Ein rätselhafter Patient Angst vor Monstern

Halluzinationen, Verfolgungsangst, rasendes Herz: Als ein 36-Jähriger in der Notaufnahme landet, ist er kaum zu verstehen. Leidet der Mann an einer akuten Psychose, oder steht er unter Drogen? Auf die Laborwerte können die Ärzte nicht warten.
Szene aus einem Computerspiel: Ein 36-Jähriger halluziniert und fürchtet sich vor Monstern

Szene aus einem Computerspiel: Ein 36-Jähriger halluziniert und fürchtet sich vor Monstern

Foto: Anonymous/ ASSOCIATED PRESS

Der Mann ist aufgeregt, er fühlt sich bedroht, mehrere Sicherheitsleute müssen ihn bändigen. Bei der Untersuchung schlägt er mit Armen und Beinen um sich und wirft den Kopf zur Seite, dabei stößt er unverständliche Laute aus. Vergeblich versuchen die Ärzte in der Notaufnahme, sich mit ihm zu verständigen. Von der Freundin des 36-Jährigen und dem Personal des Rettungsdienstes lassen sie sich erzählen, was passiert ist.

Ihr Partner sei drogenabhängig, erzählt seine Freundin. Etwa 20 Monate sei er ohne Suchtmittel ausgekommen - doch drei Tage bevor er in der Notaufnahme des Massachusetts General Hospital in der US-Stadt Boston landete, sei er rückfällig geworden: Ihr Freund habe Alkohol getrunken und "Badesalz" geschnupft, ein Rauschmittel .

In der letzten Nacht sei er zunehmend aufgeregter gewesen, erzählt sie. Er habe Stimmen gehört und halluziniert, Menschen wollten ihm schaden. Am Morgen sei er dann, kurz nachdem er erneut eine Prise Badesalz geschnupft habe, unbekleidet auf die Straße gerannt. Dabei habe er lauthals um Hilfe geschrien, jemand wolle ihn töten. Daraufhin habe sie die Polizei angerufen. Die griff ihn auf, als er nackt umherirrte, und fesselte ihn schließlich.

Dem Rettungsdienst zufolge war der Mann aggressiv, verwirrt und sprach zusammenhanglos von Bedrohungen. Sein Herz schlug deutlich zu schnell, er atmete hektisch, seine Haut fühlte sich wärmer als normal an. Die Sanitäter gaben ihm Sauerstoff und machten sich auf den Weg in die Notaufnahme.

Angst vor Monstern

Von der Freundin erfahren Theodore Benzer und seine Kollegen in der Notaufnahme die Krankengeschichte des Patienten, wie sie im "New England Journal of Medicine" berichten : Zu seinen Diagnosen zählen Depressionen, Alkoholabhängigkeit, Heroin-, Kokain- und Betäubungsmittelmissbrauch. Eigentlich sollte er ein Antidepressivum nehmen, was er aber seit zwei Wochen nicht mehr getan hat. Bei der Untersuchung reagieren seine Pupillen auf Licht, sein Blick ist nach oben abgelenkt. Wenn etwas von seiner Sprache zu verstehen ist, geht es um Verfolgungsängste vor Tieren, Menschen und Monstern.

Die Ärzte nehmen Blut- und Urinproben. Doch sie müssen ihn rasch behandeln, bevor die Ergebnisse feststehen. Die Ursache der akuten Beschwerden scheint eindeutig zu sein: Die Symptome können von den konsumierten Drogen ausgelöst werden. Zu 100 Prozent wissen die Ärzte es aber nicht, denn die Verfolgungsängste ihres Patienten können auch die Folgen einer Infektion, oder einer neurologischen oder psychiatrischen Erkrankung sein.

Zunächst aber müssen sie den Patienten beruhigen. Sie müssen sein rasendes Herz, den zu hohen Blutdruck sowie seine psychische Erregung unter Kontrolle bringen, weshalb sie ihn narkotisieren. Anschließend untersuchen sie ihn in einem Computertomografen. Die Bilder liefern keine Hinweise für eine akute Hirnerkrankung wie etwa eine Blutung oder eine Entzündung.

Obwohl der Laborbefund noch aussteht, gehen die Mediziner deshalb von einer Vergiftung mit Badesalz aus. Insbesondere die aufgeregte Verwirrung, das Herzrasen und der erhöhte Blutdruck passen zu der Diagnose. Zwar können die Ärzte nicht ausschließen, dass es sich um eine Psychose handelt, die drogenunabhängig ist. Doch zu diesem Zeitpunkt lässt sich das nicht untersuchen.

Vergiftungssymptome

Tatsächlich bestätigen später die Laboranalysen die Badesalze. Die Diagnose, so berichten die US-Mediziner, sei technisch aufwendig, auch gutausgerüstete Labore könnten nur einen Teil der bekannten Stoffe zuverlässig nachweisen. Deshalb können die Vergiftungen mit den lange Zeit nur Chemikern bekannten und in Deutschland noch seltenen Drogen häufig nur an den Symptomen orientiert behandelt werden.

Badesalze , auch Legal Highs genannt, sind Verwandte des körpereigenen Adrenalins und der Methamphetamine, zu denen auch Ecstasy und Crystal Meth gehören. Die Chemikalien führen nicht nur zu Herzrasen, Bluthochdruck, Angst und Unruhe, sie können auch Psychosen, Halluzinationen und selbstverletzendes Verhalten auslösen.

Auf der Intensivstation behandeln die Ärzte ihren Patienten mit einem Gegengift. Zudem erhält er ein Antipsychotikum und bleibt mit Unterbrechungen eine Woche in Narkose. Zwischendurch versagt seine Niere kurzzeitig, seine Leber nimmt Schaden, er erkrankt wegen der notwendigen Beatmung an einer Lungenentzündung. Die Niere regeneriert sich, und die Infektion bekommen die Ärzte mit Antibiotika in den Griff. Als er schließlich das Krankenhaus verlassen kann, willigt er ein, einen neuen Hausarzt und einen Psychiater aufzusuchen. Über den weiteren Verbleib ihres Patienten wissen die Bostoner Ärzte nichts.

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