Ein Jahr Ebola-Epidemie in Westafrika Der Tod aus dem Dschungel

Vor einem Jahr starb in Westafrika ein Kind an einer Infektion. Was darauf folgte, ist die schwerste Ebola-Epidemie aller Zeiten. Bis zum 23. Dezember zählte die WHO knapp 7500 Tote, mehr als 19.000 Menschen haben sich mit dem Virus infiziert.

Ein Erkrankter in Sierra Leone: Viele Betroffene infizierten Verwandte, von denen sie gepflegt wurden
AP/dpa

Ein Erkrankter in Sierra Leone: Viele Betroffene infizierten Verwandte, von denen sie gepflegt wurden


Inmitten des Regenwalds von Guinea entwickelte ein kleines Kind vor einem Jahr plötzlich hohes Fieber, Kopfschmerzen und Durchfall. Zwei Tage später, am 28. Dezember, starb es - an der Infektion mit einem Virus, das in den folgenden Monaten drei Länder Westafrikas an den Rand des Zusammenbruchs bringen und die ganze Welt in Atem halten sollte. Das Kind war wahrscheinlich "Patient null", der erste Patient der aktuellen Ebola-Epidemie.

Zum Zeitpunkt seines Todes hatte in den Rundhütten der abgelegenen Siedlung Meliandou noch nie jemand von Ebola gehört. Doch die Epidemie nahm ihren Lauf. Binnen einem Monat verlor der Vater des Kindes, Etienne Ouamouno, sechs weitere Familienmitglieder, darunter seine Mutter und seine schwangere Frau.

Erst drei Monate später, im März, registrierten die Behörden in Guinea die Krankheitsfälle im Dschungel. Erst acht Monate später erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Epidemie zum internationalen Gesundheitsnotfall. Zu diesem Zeitpunkt war sie längst außer Kontrolle. Bis zum 23. Dezember zählte die WHO um die 7500 Tote, mehr als 19.000 Menschen haben sich mit dem Virus infiziert. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch weit höher.

"Es braucht einen einzigen Fall, um eine neue Epidemie zu starten"

Zwar scheint sich die Lage in Liberia und Sierra Leone - die neben Guinea am stärksten betroffenen Länder - inzwischen zu stabilisieren. Für eine Entwarnung ist es dennoch viel zu früh. Im Kampf gegen die Ebola-Epidemie wird der Norden von Sierra Leone fünf Tage lang abgeriegelt, um ein "genaues Bild der Lage" zu erhalten, sagte Vize-Informationsminister Theo Nicol. Die Region Nord ist die größte der vier Regionen des westafrikanischen Landes, das die meisten Ebola-Toten zu beklagen hat.

Laut einem Regionalminister, Alie Kamara, dürfen Muslime und Christen in der Zeit keine Gottedienste in Moscheen und Kirchen feiern - Ausnahme sei der Weihnachtstag für die Christen. In den fünf Tagen seien zudem alle Geschäfte und Märkte geschlossen. Nur Fahrzeuge mit offizieller Genehmigung dürften fahren. Außer Einsatzteams im Kampf gegen Ebola dürfe niemand zwischen den verschiedenen Departements und Dörfern verkehren. Normalerweise herrscht zu Weihnachten reger Reiseverkehr, auch wenn Sierra Leone mehrheitlich muslimisch ist.

Einer der Entdecker des Ebolavirus, Peter Piot, erklärte gegenüber der BBC, dies sei eine Epidemie "mit einem sehr langen und sprunghaften" Ausgang. Die Helfer müssten sich auf lang andauernde Bemühungen einstellen, Bemühungen, die möglicherweise noch das ganze Jahr 2015 in Anspruch nähmen.

Ähnlich besorgt äußerte sich auch Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon kürzlich in Sierra Leone. "Ebola ist weiterhin eine globale Krise", sagte er. "Es braucht nur einen einzigen Fall, um eine neue Epidemie zu starten." Das Ziel sei deshalb, die Krankheitsfälle komplett zu eliminieren. Das hätte deutlich früher passieren können, als es jetzt der Fall ist, so Ban.

Das wissenschaftliche Fachmagazin "Science" kürte die schleppende internationale Reaktion auf die Ebola-Epidemie zum Versagen des Jahres. "Zu wenig, zu spät", schrieb Chefredakteurin Marcia McNutt. "Epidemiologen sind sich einig, dass schnelles und effektiveres Handeln das Schlimmste hätte verhindern können." Obwohl die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) bereits im März vor einer "Epidemie in einer nie dagewesenen Größenordnung" warnte, lief eine umfassende internationale Hilfe erst im Spätsommer an.

