Ein rätselhafter Patient Verstrahlt

35 Jahre leidet ein Mann unter Kopfschmerzen, sie überfallen ihn meist morgens oder abends. Auf den ersten Blick wirkt der 64-Jährige sonst gesund - nur ein Problem hatten die Ärzte nicht gleich auf dem Schirm.

Chronische Migräne lautet die Diagnose des Mannes - aber was verursacht die Schmerzen? (Symbolbild)
Terry Vine/ Getty Images

Chronische Migräne lautet die Diagnose des Mannes - aber was verursacht die Schmerzen? (Symbolbild)

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Ein Leben ohne Kopfschmerz hat der Mann zuletzt vor 35 Jahren geführt. Seitdem begleiten ihn die Beschwerden immer wieder und rauben ihm seine Lebensqualität, ohne dass er weiß, woher sie stammen.

Anfangs kamen die Attacken nur ab und zu, dann wurden sie häufiger und schmerzhafter, bis sie mit drei bis fünf Anfällen pro Woche kaum noch Pausen ließen. Zu diesem Zeitpunkt sucht der 64-jährige Mann Rat in der neurologischen Praxis des San Fernando Teaching Hospitals in Trinidad und Tobago.

Er berichtet den Ärzten, wie der Schmerz ihn typischerweise morgens oder abends überfällt: Er beginnt hinter dem Ohr und wandert Richtung Stirn und Schläfen, immer schmerzt die rechte Seite etwas stärker als die linke. Ohne Medikamente bleiben die Beschwerden einen bis drei Tage, doch auch mit Tabletten gibt es kaum Linderung.

Nur eine tägliche Kombination aus Paracetamol, Aspirin und Koffein konnte ihm eine Zeit lang helfen. Anschließend schluckte der Mann eine Kombination aus Kodein, einem Opiat, und Paracetamol, doch die Kopfschmerzen blieben, berichten die Mediziner um Antonio Jose Reyes im "British Medical Journal".

Diagnose: Chronische Migräne

Als der Mann den Neurologen von seinen Beschwerden berichtet, ist er fieberfrei und wirkt auf den ersten Blick gesund. Er leidet nicht unter einer Erkrankung der Nerven, er raucht nicht, trinkt nicht, nimmt keine illegalen Drogen. Zwar hat er vor mehreren Jahren Bluthochdruck entwickelt, diesen hält er aber mit Medikamenten gut in Schach.

Anhand seiner Beschreibungen diagnostizieren die Ärzte eine chronische Migräne ohne Aura, er erfüllt alle Kriterien, leidet zum Beispiel schon länger als drei Monate unter den Attacken und klagt über pulsierende Schmerzen, die sich verstärken, wenn er umherläuft.

Die Diagnose ist nicht neu, von Anfang an gingen Ärzte von einer Migräne aus. Damals verschrieben sie ihm Triptane, typische Migräne-Arzneimittel. Sie lösten bei ihm allerdings extremen Schwindel aus, der Mann musste sie wieder absetzen. Die Ursache für die Migräne aber blieb die ganzen Jahre rätselhaft.

Die Neurologen beginnen, den Mann komplett durchzuchecken. Sie schicken sein Blut ins Labor, analysieren unter anderem den Zuckerwert, suchen nach Anzeichen für eine rheumatische Erkrankung, machen Röntgenaufnahmen der Brust, einen CT-Scan des Gehirns und betrachten auf MRT-Bildern die Blutgefäße in seinem Kopf. Das Ergebnis ist immer dasselbe: alles im normalen Bereich.

Wurzelbehandlungen, Füllungen, gezogene Zähne

Eine Sache aber quält den Patienten schon seit Jahren, neben seinen Kopfschmerzen, wie er berichtet: Er hat sehr schlechte Zähne. Erst vor Kurzem musste der 64-Jährige Wurzelbehandlungen an mehreren Zähnen über sich ergehen lassen, an anderen füllte der Arzt Löcher.

Bei Nachfragen erinnert sich der Mann, dass die Kopfschmerzen in der Vergangenheit oft mit den Zahnbeschwerden einhergingen. Bereitete der Mund vermehrt Probleme, schmerzte auch der Kopf häufiger und schwerer. Einmal verschwanden die Kopfschmerzen sogar für einige Zeit, als er eine Zahnbehandlung abgeschlossen hatte.

