knappen Rat und einem Medikament auch schon geholfen. Doch in vielen Fällen verfehlt die Schnellschussentscheidung des Arztes über Diagnose und Therapie ihr eigentliches Ziel, nämlich die Heilung des Patienten.

Deshalb plädiert der Arzt und Medizinkabarettist Eckart von Hirschhausen für ein besseres Arzt-Patienten-Gespräch.

Im Laufe seines Berufslebens führt ein Arzt Schätzungen zufolge durchschnittlich 150.000 Dialoge mit Patienten. Dabei ist es oft nicht der Patient, der ausführlich sein Anliegen vorträgt: Mehrere Studien haben gezeigt, dass Ärzte die Erklärungen ihrer Patienten rasch unterbrechen. Je nach Nation konnten nur 23 bis 26 Prozent der Patienten ihr Anliegen zu Ende bringen. Im Schnitt unterbrachen Hausärzte den Patientenmonolog nach 11 bis 24 Sekunden.

Acht Minuten pro Patient

Ursache für die hastige Kommunikation ist vor allem der enorme Zeitmangel der Ärzte. Der Arztreport 2010 der Barmer GEK  offenbart: Pro Jahr hat ein Arzt im Schnitt 10.735 Patientenkontakte. Das bedeutet, dass er durchschnittlich 224 Patienten pro Woche, also rund 45 pro Tag sieht. Dem Report zufolge bleiben einem Arzt damit durchschnittlich acht Minuten pro Patientenkontakt.

Das Problem: Die Zeit ist in der Regel zu knapp, so dass der Patient keine vertrauensvolle Verbindung zu seinem Arzt aufbauen kann. Genau diese ist aber wichtig, denn nur mit ihrer Hilfe empfinden Patienten die Entscheidung des Arztes als das Ergebnis einer gemeinsamen Aufgabe - und halten sich auch an seine Therapieempfehlung.

Eine große Überblicksstudie von 2009 enthüllte, wie wichtig die Arzt-Patienten-Kommunikation wirklich ist : Insgesamt tut jeder vierte Patient nicht, was der Arzt verordnet. Wird die Arzt-Patienten-Kommunikation als schwach bewertet, steigt das Risiko der sogenannten Therapieuntreue um 19 Prozent - und damit das Risiko, dass die Therapie erfolglos bleibt.

Für den "Faktencheck Gesundheit"  der Bertelsmann Stiftung erklärt Hirschhausen im Video "Gemeinsam entscheiden! Arzt und Patient auf Augenhöhe" , wie wichtig es ist, dass sich der Patient gemeinsam mit seinem Arzt berät und in den Entscheidungsprozess eingebunden wird. Deshalb gilt auch für den Patienten: Er sollte ehrlich mit sich und seinem Arzt sein.

Bei vielen chronischen Erkrankungen können schon Veränderungen der Lebensgewohnheiten viel Gutes bewirken, gesünderes Essen oder mehr Bewegung zum Beispiel. Der Arzt aber muss möglichst viel von seinem Patienten wissen. Wie stark ist die Arbeitsbelastung? Wie viel Zeit bleibt für das Privatleben? Was sind die sportlichen Vorlieben? Muss der Patient Kinder versorgen? Wäre er etwa bereit, seine Ernährung umzustellen? Entscheidend für eine erfolgreiche Therapie ist, dass sie der Lebenssituation des Kranken angepasst ist.

cib