"Die Grundlagen der Gesellschaft angegriffen"

Selbst im besten Fall werden Sierra Leone, Guinea und Liberia nach Ansicht von Experten mehrere Jahre brauchen, um sich wirtschaftlich und gesellschaftlich von den Folgen der Epidemie zu erholen. "Das Virus hat die Grundlagen der Gesellschaft angegriffen - wie Menschen leben, wie sie lieben und wie sie sterben", sagte Ban. Laut den Vereinten Nationen haben rund 500.000 Menschen aufgrund der Epidemie nicht mehr genug zu essen, bis März könnten es eine Million sein.

Auch sind viele Menschen in der Region traumatisiert. Zehntausende Kinder und Erwachsene haben Familienmitglieder verloren, Hunderttausende mussten und müssen monatelang in Angst vor dem Virus leben. Fünf Millionen Kinder haben in den betroffenen Regionen keinen Schulunterricht mehr. Hinzu kommt der Niedergang der örtlichen Gesundheitssysteme. Viele Frauen sterben bei Geburten, weil Hebammen aus Angst vor Ebola die Arbeit verweigern. Für Krankheiten wie Malaria oder Cholera gibt es kaum noch adäquate Behandlung.

Die große Aufgabe sei es daher, die örtlichen Gesundheitssysteme wieder aufzubauen, erklärt Katherine Mueller, die Sprecherin des Roten Kreuzes in Afrika. "Momentan könnte es gut sein, dass in den drei Ländern mehr Menschen an anderen Krankheiten sterben als an Ebola." Nicht nur die Epidemie ist noch lange nicht gebannt, auch ihre Folgen werden die Bewohner der westafrikanischen Länder noch lange bedrohen.

irb/dpa/Reuters

insgesamt 8 Beiträge
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linoberlin 24.12.2014
1. Eine große Aufgabe
wäre es auch, im satten Europa nicht mit Horror- und Panikberichterstattung dafür zu sorgen, dass z. B. der Tourismus in Ländern weitab der betroffenen Regionen nun auch noch zum Erliegen kommt.
spon-facebook-10000387603 24.12.2014
2. Und die Kirchen?
Es ist leider auch eine Wahrheit in diesem Drama, dass örtliche, aber auch US-Kirchenvertreter verkünden, dass Ebola die Strafe Gottes für Homosexualität ist. Der katholische Erzbischof Jerome Zeigler predigt das wie auch andere katholische, anglikanische, evangelikale oder freikirchliche Prediger immer wieder gern. Man sollte daraus die entsprechenden Konsequenzen bei seinem Spendenverhalten ziehen.
sunglider 24.12.2014
3. Pharma Panik
Bitte, an Grippe sterben in EINEM Jahr mehr Menschen in Deutschland , als an Ebola weltweit. Wo ist da die Verhältnismäßigkeit? Hier wird wieder wie bei Vogelgrippe, BSE von den Pharmaunternehmen Lobbyarbeit betrieben um Milliarden für die Forschung und den Verkauf zu bekommen.
kraichgau12 24.12.2014
4. hm..
alle fakten inklusive des totalen Versagens der WHO sind bekannt allerdings ist das einer der am Schlechtesten aus dem Englischen übersetzen Berichte seit Langem...
herkurius 24.12.2014
5. Versagen?
"Schleppende internationale Reaktion auf die Ebola-Epidemie" Hä?! Wenn die Bewohner eines afrikanischen Landes die Erkenntnisse über die Ansteckung bei Infektionskrankheiten zu weißer Propaganda erklären und die westlichen Helfer totschlagen, hat die internationale Gemeinschaft versagt? Statt der Millionen für medizinische Hilfe sollten wir Agitation für westliche Aufklärung, Fachschulen und Lehrer hinschicken, später Geldmittel und Waffen zur Gegenwehr gegen korrupte Regierungen und Terroristen, Stärkung der Emire, die schon immer die eigentliche Verwaltung waren und das Vertrauen der Bevölkerung genießen ... das wäre a.) billiger und b.) käme es wenigstens an. Aber ich vergaß, der Westen hat ja gerade mit diesen Mitteln der Untergang des Schwarzen Kontinents verschuldet, wenn man unsere Gutmenschen fragt...
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