Ein rätselhafter Patient Gewagtes Experiment

Eine querschnittgelähmte Frau leidet unter stärker werdenden Rückenschmerzen. Auf Kernspinaufnahmen entdecken Ärzte eine Wucherung in ihrem Rückenmark. Die Ursache dafür ist eine experimentelle Therapie.

Arbeit mit Stammzellen im Labor: Experten warnen Patienten vor experimentellen Therapien
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Arbeit mit Stammzellen im Labor: Experten warnen Patienten vor experimentellen Therapien

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Die Frau, die ihre Beine nicht mehr bewegen kann und Berührungen vom Bauch abwärts nicht mehr wahrnimmt, hat Rückenschmerzen. Sie ist sich sicher, dass die Schmerzen nicht entstehen, weil sie im Rollstuhl sitzt und meist in derselben Position verharrt. Aber es tut ihr etwas oberhalb der Stelle weh, wo sie sich damals, vor elf Jahren, so schwer verletzt hat. Und die Schmerzen werden seit einem Jahr immer stärker.

Es war ein Motorradunfall, der das Leben der damals 18-Jährigen aus seinen Fugen riss. Die Wirbelsäule brach, ein Wirbelkörper rutschte nach hinten - Querschnitt auf Höhe des zehnten Brustwirbels. Das Rückenmark war gequetscht und geschwollen, die elektrischen Impulse, mit denen die Beine bewegt und Berührungen gespürt werden, wurden nie wieder durchgelassen.

Die Hoffnung auf Heilung

Um die Ursache für die aktuellen Beschwerden ihrer Patientin zu finden, schieben die Ärzte die mittlerweile 29-Jährige in einen Kernspintomografen. Dort werden Schichtbilder vom Rückenmark angefertigt. Wie der Neurochirurg Brian Dlouhy von der University of Iowa Hospitals und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Journal of Neurosurgery: Spine" berichten, entdecken sie eine Wucherung innerhalb des Rückenmarks auf Höhe der alten Querschnittverletzung, die nach oben ragt. Auf den Bildern sieht das Gewebe inhomogen aus, kleine Hohlräume lassen sich erkennen neben wahrscheinlich festen Strukturen. Was es ist, können die Ärzte anhand der Aufnahmen nicht erkennen.

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Aber sie haben einen Verdacht - und der hängt mit der verzweifelten Hoffnung der Patientin auf Heilung zusammen. Nach ihrem schweren Unfall hatte die Frau zunächst geglaubt, sie könne ihre Beine irgendwann wieder bewegen. Sie ging in die Rehabilitation, sie strengte sich an, sie hoffte. Ihre Beine blieben kraft- und gefühllos.

Die Frau begann, nach Alternativen zu suchen. Sie fand die Stammzelltherapie. Im Rahmen einer experimentellen Behandlung entnahmen Ärzte ihr ein Stück Schleimhaut aus der Nase und setzten es an der verletzten Stelle des Rückenmarks ein. Die Therapie fußt auf einer einfachen Annahme: In der Nasenschleimhaut befinden sich sogenannte Vorläuferzellen (OEC=Olfactory Ensheathing Cells), die in einigen Eigenschaften Stammzellen ähneln. Verschiedene Forscherteams haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass diese Zellen eine Regeneration von Nervenzellen in der Petrischale anstoßen können. In Tierversuchen gelang es sogar, zuvor gelähmte Hunde mit Hilfe von OEC wieder zum Laufen zu bringen.

Warnung vor Stammzelltherapien

Die Frau hoffte, dass sich ihre Nervenzellen durch das Gewebe aus der Nasenschleimhaut wieder erholen und neu bilden könnten. Aber die ersehnte Heilung blieb aus.

Stattdessen, so die Vermutung der Ärzte, wucherten andere Zellen am Ort der Transplantation. Denn die Vorläuferzellen bringen ein Problem mit sich: Sie können zwar die Regeneration von Nervenzellen anstoßen, aber auch das Wachstum von Tumorzellen. Das haben verschiedene Untersuchungen wiederholt gezeigt. Immer wieder warnen seriöse Stammzellforscher deshalb, dass die Sicherheit von Stammzelltherapien noch nicht belegt sei.

Der Verdacht der Ärzte bestätigt sich: Sie operieren die Frau und entfernen eine relativ klar begrenzte, vier Zentimeter lange und einen Zentimeter breite Struktur mit unterschiedlichen Gewebeanteilen aus ihrem Rückenmark. Die histologische Analyse zeigt flüssigkeitsgefüllte Hohlräume mit Zellen, wie es sie in der Nasenschleimhaut gibt, mit winzigen Knochenfragmenten und schleimproduzierenden Zellen. Das Transplantat hat demnach überlebt, die Zellen haben weitergearbeitet, so die Interpretation der Ärzte. Einen Anhalt für einen bösartigen Tumor gibt es nicht.