Der 64-Jährige kam bislang nie auf die Idee, dass sein Kopfschmerz etwas mit seinen Zähnen zu tun haben könnte. Auch keiner seiner Ärzte hat bisher einen solchen Zusammenhang vermutet. Für die Neurologen aber scheint er naheliegend, auch wenn die verbleibenden Zähne auf den ersten Blick gesund erscheinen, nicht auf Klopfen reagieren und auch am Zahnfleisch nichts zu entdeckten ist.

Die Neurologen bitten den Kieferchirurgen des 64-Jährigen um Rat, er soll im Mund des Patienten nach verborgenen Krankheitsherden suchen - er wird tatsächlich fündig. Auf Röntgenbildern zeigen sich zwei Eiteransammlungen im Zahnfleisch des Mannes, beide auf der rechten Seite, eine über und eine unter einem Backenzahn.

Trigeminus-Nerv: Verbindung zu den Zähnen

Der Kieferchirurg entfernt das entzündete Gewebe. Außerdem verordnen die Ärzte dem Mann zehn Tage lang Antibiotika, um die Krankheitserreger zu bekämpfen, die die Entzündung im Zahnfleisch ausgelöst haben. Für den 64-Jährigen ist es der Anfang eines neuen Lebens. Immer seltener überfallen ihn die Kopfschmerzen, schließlich verschwinden sie ganz. Nach 35 Jahren habe sich seine Lebensqualität wieder verbessert, erzählt der Mann bei einer Nachuntersuchung 24 Monate später.

Kopfschmerzen und Zahnschmerzen können vom selben Nerv vermittelt werden, dem Trigeminusnerv. Es sei ein bekanntes Phänomen, dass Migräne auf diesem Weg Zahnschmerzen imitiere, schreiben die Mediziner. Seltener aber sei, dass sich Zahnschmerzen als Kopfschmerzen bemerkbar machen.

Trotzdem rufen die Mediziner Ärzte dazu auf, bei unerklärlichen Kopfschmerzen, die ins Gesicht ausstrahlen, die Mundgesundheit mitzudenken. Dabei müssen sich die Krankheitsherde nicht unbedingt bemerkbar machen, schreiben die Ärzte. Vor allem bei Menschen mit einem intakten Immunsystem könnten sich wie bei dem Mann Entzündungen in den Tiefen des Zahnfleischs bilden, die nicht direkt Probleme bereiten.



insgesamt 20 Beiträge
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teijin 29.09.2019
1. Und was, bitte schön, hat das mit "Verstahlt" zu tun?
Verstrahlt ist jemand , der einem starken oder lang andauernden schädlichen Einfluss durch ionisierende Strahlung ausgesetzt war. Es hat nun wahrlich nichts mit Schmerzen zu tun, die von einer Stelle woandershin ausstrahlen.
forums.nospam 29.09.2019
2. @teijin
Mit "verstrahlt" hat das alles insofern zu tun, als dass der Schmerz vom Entzündungsherd im Zahnfleisch über den Trigeminusnerv in den übrigen Körper ausstrahlte und so eine zutreffende Diagnose für die Mediziner schwierig machte.
Korken 29.09.2019
3. Nix verstrahlt
Unter "verstrahlt" verstehe ich etwas ganz anderes als das, was der Artikel beschreibt. Klickbait.
KaulQuappe 29.09.2019
4. selling stories
Diese kleine wirkt doch arg zusammengereimt und ausserdem schlecht aus dem englischen Medizinkauderwelsch übersetzt, was sich beispielsweise an folgendem Satz zeigt: "....zwei Eiteransammlungen im Zahnfleisch des Mannes, beide auf der rechten Seite, eine über und eine unter einem Backenzahn"
der-hausmeister 29.09.2019
5. Sollte mehr publik gemacht werden
Einer meiner Freunde hat auch jahrelang unter sehr starker Migräne (2-3x Woche) gelitten und alles mögliche probiert. Nachdem zufällig seine Zahnfüllungen aus Amalgam ersetzt wurden, war die Migräne komplett weg. Wenn er den Zusammenhang gekannt hätte, wäre das sicherlich eine seiner ersten Maßnahmen gewesen.
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