Ein rätselhafter Patient "Die Visionen sind so wunderschön!"

Mehrmals pro Stunde überfällt den 71-Jährigen der Kopfschmerz, in seinem rechten Gesichtsfeld tanzen Lichter, bunte Formen erscheinen. Fünf Tage geht es nun schon so. Woher kommen die Visionen?
Bunte Visionen: Zeichnung des Patienten

Bunte Visionen: Zeichnung des Patienten

Foto: JAMA Network / American Medical Assosiation

Der 71-Jährige hat nicht nur Kopfschmerzen, wie er sie nie zuvor kannte. Er sieht auch immer wieder Bilder, die mit der Realität nichts zu tun haben. Mit seinen Beschwerden sucht er Rat in der Notaufnahme der Washington University.

Seinen Kopfschmerz beschreibt der Patient als moderat, aber drückend, der Schmerz zieht sich über den ganzen Kopf. Außerdem sieht er in seinem rechten Gesichtsfeld immer wieder helle, bunte Striche und Formen, verbunden mit aufblitzenden Lichtern.

Das irritiert den Patienten zwar, zumindest die Halluzinationen scheinen ihn aber nicht zu belasten. Als die Ärzte ihn darum bitten, seine Visionen zu beschreiben, antwortet er: "Es ist wunderschön!" Das Feuerwerk aus bunten Farben und Lichtern dauert jeweils 30 bis 90 Sekunden an, dann verschwindet es wieder. Allerdings treten die Anfälle drei- bis viermal pro Stunde auf, mittlerweile schon seit fünf Tagen.

Für die Ärzte in der Notaufnahme steht schnell fest, was ihr Patient wahrscheinlich hat. Sie behandeln ihn intravenös mit einer Salzlösung und Ketorolac, einem Medikament, das Schmerzen lindert, Fieber senkt und Entzündungen hemmt. Das Mittel eignet sich, um einen Migräneanfall mit Aura zu behandeln - doch die Therapie schlägt bei dem 71-Jährigen nicht an.

Wieder und wieder tanzen die Lichter vor den Augen des Mannes, tauchen die bunten Halluzinationen auf, berichten die Ärzte in der Fachzeitung "Jama Neurology" . Eine Migräne hat er offensichtlich nicht.

Was tut sich da im Hirn?

Ein um Rat gefragter Neurologe empfiehlt, ein EEG durchzuführen. Bei der Behandlung messen die Ärzte Hirnströme - sie machen also sichtbar, welche Bereiche des Gehirns gerade aktiv sind und besonders viele elektrische Impulse zwischen den Nervenzellen hin und her feuern. So können sie auch beobachten, was während der Kopfschmerz- und Blitzphasen im Gehirn des 71-Jährigen abläuft.

Tatsächlich gelingt es den Ärzten, nur anhand der Messergebnisse zu erkennen, wann der Mann einen Anfall hat und wann nicht. Während der 71-Jährige die Visionen entwickelt, scheinen seine Nerven im linken Hinterhauptslappen außer Kontrolle zu geraten. In diesem Bereich des Großhirns sitzt beidseits das Sehzentrum. Enden die Anfälle, normalisieren sich die Wellen wieder, die das EEG aufzeichnet. Der Rest des Gehirns ist die ganze Zeit unauffällig.

Bereiche des Großhirns: Frontallappen (gelb), Parietallappen (blau), Temporallappen (rot) und Hinterhauptslappen (grün)

Bereiche des Großhirns: Frontallappen (gelb), Parietallappen (blau), Temporallappen (rot) und Hinterhauptslappen (grün)

Foto: Getty Images/iStockphoto

Ein Sehtest bestätigt noch einmal, was der Patient geschildert hat: Er kann während der Anfälle im oberen Viertel seiner rechten Gesichtshälfte nicht richtig sehen. Die Probleme verschwinden nach den Visionen jedoch innerhalb weniger Minuten. Nachdem die Ärzte ihren Patienten auch noch ein Bild der Halluzinationen haben malen lassen, sind sie fertig mit dem Sammeln von Hinweisen. Ihre Diagnose steht.

Epilepsie: Feuer im Gehirn

Der 71-Jährige leidet unter einer seltenen Form der Epilepsie. Dabei entladen sich immer wieder zahlreiche Nervenzellen gleichzeitig und heftig. Die Anfälle können wie bei dem Patienten auf eine Region beschränkt sein oder sogar das ganze Großhirn betreffen. Abhängig davon reichen die Folgen von verkrampften Muskeln über kurze Abwesenheitszustände bis hin zu unkontrolliertem Zucken des gesamten Körpers mit Bewusstseinsverlust.

Halluzinationen sind ein typisches Merkmal einer Hinterhauptslappen-Epilepsie, wie die Krankheit des Mannes exakt heißt. Da viele Betroffenen wie er Kopfschmerzen entwickeln, werde die Krankheit häufig mit einer Migräne mit Aura verwechselt, schreiben die behandelnden Mediziner um Alexander Doud. Im Gegensatz zu einer Epilepsie entsteht eine Migräne jedoch nicht durch unkontrolliert feuernde Nerven im Großhirn, sondern durch eine Störung der Schmerzzentren im Hirnstamm.

Ein Rätsel können die Ärzte bei ihrem Patienten trotz allem nicht lösen - es bleibt unklar, woher die Anfälle kommen. Beschränkt sich eine Epilepsie wie bei ihm nur auf eine Hirnregion, findet sich dort in der Regel auch die Ursache. Bei dem 71-jährigen Patienten aber scheint auf MRT-Bildern alles gesund, er hat keinen Tumor, kein Blutgerinnsel, keine andere Verletzung. Normalerweise erkranken Menschen deutlich früher im Leben an einer Hinterhauptslappen-Epilepsie, dann lässt sich in der Regel auch eine Ursache in der Hirnstruktur entdecken.

Auf die Behandlung hat das aber keine Auswirkungen. Die Ärzte geben dem Mann erst eine Kombination aus Phenytoin und Levetiracetam, dann beschränken sie sich ausschließlich auf letzteres. Der Wirkstoff verringert die unkontrollierte Weiterleitung von elektrischen Signalen im Gehirn. Diesmal hat die Therapie Erfolg, die Halluzinationen und Kopfschmerzen verschwinden dauerhaft.

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