Auch einige Nervenverästelungen sind erkennbar. Die Wissenschaftler können aber nicht unterscheiden, ob es sich dabei um regenerierte Nervenzellen aus dem Rückenmark handelt oder ob sie nach der Stammzelltransplantation neu entstanden sind. Funktional sind sie ohnehin nicht.

Verbot kommerzieller Anbieter in Deutschland

"Solche Fälle dürfen nicht davon abhalten, die Stammzellforschung und klinische Versuche voranzutreiben", schreiben die Autoren. "Unser Fall bestätigt aber die Bedenken gegenüber Stammzelltransplantationen." Sie betonen, dass noch unklar ist, wie sich die Art und Weise der Transplantation und die Behandlung der Zellen vor der Implantation auf einen möglichen Erfolg der Therapie auswirken. Ob die experimentelle Behandlung der jungen Frau im Rahmen einer Studie stattgefunden hat oder in einem kommerziellen Zentrum, berichten die Autoren nicht. Der Patientin geht es nach dem Eingriff gut.

Der Einsatz von körpereigenen Stammzellen zur Therapie etwa eines Herzinfarktes wird an vielen internationalen Zentren wissenschaftlich untersucht. Kommerzielle Anbieter, die experimentelle Behandlungen für viel Geld verkaufen, sind hingegen verboten. Bis vor einigen Jahren gab es in Köln noch das XCell-Center, das solche Therapien bei so unterschiedlichen Erkrankungen wie Parkinson, Diabetes oder Schlaganfall anbot. Ein kleines Kind starb nach einem Therapieversuch. 2011 wurde das XCell-Center verboten, die Klinik musste schließen.

Ein rätselhafter Patient - das Quiz



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 21.09.2014
1. Wer nichts macht, macht auch nichts verkehrt.
Leider hat es nicht geklappt. Trotzdem war es diesen Versuch wert. So wichtig es ist, neue Therapien sorgfältig zu überdenken, bevor man sie an einer breiten Öffentlichkeit anwendet, so wichtig ist es auch abzuwägen, was der Patient zu gewinnen und was er zu verlieren hat. Als Patient würde ich alles dafür tun, wieder selbst laufen zu können. Der Staat hingegen vertritt natürlich ausschließlich die "no risk"-Variante, um sich etwaigen Haftungsrisiken zu entziehen. Den Patienten bleibt dann zum Trost albernes political correctness-Gehampel, geheucheltes Mitgefühl und eine kostenlose Jahreskarte für das Schwimmbad.
wincel 21.09.2014
2.
Aus meiner Sicht (als Wissenschaftler, der mit Knochenmarksstammzellen arbeitet) sind solche Versuche absolut unverantwortlich. Das ganze funktioniert nicht mal zuverlaessig an Maeussen (und dort ist es nur wenige Wochen beobachtbar bezueglich Nebeneffekte) und Versuche in Menschenaffen, um das Model klinisch relevanter zu machen, gibt es erst Recht nicht. Da wird Scharlatanerie betrieben mit den Hoffnungen Kranker, absolut unverantwortlich.
7eggert 22.09.2014
3.
Zitat von kumi-oriLeider hat es nicht geklappt. Trotzdem war es diesen Versuch wert. So wichtig es ist, neue Therapien sorgfältig zu überdenken, bevor man sie an einer breiten Öffentlichkeit anwendet, so wichtig ist es auch abzuwägen, was der Patient zu gewinnen und was er zu verlieren hat. Als Patient würde ich alles dafür tun, wieder selbst laufen zu können. Der Staat hingegen vertritt natürlich ausschließlich die "no risk"-Variante, um sich etwaigen Haftungsrisiken zu entziehen. Den Patienten bleibt dann zum Trost albernes political correctness-Gehampel, geheucheltes Mitgefühl und eine kostenlose Jahreskarte für das Schwimmbad.
Auch ich würde sogar bei 90 % Chance auf Tumor und 3 % Heilung noch das Risiko wagen.
CancunMM 22.09.2014
4.
Zitat von 7eggertAuch ich würde sogar bei 90 % Chance auf Tumor und 3 % Heilung noch das Risiko wagen.
Dann können Sie es ja bei sich selbst machen lassen. Aber die Kosten für die Folgebehandlungen übernehmen Sie natürlich auch selbst. Und dann natürlich auch im Ausland. Denn es gibt so etwas wie eine medizinische Ethik.
nilaterne 28.09.2014
5. Welche medizinische Ethik grieft denn bei einem
Patienten, der für sich selbst Heilung erhofft? Natürlich klammern sich da manche an einen Strohhalm. Und geht die OP nur im Ausland und kann dort bezahlt werden, so muss eine Korektur, dann doch hier von den Kassen bezahlt werden. Manches ist seltsam begonnen worden und wurde später zur Therapie!
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