Ein rätselhafter Patient Knock-out beim Cricket

Beim Cricket-Training fällt ein 25-jähriger Spieler um, als ihn ein Ball hart trifft. Sogar das Herz des gesunden, gut trainierten Mannes setzt aus. Die Reaktion seines Trainers rettet ihm das Leben.

Corbis

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Der Einschlag trifft den australischen Sportler beim Cricket-Training. Mit voller Wucht prallt der Ball auf seinen linken Brustkorb, während der Schlagmann übt, ohne den üblichen Oberkörperschutz zu tragen. Sekunden später kollabiert der 25-Jährige auf dem Spielfeld. Als sein zu Hilfe eilender Trainer ihn erreicht, ist er bewusstlos.

Der in Erster Hilfe ausgebildete Trainer beginnt sofort mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung: Abwechselnd drückt er 30 Mal tief in der Mitte des Brustkorbs, um das Blut im Kreislauf des Sportlers im Fluss zu halten, anschließend bläst er zwei Mal Luft über die Nase in die Lunge des Patienten. Gleichzeitig wird der Rettungsdienst alarmiert.

Als die Sanitäter neun Minuten später auf dem Spielfeld im Melbourner Vorort Heidelberg ankommen und ein EKG des jungen Mannes ableiten, sehen sie in der Herzspannungskurve ein Kammerflimmern: Die für das Pumpen des Blutes zuständigen Herzkammern flimmern unkoordiniert vor sich hin, das Herz steht still.

Sofort schocken die Sanitäter das Herz des Patienten mit einem Defibrillator, ein starker Stromstoß kann die Herzmuskelzellen dazu bringen, wieder koordiniert zu arbeiten. Tatsächlich funktioniert die Therapie beim australischen Patienten auf Anhieb, sein Herz beginnt wieder zu schlagen, sein Blutkreislauf kehrt zurück. Kurz darauf ist der Mann wieder bei Bewusstsein, die Sanitäter machen sich auf den Weg ins Austin Hospital, wo ihn Ryan Spencer und seine Kollegen empfangen.

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Commotio cordis, die Herzerschütterung

Bei der Untersuchung sehen die Ärzte eine Blutung in der Haut, dort wo der Cricketball auf den Brustkorb getroffen ist, berichten sie im Fachmagazin "The Lancet". Eine Blutuntersuchung im Labor, ein erneutes EKG und eine Ultraschalluntersuchung des Herzens sind ebenso normal wie das Verhalten des Herzens bei einem Belastungstest und die Ergebnisse einer Kernspintomografie.

Offensichtlich haben die Mediziner einen gesunden 25-Jährigen vor sich, der durch einen seltenen - aber nicht unbekannten - Mechanismus vom Leben in den Herzstillstand befördert wurde, die im Fachjargon Commotio cordis genannte Herzerschütterung. Normalerweise bringt ein plötzlicher Schlag auf den Brustkorb das Herz nur kurz aus dem Tritt, Rhythmusstörungen sind häufig. Dass es zum Kammerflimmern und damit zu einem lebensbedrohlichen Notfall kommt, ist außergewöhnlich.

Typisch am Cricket-Spieler sind das Alter und der Sport: Die meisten ähnlichen Zwischenfälle passieren bei jungen Menschen in Sportarten, bei denen einem Bälle, Pucks oder Ähnliches um die Ohren fliegen können. Tatsächlich verweisen die australischen Ärzte in ihrem Fallbericht auf das prominente erste bekannte Opfer des "Gentleman's game": Der damalige Prince of Wales, Friedrich Ludwig von Hannover, soll 1751 an den Folgen eines Cricketball-Einschlags gestorben sein - wobei umstritten ist, ob wirklich ein Cricket-Unfall schuld an einem Lungenabszess des Thronfolgers war.

Zeigt, wie wichtig Wiederbelebung durch Laien ist

Die Ärzte schätzen, dass ihr junger Patient vom Cricketball mit einer Geschwindigkeit von bis zu einhundert Kilometern pro Stunde getroffen wurde. Entscheidend ist neben der Geschwindigkeit offenbar, dass der Ball in einer nur wenige Millisekunden langen Phase auf das Herz trifft, während der die Herzzellen besonders empfindlich für einen Schlag auf den Brustkorb sind. Betroffen sind vor allem schlanke, junge Patienten, bei denen der Brustkorb die Kraft des Aufpralls gut auf das Herz überträgt.

In der Vergangenheit überlebte nur etwa ein Viertel der Patienten, bei denen es nach einem solchen Unfall zu einem Herzstillstand kam. Dank vereinfachter Anweisungen zur Herz-Lungen-Wiederbelebung und besserem Training sei die Überlebensrate mittlerweile aber gestiegen, so die australischen Ärzte. Die Mediziner schreiben, der Fall zeige, wie wichtig die Wiederbelebung durch Laien ist, die zufällig Zeugen eines Herzstillstands werden.

Bleibende Schäden trägt der Cricket-Spieler nicht davon, er kann nach zwei Wochen bereits wieder arbeiten und ist auch bei einer Nachuntersuchung gesund.

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
propace 26.04.2014
1. Ja wie denn jetzt?
Was ist denn jetzt daran rätselhaft - seltenes, aber nicht ungewöhnliches Krankheitsbild, was z.B. Rettungsassistenten bei der Ausbildung nähergebracht wird.
h ortgies 26.04.2014
2. Auch andere Ballspiele
In meiner Ausbildung Beginn der 80er Jahre kam ein vergleichbarer Fall ins Krankenhaus: Bewusstlos nach Ballanprall beim Handball, Reanimation usw. Die Fälle gleichen sich. Nichts wirklich neues...
chrigra4140 26.04.2014
3. Auch umgekehrt
funktioniert das, habe ich zumindest vor knapp 30 Jahren in meiner Ausbildung zum San-Helfer und RS gelernt, nämlich als "Präkordialer Faustschlag". Den habe ich ein einziges Mal gesehen, in einer Doku über RTH-Einsätze. Wird dieser überhaupt angewandt? Gibt es Angaben über die Wirksamkeit?
chrigra4140 26.04.2014
4. Auch umgekehrt
funktioniert das, habe ich zumindest vor knapp 30 Jahren in meiner Ausbildung zum San-Helfer und RS gelernt, nämlich als "Präkordialer Faustschlag". Den habe ich ein einziges Mal gesehen, in einer Doku über RTH-Einsätze. Wird dieser überhaupt angewandt? Gibt es Angaben über die Wirksamkeit?
Oberleerer 26.04.2014
5.
Lernt die Protagonistin bei "Kill Bill" nicht die Drei-Finger-Akupressur-Herz-Explosions"-Technik ?
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